Deep Purple im Rückspiegel: Klassik trifft auf Rock

Deep Purple in ihrer berühmten Mk II-Besetzung (Foto/Copyright EMI/Deep Purple)
Deep Purple in ihrer berühmten Mk II-Besetzung (Foto/Copyright EMI/Deep Purple)

14 Jahre ist es schon her als ich Deep Purple bei einem Konzert sah. 1998 war das. In Halle/Saale, Eissporthalle. Ein Ort, wo ich schon Skyclad, Manowar, Rage, Saxon und Motörhead bewunderte. Rage sogar zweimal. 1998 war das Trio mit Orchester da. Deep Purple nicht. Dafür mit einem Album und Jon Lord.

Als ich Deep Purple zum ersten mal hörte war ich gerade mal 14 Jahre alt. Ich weiß nicht mehr welchen Song ich vernahm, aber er klang interessant. Die musikalischen Kämpfe zwischen Hammond-Orgel und E-Gitarre beeindruckten mich. Wahrscheinlich hörte ich im Radio einen Konzertmitschnitt von „Made In Japan“. Jon Lords Lieblingsmitschnitt eines Konzerts von Deep Purple. Meiner ist es nicht. Gern hätte ich mir mehr von Deep Purples Auftritt in der Hallenser Eissporthalle eingeprägt. Gitarrist Ritchie Blackmore war nicht mehr dabei. Er mauserte sich zum Barden. Damit verschwand der Krieg auf der Bühne, der Konflikt. Der Kampf.

Oft haben sich Jon Lord und Ritchie Blackmore um die Ausrichtung von Deep Purple gestritten. Der Konsens führte zum Erfolg. Der Zwist zum Split. Die Ergebnisse konnten sich hören lassen. Sowohl mit Whitesnake als auch mit Rainbow. In jeder Hinsicht waren die Purple-Musiker fruchtbar. Sogar Sänger Ian Gillan, der auch mit Black-Sabbath-Gitarrist Tony Iommi und Solo gute Musik veröffentlichte.

Jon Lord, der Herrscher an der Hammond titelte der Spiegel. „Rock für eine Welt in Asche“ schrieb Zeit Online kurz nach dem Tod des Keyboarders, der am 16. Juli 2012 an den Folgen seiner Bauchspeicheldrüsenkrebserkrankung starb. Viele Blätter gaben das wieder, was per Pressemitteilung oder auf der Homepage von Jon Lord geschrieben stand. Das Vermächtnis von Jon Lord ist beileibe nicht größer als die der anderen Keyboard- und Hammondorgel-Spieler. Wenn ex-King-Crimson-Tastendrücker Brian Eno das selbe Schicksal wie Jon Lord ereilt, dann wird die Pressewelt genauso überstürzt reagieren und betroffen tun wie beim Deep-Purple-Gentleman. Oder etwa nicht?

Im Rahmen von Hard Rock ist Jon Lord zweifelsohne eine Ikone. Als Liedschreiber sowieso. Ohne Jon Lord kein „Smoke On The Water“, kein „Child In Time“, kein „Concerto for Group and Orchestra“, das 2000 eine Wiederaufführung erfuhr und so allen Metallicas in der Welt zeigte, wie eine Fusion aus Rock und Klassik funktioniert. Nicht umsonst trat die Band auf dem weltberühmten Jazzfestival in Montreaux auf. Die Verdienste für die Rockmusik sind unbestreitbar. Der Anspruch auch. Schaut der Musikliebhaber zurück in die späten Sechziger und frühen Siebziger, dann blickt er auf eine Rockwelt, die überschaubar war und verdammt gut. Da gab es Cream, die als Trio eine rockige Dampframme nach der anderen in die Lauscher pustete. Oder Led Zeppelin, eine Band, die zum Anfang ihrer Karriere den schwarzen Blues noch mehr verinnerlichte  als die Rolling Stones. Sogar Black Sabbath verleugnete nicht seine Wurzeln im Blues und Jazz. Ende der Siebziger verneigte sich die Band vor den Beatles, die Ende der Sechziger zerstritten war. Jimi Hendrix, Janis Joplin, King Crimson, Hawkwind, Rush, Wishbone Ash, Jethro Tull, Alice Cooper, Emerson Lake And Palmer, The Allman Brothers, The Who … Sie alle prägten den Sound der Zeit.

Deep Purple ist wohl auch deshalb so jedem im Gedächtnis geblieben, weil „Smoke On The Water“ so simpel und gleichzeitig auch so genial ist. Jeder Gitarrero lernt in seinen Anfängen das berühmte Tatata-Tatatatahhh. Das donnerte auch 1998 durch die Eissporthalle. Diszipliniert. Kein Krach, alles verlief in seinen geordneten Bahnen. Sogar das Publikum blieb andächtig als Deep Purple rund zwei Stunden einen Klassiker nach dem anderen abfeuerte, dazwischen die Stücke ihres damals neuen Albums „Abandon“ streute. Hatte ich damals den Gedanken, mal die Band mit einem Orchester zu sehen wie es Rage als Vorgruppe mit dem Lingua Mortis Orchester aus Praha unternahm? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr.

Ich weiß nur, dass ich am Nachmittag des 16. Juli 2012 einen Mann an einem Wehr in Richtung Agra und Großstädeln traf, der 71 Jahre alt war. Ich mich mit ihm unterhielt. Es war nicht Jon, der an diesem Tag in diesem Alter verstarb. Aber als ich den Markkleeberger See zwanzig Minuten später umkurvte, spielte mein iPod „Flight Of The Rat“ vom legendären „In Rock“-Album. Da hielt ich gedanklich inne als ich die Wolken beobachtete, die am Himmel von einem Sturm getrieben ostwärts geblasen wurden. Ich hielt inne, weil ich dachte, was wäre wenn Jon Lord stürbe.

Wie würden die Menschen auf diese Nachricht reagieren? So wie sie bei Michael Jackson reagierten? Wie bei Elvis? Kaum. Jon Lord sprach mit Deep Purple keine Fanatiker an, sondern Liebhaber, die sich beim Hören von Deep Purple-Alben zurücklehnen und auf sein Spiel warten – Jon Lords Spiel. Ohne das Zirpen, Ruckeln, Schnaufen, Rattern seiner Orgel würden Deep-Purple-Alben ungemein gewöhnlicher klingen. Ohne Jon Lord wäre vielleicht auch kein Ritchie Blackmore gewesen, der auf seiner Homepage mitteilt: „Jon was not only a great musician, he was my favorite dinner companion. We are all deeply saddened. We knew he was sick but the word was that he was recovering and doing much better. This news came as a complete shock. Without Jon there would be no Deep Purple. He lives on in our hearts and memories.“

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Ein Überblick zu allen wichtigen Studioalben und Live-Mitschnitten darf an dieser Stelle auch nicht fehlen. Deep Purple-Alben sind so günstig zu haben wie nie zuvor. Die Jubiläumsserie „25th Anniversary Edition“ aus den neunziger Jahren ist für die Anschaffung besonders empfehlenswert. Vor illegalen Downloads sollte schon deshalb gewarnt werden, weil sie den aufwändigen Verpackungen der „25th Anniversary Edition“ nicht Schritt halten können. Und all die Extras! Bis man die sich im Internet zusammensucht hat man locker drei oder vier Alben bei einem großen Internetdealer des Vertrauens für 6 bis 10 Euro erworben. Ich habe lange überlegt, ob ich bei Deep Purple meine Kategorien „Unverzichtbar“, „Nicht von schlechten Eltern“ und „Geheimtipps“ anwenden soll, weil jedes, wirklich jedes Album von Deep Purple etwas besonderes ist. Das fängt mit dem ersten Werk „The Book of Taliesyn“ an und hört bei den Alterswerken „Bananas“ und „Rapture Of The Deep“ auf. Wo soll man bei Deep Purple anfangen und einsteigen?

Ich vernahm Deep Purple zum ersten Mal im Radio. In den neunziger Jahren legte ich mir zunächst das Live-Album „Made In Japan“ zu, dann folgte „Made in Europe“. Die Konzertaufnahmen kaufte ich zuerst, weil man darauf gute Ein- und Überblicke bekommt. Das Interesse bohrte weiter. Also blieb es nicht nur bei den beiden Siebziger-Jahre-Epen. Es folgte „Machine Head“ aus der „25th Anniversary Edition“, dann „Deep Purple In Rock“ der selben Serie, danach „Fireball“. Warum ich einen großen Bogen um die Erstwerke machte, weiß ich bis heute nicht. Erst kürzlich kaufte ich die Anfangsalben „The Book of Taliesyn“, „Shades Of Deep Purple“, „Deep Purple“ und „Concerto For Group And Orchestra“. Aus den neunziger Jahren schimmelt noch eine Musikkassette namens „Nobody’s Perfect“ herum, die Deep Purple in der Phase aus den achtziger Jahren präsentiert. Die CD gab es auch in der Ramschkiste. 1998 legte ich mir „Abandon“ zu und fand das Werk trotz Fehlen von Ritchie Blackmore annehmbar, was mich auch dazu bewog, einem Konzert in Halle/Saale beizuwohnen. Allesamt empfehlenswerte Stücke, die man Zuhause nicht missen will. Aber echte Highlights sind die Konzertaufnahmen „Concerto For Group And Orchestra“ (1969) und „Deep Purple in concert with London Symphony Orchestra“ (2000). Hier verschmilzt Rockmusik mit Klassik zu einer ausgereiften Symbiose, an die nur Dream Theater 2006 mit dem dreiteiligen Goldstück „Score“ heran kam.

Oft vergessen und unterschätzt sind die Alben von Deep Purple als Glenn Hughes, David Coverdale den Mk-II-Sänger Ian Gillan ersetzten, und als Gitarrist Michael Bolin den verlassenen Stachel im Fleisch von Deep Purple, Ritchie Blackmore, ersetzen musste. Daraufhin löste sich Deep Purple nach einer Tournee 1976 auf. Aber das Studioalbum „Come Taste The Band“ besitzt aus der Sicht eines aufgeschlossenen Musikfreundes trotzdem seine Reize. Zu den unterschätzten Alben gehören auch „Stormbringer“, „Who Do You Think We Are“ und „Burn“.

Die Comebackscheiben „Perfect Strangers“ und „The House Of The Blue Light“ greifen den Sound auf, den die hier wieder zusammengefundene Mk-II-Besetzung Anfang der Siebziger frönte. Für mich etwas überraschungslos und nachvollziehbar. „Slaves And Masters“ dokumentiert den erneuten Ausstieg von Ian Gillan und ist für mich etwas zu poppig geraten. Das änderte sich mit dem Wiedereinstieg von Ian Gillan und dem Resultat „The Battle Rages On“. Danach verließ Ritchie Blackmore die Gruppe wieder in Richtung Bardentum. Auf „Purpendicular“ erfolgte der Einstieg des jetzigen Gitarristen Steve Morse. Ein Album, das ich bis heute nicht wahrgenommen habe. Anders eben „Abandon“, das für mich sehr lyrisch ausfiel. Aber nicht soft. Das letzte Studiowerk mit Bandbegründer Jon Lord.

Das Fortsetzungsalbum „Bananas“ hat auch ohne Jon Lord etwas, was an frühere Glanztaten anschließen lässt. Es ist auch modern im Anstrich und braucht sich nicht vor den Frühwerken verstecken.  „Rapture Of The Deep“ habe bis jetzt noch nicht in den Händen gehalten. Auch nicht die Konzertmitschnitte „Live At Montreaux 1969, 1996, 2006, 2011“, „Phoenix Rising“ und die „Classic Album Series“ mit „Machine Head“. Es fehlt jetzt in der weiteren Schaffensperiode eine ausführliche Dokumentation zur Band und all seinen Nebenprojekten, von denen Whitesnake, Gillan, Blackmore’s Night und Rainbow die bekanntesten sein dürfen. Leider fehlt jetzt ein Mensch, der ausführlich zu den Ereignissen von Anfang bis Ende berichten könnte – Jon Lord (1941 – 2012).

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2 Antworten auf “Deep Purple im Rückspiegel: Klassik trifft auf Rock”

  1. Über diesen Beitrag freue ich mich besonders. Deep Purple-für mich eine Band, die mich wie kaum eine andere musikalisch immer wieder überrascht hat und dies immer noch schafft. kein song wird langweilig, die instrumentelle Umsetzung lässt keine Wünsche offen. da stimmt alles und das auf den Punkt. sieht man die „alten Herren“ des Hard Rock heute merkt der Zuhörer und Zuschauer sofort die Spielfreude der Band.
    Deep Purple-auf jeden Fall ein muß für den Musikgourmet.
    Mit dem Tod John Lords hat ein großartiger Musiker die Rock´n´ Roll Bühne dieses Planeten verlassen. Da kann man wirklich nur hoffen das es im Himmel nicht nur Harfen gibt, sondern in irgend einer Ecke eine Orgel steht. Ehemalige Kollegen anzutreffen dürfte nicht schwer sein, Tommy Bolin wartet bestimmt schon mit einer Stromgitarre und mit Ronnie James Dio ist der Gesang dann auch wieder super besetzt.Irgendwie gehört letzter ja auch zur großen Purple Familie.
    All diese doch etwas abstrusen Vorstellungen vom Himmelreich lassen ja hoffen das es dann doch nicht so langweilig wird wenn man selbst mal an die Pforte klopfen sollte.

    rock on!!
    Veit Valdeig
    Rock´n Roll Overdose

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