Lust am Killen: Ein Inquisitionsversuch gegen Heavy Metal vor 20 Jahren

Screenshot der "Report"-Sendung "Ihr Kinderlein Kommet" auf Youtube (Copyright: Bayrischer Rundfunk, Screenshot: Daniel Thalheim)
Screenshot der „Report“-Sendung „Ihr Kinderlein Kommet“ auf Youtube (Copyright: Bayrischer Rundfunk, Screenshot: Daniel Thalheim)

„Heavy Metal zirkuliert in Zeitlosigkeit. Es ist nicht politisch, es vertritt keine Ideologie, es richtet sich gegen nichts und kennt viele Gefühle des Menschen, das ganze Bestiarium der Gefühle sogar, aber es kennt dafür nur einen Ausdruck: Lauter, härter und schneller zu sein als die Hölle“, schreibt Bernd Graff in der Süddeutschen Zeitung vom 7. August 2012. Das deutsche Feuilleton lobt Heavy Metal über den Klee. Vor zwanzig Jahren sah der Medienblick auf Heavy Metal freilich anders aus.

„Lange nicht mehr so gelacht“, kommentierte ein Facebook-Nutzer den „Report aus München“ aus dem Jahr 1990. „Ihr Kinderlein kommet“ heißt die bayrische Produktion, die vor den bösen Umtrieben des Musikgenres Heavy Metal warnen wollte. „Selten eine Doku mit so einem geilen Soundtrack gesehen!“, kommentiert ein Youtube-Nutzer das filmische Geschehen, wo Black Sabbath-Frontmann Ozzy Osbourne als Ausgeburt der Hölle vorgestellt wird.

Auslöser des Films war der Selbstmord zweier Jugendlicher in den USA, die laut ihrer Eltern zu oft Judas Priest-Songs hörten und sich so zum Selbstmord verleiten ließen. Einer blieb schwer verletzt und grausam entstellt am Leben. Danach zerrten die aufgebrachten Eltern die britische Rockband vor Gericht und versuchten mit einer aberwitzigen „Beweisaufnahme“ die Engländer hinter Gittern zu bringen. Rückwärts gespielte Liedpassagen, wo ein Staatsanwalt den Satz „Do it“ heraus gehört haben will, sollte untermauern, dass Judas Priest zum Suizid aufruft. Quatsch, urteilte der Richter.

Der Prozess gegen Judas Priest war ein Schlag ins Wasser für Amerikas christliche Fundamentalisten, die im Heavy Metal das Werk des Teufels sahen. Bereits in den achtziger Jahren hetzten die Fanatiker gegen die Auftritte von Ozzy Osbourne, Megadeth, Iron Maiden & Co. Wie Faschisten ihre Bücherverbrennungen inszenierten, verbrannten sie gekaufte Langspielplatten der Künstler vor den Konzertorten und versuchten anreisende Fans zur Umkehr zu zwingen. Noch in den neunziger Jahren waren die Fanatiker umtriebig: damals war Marilyn Manson ihr „Opfer“.

Dokumentiert wurde der Gerichtsprozess gegen Judas Priest in dem Streifen „Dream Deceivers“, der unter einem anderen Titel auch mehrfach im deutschen TV lief. Darin wird die Geschichte des Überlebenden seines Suizidversuchs, James Vance, erzählt. Die Story nahm die ARD-Sendung „Report“ zur Brust und schusterte eine damals bitterernste Hetzsendung zusammen, die heute allenfalls für Belustigung sorgt. Von „gotteslästerlicher Pornografie“ ist in dem Streifen die Rede. „Zielgruppe: Kinder und Heranwachsende“. Heavy Metal als Feldzug gegen die bürgerliche Idylle. So wurde das harmlose textliche und musikalische Treiben angesehen.

Auch in Deutschland wurde also gegen Metal gehetzt. Von perversen Klängen wurde im „Report“ gesprochen, TV-Sendungen wie damals eine auf „Tele 5“ ausgestrahlte Nachmittagssendung über Heavy Metal als „Horrorshow für Kinder“ deklariert. Fans wurden von den „investigativ recherchierenden Journalisten“ als „kultisches Beiwerk“ und als „wahrhaft satanisch verführt“ bezeichnet. Nach distanziertem und kritischem Journalismus klang das nicht, was die „Report“-Sendung 1990 so reißerisch kommentierte anstatt die gesellschaftlichen Entwicklungen und die sozialen Probleme der Täter bzw. Opfer zu beleuchten. Es gibt ja einfachere Erklärungsversuche.

So soll Ozzy Osbourne mit seinen Songs mindestens drei Suizide ausgelöst haben, hieß es damals von der „Report“-Redaktion in München. Damit war wohl die Warnung vor Alkoholmissbrauch, „Suicide Solution“ gemeint. Osbourne, jahrelang selbst schwerer Alkoholiker, wollte die Kids vor dem Missbrauch des Genussmittels warnen. Der Brite soll in seinen Texten „speziell das Christentum verhöhnen“. Gemeint war der Song „Miracle Man“, wo Ozzy Osbourne 1988 die Gehirnwäsche der christlichen Fundamentalisten in Amerika aufs Korn nahm, in seinem Video in einer Kirche voller Schweine sang. Für „Report“ eine Anspielung, dass alle nur „Schweinepriester“ seien. Da waren die europäischen  Kindermissbrauchsskandale im Zeichen der Soutane noch längst nicht Thema in den Medien. Wie Recht Osbourne im Nachhinein mit der Interpretation von „Report“ doch hatte, als die Sendung das Gotteshaus als „Schweinestall“, „Scheißhaus“ und den Pfarrer als „sadistischen Schweinepriester“ interpretierte. Für das Video „Killed By Death“ von Motörhead dachten die Macher aus München Polizisten als potentielle Mörder aus. Ein Umstand, der eine Tat wie die auf Benno Ohnesorg über zwanzig Jahre vor der Erstausstrahlung der „Report“-Sendung durchaus wahrheitsgemäß wiedergab.

Eine Grünen-Politikerin und Lehrerin versuchte ganz nach amerikanischen Vorbild der PRMC der damals wie heute aktiven Gattin des US-Demokraten Al Gore, Tipper Gore Alben der Death Metal-Band Cannibal Corpse wegen ihren „gewaltverherrlichenden“ Albumhüllen und Inhalte aus dem Verkehr zu ziehen. Sie erreichte mit ihrem „Engagement“, dass die amerikanische Musikgruppe jahrelang in Deutschland bestimmte Songs nicht spielen durfte. Ihre ersten drei Studioalben sind nur unter der Ladentischtheke gegen Vorlage eines Personalausweises erhältlich. „Report“ vermutete 1990 bereits Abstumpfungsprozesse beim Kaufen der bunt bedruckten Heavy-Metal-LPs.

In Zeiten von Amazon, Ebay & Co. mutet die Indizierung wie ein Treppenwitz der Geschichte an. Sogar die Popband „Die Ärzte“ musste dran glauben. Zuletzt „erwischte“ die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien die Alben von Rammstein und Kreator. Rammstein erhob Klage gegen die Indizierung und gewann. Kreator darf in der BRD ein Live-Album nicht offiziell vertreiben. Nach Rücksprache mit der Bundesprüfstelle, die ich nach der Indizierung des Rammstein-Albums „Liebe ist für alle da“ als Redakteur der Leipziger Internet Zeitung vornahm, reicht es nach Auskunft aus, dass nur eine Anzeige vorliegt und der Longplayer auf seine Inhalte in einem Gremium geprüft wird. Dass diese Entscheidungen ambivalent sind, zeigt der Umgang mit Kreator. Die BPjM kritisiert die gewaltverherrlichenden Texte von Mille Petrozza & Co. in Liedern wie „Pleasure To Kill“ aus der lauten Frühphase der Band als die Bandmitglieder noch um die 16 Jahre alt waren, lobt aber das politische Engagement des Frontmanns Mille.

„Lust am Killen“ konstatierte „Report“ den Nuclear Assault-Song „Hang The Pope“, wo fiktiv beschrieben wird, dass man den Papst aus dem Bett zerren und aufhängen solle. Drastisch mit dem Imperativ, … ja. Aber wurde seit Erscheinen des Songs 1986 je ein Papst oder ein Kirchenvertreter von einem Heavy-Heavy-Metal-Fan getötet oder verletzt? Im Gegenteil. Viele Metaller gehören einer der großen christlichen Konfessionen an. Ich habe sogar Metalfans aus Arabien und Israel kennen gelernt. Eine Band wie Nervecell aus Dubai verurteilt nicht den Islam an sich, sondern die Religionsausübung durch fanatische Fundamentalisten, die im Namen Gottes Feurio und Mordio schreien – und ihre Losungen gern mal in die Tat umsetzen. Anders als Metalfans.

Bitterernst aber die Tatsache, dass im aufkeimenden Black Metal Anfang der neunziger Jahre Metalmusiker wie Varg Vikernes Morde und Brandschatzungen verübten. Auch in Deutschland kam es zu so einem Vorfall. Black Metal ging in Teilen eine unheilvolle Allianz mit der Nazi-Ideologie ein. Umso sträflicher wenn der für ein deutsches Metalmagazin schreibender Kolumnist und Darkthrone-Schlagzeuger noch immer den verurteilten und inzwischen nach langjähriger Haft entlassenen Mörder und Brandstifter Varg Vikernes wegen seiner Konsequenz bewundert. Ausnahmen, die aufgebauscht schnell zur Regel wurden.

Da hilft es nicht, dass ein selbsternannter Experte und Psychologe allgemeine Zusammenhänge zwischen Straftaten und das Anhören und Anschauen von Heavy-Metal-Musik und -Videos herstellte. Heavy-Metal-Idole würden ihm zufolge und laut „Report“ zur Gewalt und Kriminalität anstiften. Eklatant fast schon wenn ein alter Herr als Vorsitzender der Bundesprüfstelle 1990 in die Kamera sagte, dass ein Zusammenhang zwischen Kriminalität und Musikkonsum bestünde und dass Ministerien und Jugendämter angehalten seien sich über Heavy Metal zu informieren, um eine Kausalität zwischen Heavy Metal und Straftaten herstellen zu können.

Wenn nach zwanzig Jahren der elfminütige Streifen nicht so lustig wäre, könnte man denken, eine öffentlich-rechtliche Sendung rufe zur Inquisition auf. Und immer wieder der Hinweis, dass mit Provokation Kohle zu machen ist. Ein interessant recherchierter Fakt, denn noch heute arbeiten viele Musiker und Metalfans in sozialen Berufen, sind Lehrer, engagieren sich in Vereinen, sind auf Konzerten bis auf ganz wenige Ausnahmen friedlich. „Alles Mimosen“, kommentiert der Leipziger Bassist M. Mimose von der Metalband „Mimosis“ die Metalszene heute.

Das Universum Heavy Metal dreht um sich selbst und wurde allen bürgerlichen Bedenken und Hetzkampagnen zum Trotz eine der größten Wirtschaftsfaktoren der heutigen Musikindustrie. Nirgend wo sonst kaufen Leute noch regelmäßig Alben der angehimmelten Künstler, wird so viel Geld für Fanprodukte und Konzerte ausgegeben wie hier. Die Raubkopier-Mentalität, die der selbsternannte Experte 1990 beschrieb, setzte sich vor allem in anderen Musikrichtungen durch. Beim Heavy Metal feiern längst von der Musikindustrie aufgegebene Tonträger wie das gute alte Vinyl ihr großes Comeback.

Dass Festivals wie Wacken von Straftaten und sogar dem Tod eines Besuchers überschattet werden, kann in diesem Zusammenhang als allgemeines gesellschaftliches Phänomen, während auch in Deutschland die Wirtschaft und das Arbeitsleben ins Rutschen geraten, betrachtet werden. Auf Popmusik-Festivals sieht es nicht anders aus. So bleiben mit „Dream Deceivers“ und „Ihr Kinderlein kommet“ schreckliche, tragische, traurige und vielleicht auch lustige Überbleibsel einer Zeit erhalten, wo Menschen noch glaubten, dass der Teufel noch existiert und der göttliche Funken nur in den Ministerien, Behörden und Redaktionsstuben herum spukt, Menschen nach zweierlei Maß eingeteilt wurden. Heute spielt der in „Report München“ auftauchende Psychologe und Polemiker sich als Medienkritiker auf und behauptet in einem Buch allen Ernstes, dass „uns die neuen Medien alle krank machen“ würden. Na dann, prost Mahlzeit! Wer den Teufel ständig an die Wand malt, darf irgendwann sich nicht wundern selbst als Teufel gemalt zu werden.

Mehr zu Heavy Metal, Wacken und Open Airs in meinem Blog.

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