Dunkles Vermächtnis: Testament gräbt nach eigenen Wurzeln

Testament anno 2012 (Foto/Copyright: Nuclear Blast/Testament)

Testament anno 2012 (Foto/Copyright: Nuclear Blast/Testament)

Wer hat sich nur den dämlichen Titel „Amtlich“ für die Spiegel-Online-Kolumne ausgedacht? Ein paar Schreiberlinge rühren dort monatlich im Namen des Stahls seltsame Texte ein, die der geneigte Freund der ganz harten Klänge pikiert beäugt als schreiben Außerirdische Metal schön, oder hässlich.

Das, was Wigger, Dörting & Co. einrühren ist jedenfalls besser als viele – unendlich viele überflüssige Betrachtungen in den Online-„Metalmagazinen“, wo das Schreiben offenbar noch so kunstvoll wie ein Rechenschieber praktiziert wird. Von „toller Gitarren- und Schlagzeugarbeit“ wird beim neuen Scheibchen der Bay-Area-Thrash-Metaller von Testament fabuliert. Wie stellt sich das der geneigte Leser vor, was ihm ein „Powermetal.de“-Mitarbeiter zu beschreiben versucht? Ist es der Groove? Die geheime Kraft aus dem Gitarrenhals von Saitenmagier Alex Skolnick, die schon Alben wie „Practice what you preach“ und „Souls of black“ Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger zu Klassikern machte? Inklusive dem Händchen der Band für eingängige Harmonien und Melodien, die sogar  der Schrank von Frontmann Chuck Billy singen kann – damals wie heute? Oder die Zauber-Trommelstöcke von Drummer Gene Hoglan?

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Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Was alle in so viele Worte zu packen versuchen und doch nicht können ist die gelungene Wiederkehr der 1983 im kalifornischen Bay Area gegründeten Band. Bay Area – die sonnige Gegend rund um San Francisco und Los Angeles, wo Anfang der achtziger Jahre unzählige Thrash Metal-Bands aus dem staubigen Boden sprossen wie Kürbis, Mais und Bohnen am östlichen Rand der USA zu Beginn seiner Besiedlung durch europäische Einwanderer, wie sie der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle gern in seinen Büchern beschreibt.

Wiederkehr deshalb, weil Testament nach einer durchwachsenen Selbstfindungsphase in den neunziger Jahren bis heute Täler durchschritt, wie die Erfolgsberge für die Truppe Ende der Achtziger hoch waren. So mancher würde jetzt unken, so hoch war damals nichts bei dem Vierer. Aber Testament wurde von 1987 bis 1990 als potenzieller Widerpart von Metallica gehandelt. Slayer stand ohnehin außer Konkurrenz. Die aus Violence hervorgegangene Truppe namens Machine Head war 1989 noch kein Thema. Selbst Machine-Head-Schreihals Rob Flynn würde sich vor einem Werk wie „Dark Roots Of Earth“ ehrfürchtig verneigen und seine Gitarre für immer an den Nagel hängen.

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„Dark Roots Of Earth“ zeigt wirklich eine Band, die an seine Glanztaten wie „The Legacy“, „New Order“, „Practice What You Preach“ und „Souls Of Black“ anschließen kann. Ohne Reibungsverluste reihen sich die neuen Songs in die alte Albumliste ein als hätte sich seitdem nichts verändert. Dass Testament sogar Scorpions- und Iron Maiden-Stücke wie „Animal Magnetism“ und „Powerslave“ mit eigenen Versionen auf dem von ex-Sabbat-Gitarristen Andy Sneap produzierten Studiowerk würdigt, entging sogar einem gewieften Spiegel-Online-Redakteur. Stattdessen ergeht er sich in Schwanzvergleichen und Wertungs-Holterdipolter mit der Ostküsten-Thrash-Combo Overkill. Warum auch immer. Das wäre fast so als würde ich Äpfel mit Birnen vergleichen. Soll so ein Urteil „amtlich“ sein? Ein Begriff, der so stockkonservativ rüberkommt wie ein trockener Stempel auf rissigem Amtsstubenpapier? Nur weil der selig entschlafene Sodom-Trommler Chris Witchhunter ständig das Wort vor sich hinmurmelte, wenn er „krass“, „geil“ oder „super“ meinte? Ach Leute…

Für mich steht Testament völlig außer Wertung. Bei dieser Band zeigte sich jeher, dass Spielvermögen, Klasse und Härte sich zu Tondokumenten von herausragender Qualität vereinen, ohne dass die Band seine Wurzeln im Szene-Untergrund verriet wie Metallica das in den neunziger Jahren tat. Dass Testament sein Faible für umweltkritische und gesellschaftspolitische Themen nicht vernachlässigt, beweist auch der Albumtitel „Dark Roots Of Earth“. Ob bei der Scheibe was besser oder schlechter als in der Vergangenheit gelungen ist, sollen andere niederschreiben. Für mich ist Testament immer die angenehmere Erweiterung meines Horizonts gewesen. So ist das auch jetzt mit „Dark Roots Of Earth“. Sieht man von frühen UFO- und Emerson, Lake & Palmer-Alben ab. Willkommen zurück, Testament!

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