Kopf hoch und aufblicken: „Blaue Kanten“ von Nadine Maria Schmidt & Frühmorgens am Meer

Nadine Maria Schmidt & Frühmorgens am Meer (Foto: Corwin von Kuhwede)

Nadine Maria Schmidt & Frühmorgens am Meer (Foto: Corwin von Kuhwede)

Der Sommer war noch nicht angebrochen, der in diesen Tagen Leipzig mit seinen sengenden Sonnenstrahlen und seiner schwülen Luft quält. Als im Juni die Leipziger Liedermacherin Nadine Maria Schmidt zusammen mit ihrer Band „Frühmorgens am Meer“ den Nachfolger ihres 2009 erschienenen Debüts im Neuen Schauspiel vorstellte, waren die Besucher entzückt. Sie waren von „Blaue Kanten“ angetan.

FRIZZ-Redakteur Shevek Walden war von „Blaue Kanten“ begeistert als er die Platte das erste Mal hörte und dies der charmanten Sängerin in einem Interview beichtete. Ein wenig pragmatischer und holziger beschrieb jemand bei „Rocktimes“ seinen Höreindruck. Stimmliche Vergleiche mit Ulla Meinecke wurden beim Lied „Wenn sie geht“ laut. Auf „Deutsche-Mugge.de“ verfiel ein Schreiber in Andacht. Mich blies das Album nicht sofort um. Ich war blockiert als ich mitten in einer Lebenskrise das erste Mal das Studioalbum vernahm. Denn „Blaue Kanten“ ist kein Häppchen für den Appetit zwischendurch. Es fordert seinen Hörer.

So viel, dass er einfach den Alltagstrott vergisst, „Blaue Kanten“ den Raum lässt, der der Scheibe zusteht. Die 15 Titel nehmen nicht viel Zeit in Anspruch. Etwas über eine Stunde nur. Lediglich im Kopf muss der Hörer frei von Einkaufszetteln, Verpflichtungen, Urlaubsplanung, Lebenskrisen, Streit, Problemen und all dem menschlichen Ballast sein, der an einem zieht und ruckelt als wäre das das wichtigste im Leben. Nee, isses nicht.

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„Blaue Kanten“ hilft Träumen neue Flügel zu verleihen, wenn auch Nadines Geschichten sich um den Alltag drehen. Mal sehnsüchtig gehaucht, mal aufwühlend, summend, schreiend, klagend und dann wieder augenzwinkend frech und herausfordernd. Stets fantasievoll, nah an der Realität schrammend, echt eben. Ohne Umschweife auf den Punkt gebracht ist die Entdeckungsreise wie ein Gang durch einen dunklen Flur an dessen Ende Licht unter einer Tür schimmert. Stößt der Hörer sie erst einmal auf, entdeckt er wie er sich als Kind an der Hand hält und in den Raum blickt. Dort sitzen sie alle, die man gern hat. Sie malen die Monster bunt an, pinseln Wut, Trauer, Verlassenheit und Melancholie einfach so weg.

Der „Monstersong“ ist der Hoffnungssong für mich überhaupt, den Nadine Maria Schmidt schrieb. Er war 2012 auch der Frühlingsbote mit 70 GastsängerInnen im Monsterchor, die unter der Chorleitung von Alessandro Zuppardo von der Leipziger Oper und der technischen Leitung Florian Schüles das Stück einsangen. Das dazugehörige Video fängt die Stimmung ein, wie die „besten Fans der Welt“ die Sängerin und ihre Band tatkräftig unterstützten. Mit Stimme und Spenden.

Jeder kann mit der Musik von Nadine Maria Schmidt assoziieren was er will. Für mich ist „Blaue Kanten“ ein Album, das Bilder im Kopf entstehen lässt wie nur ein flüssig erzählter Roman von Theodor Fontane, Thomas Mann oder T.C. Boyle es vermag. Entweder an einem Baumstamm in der Burgaue angelehnt, allein für sich. Oder gemeinsam mit Freunden auf einem polierten Dielenfußboden einer Blockhütte sitzend und Wein trinkend. „Blaue Kanten“ kann in jeder Situation einen aus den Socken hauen. Es schafft Raum im Kopf. Egal wo man ist. Es ist als ob man kurz inne hält, den Kopf von der Arbeit erhebt und die Flugbahn der Erde durchs Weltall spürt. So soll Musik sein. So macht sie Frühmorgens am Meer. Nur so macht sie Sinn. Danke!

Zum Interview mit Nadine Maria Schmidt zu „Blaue Kanten“ und zu den Lebenswirklichkeiten als Musikerin.

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