Wackööön! Warum nicht zuhause bleiben?

Screenshot von der NDR-Homepage mit dem Wacken-Angebot (Bild: Daniel Thalheim, Copyright: NDR)

Screenshot von der NDR-Homepage mit dem Wacken-Angebot (Bild: Daniel Thalheim, Copyright: NDR)

Die deutschen Feuilletons sind voll mit Berichterstattungen über das größte Metalfestival der Welt: das Wacken Open Air. Mir fressen die Zeitungsberichterstatter nicht genug Staub, tauchen nur drei Tage im Jahr in die „Szene“ ein, die eigentlich fast nur aus Jubel-Metallern besteht. Den Spaß möchte ich mit meiner Kolumne niemanden verderben. Denn auch ich schaue mir den Internetstromdienst von der Sendeanstalt NDR an.

Die Begeisterung für Heavy Metal hält sein Jahren Einzug in der Kulturberichterstattung. Alle Jahre wieder ist „Wacken“ in aller Munde. Dem Hype können die Metaller einem Film verdanken. „Full Metal Village“ von der Regisseurin Cho Sung-hyung. 2006 kam der Streifen in die Kinos. Er zeigt wie die Dörfler in Wacken mit dem Festival umgehen, das 2011 86.000 Besucher in die norddeutsche Landschaft zog, wo das Dorf Wacken seit 1184 in der Geschichte vor sich hin schlummerte und Dank von Heavy-Metal-Fans seit 1990 immer größere Bekanntheit erlangt. Weltweit!

Der deutsche Wikipedia-Artikel bezeichnet das Wacken Open Air als den Höhepunkt des Metallurgen-Jahres. Meiner ist es nicht. Wie ich schon in meinem In-Flammen-Tagebuch schrieb, meide ich größere Festivals. 2006 und 2009 war ich schon auf dem With Full Force, aber zuletzt hatte ich schon am zweiten Tag die Nase gestrichen voll. Zeit totschlagen kann man mit angenehmeren Dingen als auf einem Acker zu zelten, den ganzen Tag Beine in den Bauch zu stehen und sinnlos Bier in sich rein zu kippen. Clubkonzerte sind viel spannender. Mochte ich auch immer.

Festivalstimmung hab ich nie verstanden. Sich deswegen den lieben langen Tag Bands reinzuziehen kann auch langweilig werden. Während der lauten Konzerte kann ich mit niemandem reden. In die Musik eintauchen kann ich bei Heavy Metal auch nicht. Was ist so spannend, sich Sepultura anzuschauen oder die bunt tätowierten Oberarme des Broilers-Frontmanns zu betrachten? Zuhören ist schöner. Mit etwas Abstand, so dass das Bühnengeschehen zur Hintergrundbeschallung wird. Wenn beim Hörvergnügen noch das Bier kühl ist, die Zigarette schmeckt und die Grundstimmung auf ein entspanntes Level sich einpegelt, dann ist das Festivalstimmung. Aber Regencapes, Kälte, Nässe lassen mich eher schnell auf dem Gelände herum irren bis ich auch davon gelangweilt bin. Außer ich komme mit Leuten ins Gespräch. Wie 2006 als ich auf dem WFF einen Schweden traf, der mir Kautabak anbot von dem ich high wurde.

Die Stimmung habe ich gerade wenn ich den NDR-Wacken-Strom nebenher laufen lasse während ich diese Zeilen schreibe. Gerade läuft das Konzert von der Punkband „Broilers“. Die Typen spucken Töne, die mir sogar besser gefallen als das was die Toten Hosen austüfteln. Schaue ich mir aber den Auftrittsplan an, dann hat der NDR ein paar Mal gehörig ins Abseits gegriffen. Wie der NDR noch am Abend des 3. August via Facebook mitteilte, obliegt dem Sender nicht die Organisation der Konzertmitschnitte. Der NDR kann nur das ausstrahlen, was die Veranstalter schicken. Da kann schon mal ein angekündigter Auftritt der Schweden von Opeth ausfallen. Wie schade. Bei Overkill, Saxon und Opeth gehe ich gern beim NDR-Service mit. Broilers auch. Ihre Reggaeversion von Iron Maidens Hit „Run To The Hills“ ist dermaßen witzig, dass schon allein deswegen die Punker eine Sonderstellung auf dem Wacken einnehmen.

Eine Klamaukgruppe wie „Hammerfall“ habe ich zu Recht mit zwei Folgen von „Auf Achse eingetauscht. Auf „Unearth“ kann ich auch verzichten. Die Ami-Prolls habe ich einmal live erlebt und darf mit Fug und Recht sagen, dass hinter ihrer Musik nichts steht als eine Pose. Die TV-Ausstrahlung des Auftritts von Channel Zero wäre um Längen besser gewesen. Aber Nein, In Extremo muss in den Äther. ‚Ne Truppe, die mir schon 1998 unangenehm auffiel, weil der Sänger mir und anderen Leuten in der Hamburger Markthalle verbieten wollte während ihrer FKK-Show in Röcken am Tresen Bier zu trinken. Und dann die ohrenbetäubende Show im Haus Auensee 2011 als ich dachte, das Dach des hundert Jahre alten Gebäudes fliegt in die Luft, gefolgt von hundert Feuerbällen. Nein, der 08/15-Deutschrock ist definitiv keine gute Wahl, nörgele ich mal in Richtung der Veranstalter.

Coroner und Sacred Reich hätte ich mir angeschaut wenn ich 2012 auf Wacken gewesen wäre. Das ist Metal! Nicht der Folk-Punk-Käse mit der Vierviertelpauke von In Extremo. Oder ich hätte als TV-Macher diese wirklich wichtigen und essentiellen Bands ins Online-Angebot genommen. Warum? Coroner ist das Schweizer Uhrwerk des Metal. Präzise gespielter Thrashmetal mit Gehirnschmalz und einer Beatles-Coverversion im Programm, die seinesgleichen sucht. 2011 wurde die Truppe neu gegründet. Seit 1984 gibt es sie mit der Unterbrechung zwischen 1995 und 2011. Ex-Celtic-Frost-Frontmann Tom Warrior grunzte die frühen Demos von Coroner ein. 2012 hievt Coroner zurück in die Wahrnehmung der Metalszene. Alben wie „No More Color“ und „Mental Vortex“ habe ich immer noch, höre sie auch noch an.

Sacred Reich ist einfach Pflicht. Eine systemkritische Haltung wie sie Frontmann Phil Rind einnimmt ist selten heutzutage geworden. Ihre Musik war immer sehr eigenständig. Sacred Reich gehörte einfach zum guten Ton. Und jetzt? Nur ein Geheimtipp? Stattdessen nur die bekannten Gesichter, die langsam Auftrittsverbot im TV bekommen sollten. Wie die Scorpions, die nach 2008 erneut auf dem Wacken auftreten.

Dabei sollte Henry Rollins mit seiner „Spoken Word Show“ eigentlich Pflichtstoff fürs Fernsehen sein. Auch ein Systemkritiker. Stammt aus der Hardcore-Punk-Szene. Oder die Polit-Grindcore-Fraktion von Napalm Death – taucht auch nicht im NDR-Strom auf. Die Band hätte wie Henry Rollins und Phil Rind in einem Interview wenigstens was zu sagen. Stattdessen die Theatermetaller von Cradle Of Filth. Fehlanzeige auch beim ZDF.

Ach nein. Wäre ich doch nach Wacken gefahren. Dann könnte ich wenigstens die Auftritte Ministry, Six Feet Under, Testament, Machine Head, Leningrad Cowboys und Dio Disciples anschauen. So bleibt mir nur der Gang zum NDR. Aber mit Circle II Circle, Watain, Dark Funeral und Saxon ist auch schon mal was ordentliches dabei. Dumm nur, dass ich dann doch lieber mit Freunden am Wochenende unterwegs sein möchte. So wird das nichts mit dem Couch-Festival. Aber ich bin im Trockenen. Hoffe ich mal…

Der Wacken-Online-Dienst vom NDR (Inzwischen eingestellt)

Der Online-Dienst des ZDF rund um Wacken

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