Unser Lieblingslied: Leipzigs größte Gartenparty bei Toto

Toto-Grillparty im Leipziger Zentralpark (Foto: Daniel Thalheim)

Toto-Grillparty im Leipziger Zentralpark (Foto: Daniel Thalheim)

1977 gegründet schrieb die amerikanische Rockband Toto erst in den Achtzigern mit „Hold The Line“, „Rosanna“ und „Africa“ ihre größten Hits. Daran konnten sich noch viele Leipziger erinnern, die keine Karte für das Parkbühnenkonzert im Leipziger Zentralpark kaufen wollten. So auch ich, der sich mit einem guten Freund in der Nähe des Eingangs des 1955 errichteten Venues gemütlich machte.

Zurück von Leipzigs größter Gartenparty mit finnischen Reiseeindrücken, Erinnerungen an nervösen Umherirrenden, einer vermeintlichen Whitesnake-Show und einem neuen „gemeinsamen“ Lied namens „Rosanna“, fragte ich nach der Wichtigkeit von Toto. In den Achtzigern füllte die Band Stadien. Am 14. August stand sie für knapp 60 Euro auf der gammeligen Parkbühne und gab ihre alten Klassiker zum Besten. Natürlich klatschten alle Menschen innerhalb des kleinen Arenenrunds bei ihren drei größten Hits, manche sangen sogar die eine oder andere Ballade mit. „Ist das nicht ein Lied von Michael Jackson“, fragte eine Leipzigerin in ihre große Runde. Das fragte ich mich auch als der Michael-Jackson-Hit „Human Nature“ mit seinem Refrain „Why, why“ ertönte.

Ist es nicht. Das Stück wurde von Steve Porcaro und John Bettis geschrieben, und von Quincy Jones produziert. Porcarco ist kein Geringerer als der Keyboarder und Liederschreiber von Toto. Zusammen mit dem Liedermacher Bettis schrieb er das Lied für Michael Jacksons „Thriller“, das 1987 erschien. Das erzählte uns ein langjähriger Toto-Fan, der die Band wie seine eigene Westentasche kennt aus der er Tabak, Filter und Zigarettenpapier hervorkramte, um sich eine Zigarette zu drehen. Er wusste auch, dass ihr Schlagzeuger Simon Philipps 1977 bei der britischen Heavy Metal-Band Judas Priest trommelte. Nur für die Zeit der Aufnahmen des Studioalbums „Sin After Sin“. Philipps ist ein großer Name in der internationalen Rockszene, bemerkte er noch während er den Filter zwischen seinen Lippen beim Reden hin und her bewegte, damit er die Hände für das Drehen seiner Kippe frei hatte.

„Wie eine große Gartenparty“, sagte mein Begleiter, der staunend um sich blickte, einen zeitungslesenden Mann entdeckte. Die Grills dampften wie die Zigarette unseres Toto-Experten weiß-graue Wolken in den dämmernden Himmel, eine Familie löffelte mitgebrachten Eintopf aus Campinggeschirr, die Campingstühle wurden um Decken aufgestellt, die Bierflaschen klirrten, ab und zu fiel eine halbvolle Weinflasche ins Gras. Die Gespräche wurden lauter als die Menge in der Parkbühne „Hold The Line“ mitsang und im Takt klatschte. Ein Mann torkelte an uns vorbei und stieß leere Bierflaschen um.

„Wer war eigentlich die Vorband?“, fragte jemand im Hintergrund seinen Nachbarn. Ich vermutete der Stimme des Sängers nach zu urteilen Whitesnake. Jene berühmte Hardockband bei der anfangs der jüngst verstorbene Orgelspieler Jon Lord mitmachte. Und der Sänger klang verdammt noch einmal nach David Coverdale. Aber der Mann auf der Bühne sprach glasklares Deutsch. Dann nuschelte es von der Bühne wer es hätte sein können. Rätselraten. Keine Infos auch auf der Parkbühnenseite. „Irgend so ein Lokalsupport sicherlich“, vermutete mein Begleiter unter dem hämmernden Takt seiner Kopfschmerzen, die seit Montag nicht weg gehen wollten.

Toto live am 6. August 2012 im Universitätspark Schwäbisch-Gmünd (Copyright: www.toto99.com)

Toto live am 6. August 2012 im Universitätspark Schwäbisch-Gmünd (Copyright: http://www.toto99.com)

Simon Philipps war an der Reihe. Sein ausgedehntes Schlagzeugsolo läutete den Superhit „Africa“ ein, bei dem mir vorm geistigen Auge die Ausschnitte ihres Videoclips hin und her huschten. Schnauzbärtige Männer mit Topffrisuren und Vokuhilas sangen wehklagend über die Mutter Natur und die dunklen Geheimnisse des schwarzen Kontinents als alles dort noch unschuldig war und nicht durch die Machenschaften des weißen Mannes zerstört war. Unser Lieblingslied war aber „Rosanna“, weil der alte Toto-Experte wie verrückt dazu einen Blues tanzte. Die Kippe im Mund. Wir konnten uns aber schwer auf das Geschehen konzentrieren. Uns erreichten ständig Wortfetzen der angrenzenden Grüppchen. Schwer da weg zuhören.

„In Finnland ist Heavy Metal das Ding!“, erzählte eine Frau mit ihrer piepsigen Stimme hinter uns zu ihren Freundinnen. „Wir waren in zwei Heavy Metal-Kneipen. Dort gibt es nichts anderes. Jeder hört Metal da!“ Irgendwann kam sie zum Punkt. Ihr Lieblingsschnaps ist ein Lakritzschnaps, der zufälligerweise auch in der Leipziger Helheim-Kneipe ausgeschenkt wird. „Scheddelspalter“ heißt er. Wird auch von Finnen gern dort getrunken.

„Africa“ verklang indes. Der Zeitungsleser hatte inzwischen auch seine Zeitung eingepackt weil es zu dunkel wurde. Die Grills verloschen langsam unter zischenden Geräuschen weil die Grillmeister Wasser auf die heißen Metalgitter und die glühenden Holzkohlenstücke kippten. Flaschensammler stöberten wie Suchhunde jede Glas- und Plastikflasche auf, die unbeaufsichtigt im Gras lag. Die Taschen wurden beim Ausklang von Leipzigs größten Gartenparty gepackt. Ein letzter Schluck aus der Bierflasche als die Zugabe erklang.

„Los weg hier, bevor die Massen aus der Parkbühne stürmen und uns in ihrem Strom mitreißen“, sagte mein Begleiter schon beim Gehen. Aufbruchstimmung nach ein paar Stunden Rockkonzert. Toto war in Leipzig. Vor der Parkbühne waren mindestens genauso viele Menschen wie drinnen. Aber 60 Euro für ein Konzert, bei der die Musik zwar wichtig war aber nicht der visuelle Eindruck – das war schon was. Aber wirklich wichtig ist Toto in der internationalen Rockszene nicht mehr. Für die Menschen ist ihre Musik aber schon noch außerordentlich wichtig. So sehr, dass die ganze Familien auf die Wiesen um die Parkbühne zogen.

Man sieht sich ja wieder wenn am 1. September Helge Schneider blödelt, am 8. September Heinz Rudolf Kunze da ist und am 9. September Reinhard Lakomy seinen dritten Traumzauberbaum präsentiert. Dann ist Schluss mit der sommerlichen Konzertsaison in der immer noch unsanierten Parkbühne.

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ein Kommentar

  1. […] ja auch ein Volk an”, sagte ich zu Elia, Mitleid kundtuend, “Kannst du dich noch an die Toto-Situation erinnern?” Scirouvsky lachte schallend. Er wusste zu genau wovon ich sprach als wir uns […]

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