Phillip Boa im Rückspiegel: This is the End! – Ein Interview von 2009

Phillip Boa (Foto: Daniel Thalheim)

Phillip Boa (Foto: Daniel Thalheim)

Was soll man als Musikredakteur über Phillip Boa noch schreiben? Und muss man das überhaupt? Er hat ein neues Album gemacht, er hat etwas zu sagen, er wird wieder in vollen Häusern spielen? Am besten wohl, ihm ein paar Fragen zu aktuellen Themen, seinem neuen Album, neue Mitstreiter, Musik und die Welt an sich in stürmischen Zeiten zu stellen. Eine Interviewreihe vom 8. bis 10. Februar 2009 für die Leipziger Internet Zeitung.

Hallo Phillip, wie ist das Wetter auf Malta? Hier in Deutschland ist das Wetter recht stürmisch. “Bürgerliche“ Parteien feiern sich nach der Hessen-Wahl, Wirtschafts- und Finanzkrise hohe Staatssubventionen. Beeinflussen solche fernen Begebenheiten das Schreiben von Songs oder die Studioarbeit?

In Malta fiel kürzlich Schnee, aber nur in Valletta und auf der Nachbarinsel Gozo. Die Malteser fanden das sehr aufregend. Da ich nicht immer auf Malta bin, sondern mir meine Zeit in Dortmund, Detroit und Malta aufteile, sehe ich die Probleme immer aus einer Distanz, was gut ist, um Songs zu schreiben – als Beobachter. Die Strukturprobleme in Detroit und im Ruhrgebiet sind durchaus vergleichbar, sind in Detroit allerdings eher stärker. Wer meine Aussagen über Jahre verfolgt hat, wird wissen, dass ich diese globale Finanzkrise vorausgesagt habe. Diese Krise hat nicht nur Einfluss auf alle zukünftigen gesellschaftlichen Mechanismen, sondern auf das Leben des Einzelnen.

Teil meines „Jobs“ als Songwriter ist es, mich täglich mit diesen Dingen zu beschäftigen; sie beeinflussen meine Arbeit. Mein neues Album ist bereits davon geprägt, nur sind die Songs sehnsüchtig und romantisch verkleidet, nur sind sie unter dem Vorhang auch gesellschaftskritisch oder politisch, zynisch…

Du musst Dir diese Welt unter der Romantik freigraben, indem Du Dich mit den Texten auseinandersetzt, was Du aber nicht musst- nur das – eher warme- Gefühl dieser Songs zu genießen, reicht mir durchaus schon. Diese neuen Songs sind wie das geheime, verbotene Wohnzimmer des Helden des Buches „1984“.

Hat sich über die Zeit der Entstehungsprozess bei Deinem Songschreiben geändert oder arbeitest du kontinuierlich nach einem bewährten Rezept?

Wie sich die Welt seit meinem letzten Album (Juli 2007) drastisch verändert hat, so ändere ich mich, so ändert sich meine Arbeit – sie reagiert auf das, was sich ändert. Daher dieses Album, daher etwa die Arbeit mit dem CAN Drummer Jaki, der diese Songs teilweise geprägt hat; soll heissen: Jaki spielt unabhängiger, zeitloser, davon gelöst von den Klischees der globalen Welt, die jetzt von diesen Klischees erwacht.

Was kannst du zu den Aufnahmen zu “Diamonds Fall“ sagen, wie hat sich die Studioarbeit gestaltet? Mir persönlich gefällt der Sound sehr gut.

Danke. Die Songs entstanden ohne Druck, mit Hilfe David Vella’s auf Malta und meinem Keyboarder Tött. Sie passierten einfach, ohne dass sich irgendeine Distanz eingemischt hat. Frei von Bullshit und Marktdruck, das mehr denn je.

Wie entstand die Zusammenarbeit mit Jaki Liebezeit und Tobias Siebert?

Ich wusste, dass Tobi meine Musik versteht und das nach dem letzten Album Potential nach oben da war. Tobi hat diesmal weniger selbst gespielt (alle Bässe allerdings), da er das, was wir ich aus Malta „angeliefert“ hatten, harmonischer und besser fand. Er hat diesmal mein Vertrauen gespürt, dass ich als misstrauischer Mensch vielleicht beim ersten Album nicht genug hatte.

Tobi ist selbst Musiker, Songwriter etc. und wir sind trotz Generationsunterschied sehr „auf einer Linie“. Mit Jaki zu arbeiten, war mein Wunsch seit meinem 2. Album, also 20 Jahre her. Ich mag seine Arbeit in der Band CAN (eine geniale Band, die man sich allerdings erarbeiten muss) und halte ich immer noch für den eigenwilligsten kreativsten Drummer in der Welt der „Rock/Pop/Elektronik…-Musik.

Nach 20 Jahren ruft ihn also mein Freund Thomas von Rough Trade an und Jaki sagt:“ ah ja, Phillip Boa – ich kenne seine Arbeit – ja, mach ich“. Ich war glücklich, wir fuhren nach Köln, um Jaki zu besuchen, und that was it, man!!

Was ist an dem neuen Album anders als zu den vorigen? Was wird den Fan erwarten, wenn er den Silberling in den Händen hält und überlegt?

Ich weiss nicht – sag Du es! Es sind Phillip Boa-Songs. Selbst, wenn es klingen würde, wie die letzten Alben, wären es immer noch neue Phillip Boa-Songs, etwa wie bei Nick Cave.

Aber durch die Veränderung der Zeit (siehe oben), Jaki und meiner noch extremeren „ich mach, was ich will“ – Haltung, gerade als Gegenpol zu dieser opportunistischen Zeit, hoffe ich, dass sie hier und da ein wenig anders ist … letztlich ist es aber ein Phillip Boa Album.

Deine Singleauskopplung “God Have Mercy With The 1-Eyed“ klingt für mich sehr ironisch. Aber ich frage mich, welche Stellung die Einäugigen in der “blinden“ Masse innehaben und wo sind die zweiäugigen geblieben?

Das sprengt nun hier den Rahmen. Du kannst den Song so sehen: als Lovesong oder, wie Du schreibst, als eine ironisch-zynische Gesellschaftsbeschreibung. Aber eigentlich ist es beides und mehr.

Es ist sehnsüchtig, romantisch, aber auch zynisch und böse und es hat viel mehr Facetten; durch die Interpretation meiner Arbeit entwerte ich Songs wie „Lord“ oder „Diamonds Fall“.

Rock, Pop, Indie. Alternative. In all der Kategorisierungsflut von Presse und Medien, wo würdest du dein künstlerisches Schaffen rückblickend und auch im hier und jetzt einordnen?

Überall – grob gesehen dort, natürlich; auf diesem Album sind durchaus auch elektronische Einflüsse. Aber es ist nicht wichtig. Ähnlich wie bei David Bowie verweigere ich, einseitig nach Schubladen zu klingen.

Eingangs habe ich einige Themen angeschnitten, die von politischer Natur sind (Wirtschaft ist im weiten Sinn der große “Impulsgeber“ der Politik und nicht umgekehrt). Was macht dich so richtig wütend, wenn du die neuesten Schlagzeilen weltweit verfolgst?

Alles. Das führt hier zu nichts. Parteipolitisch will ich nie einzuordnen sein. Das Beharren dieser Personen auf den Standards, die die Partei ihnen setzt, finde ich widerlich. Manchmal wünsche ich mir eine Räterepublik. Ich mag nicht den Kapitalismus in seiner brutalen Form, bin aber auch kein Kommunist. Egoismus, Heuchelei, Machttrieb und fanatischer Religionsglaube sind immer eine äußerst brisante, jedoch leider vorherrschende Mischung.

20 Jahre friedliche Revolution in Deutschland. Eigentlich haben doch mehr verloren als gewonnen. Als die Wende kam, war ich 15 und hörte deine Musik. Für mich war es auch ein innerer Aufbruch. Heute sehe ich vieles abgeklärter und wenn ich die Musik von damals mit der heutigen vergleiche, so bemerke ich einen ähnlichen Prozess. Vieles ist härter, komprimierter und sehr verzweifelt. Die sprichwörtliche Weltflucht (Kalter Krieg) der Achtziger, das Verträumte ist nahezu verschwunden. Siehst du das genauso, oder nimmst du die heutige Musik anders wahr?

Du hast Recht. Komisch, das „Verträumte“, von dem Du redest, versuche ich exakt mit meiner neuen Platte einzufangen.

Die heutige Musik ist oft der Spiegel der globalen Entwicklung anstatt, wie es eigentlich zu sein hat, Gegenbewegung zu sein und, um ein Klischee zu benutzen, revolutionär zu sein.
Die öffentlich-rechtliche Kulturpolitik verfehlt den Auftrag, den sie hat; die Intendanten sind korrupt in der Hinsicht, dass sie sich letztlich immer von Einschaltquoten verleiten lassen, da sie selbst auch unter dem Mediendruck und dem Einfluss der financial Controllers stehen. Feige?

Engagierte, kleine Plattenlabels können nicht mehr existieren, da sie nirgendwo eine Lobby haben; nicht mal die Major Labels haben mehr Möglichkkeiten, coole Musik zu vermarkten, denn sie wissen nicht, wo und passen sich daher an die platte Welt an.
Also: wo soll eine Musik von wirklichen Spinnern, Zweiflern, Künstlern, Visionären oder Wütenden herkommen?

Stichwort Medien: Rick Rubin meinte kürzlich in einem Interview (RockHard), dass er sich vorstellen kann, dass ein weltweiter Medienserver die komplette Musik, egal ob sie von etablierten Labels stammt oder von Label unabhängigen Musikern für alle Leute, die es wollen, komplett zugänglich gemacht werden könnte. Einnahmen würden durch ein monatliches Abo erzielt und alles wäre neben haptischen Medien (CD, DVD, USB-Stick) Friede, Freude, Eierkuchen mit der Musikindustrie. Wie würdest du das sehen?

So sehr ich Rick Rubin schätze, aber so kann nur ein abgeklärter Multimillionär klingen, der immer noch als trendy, jung und cool gelten will.
In der Realität sind diese Abos der Tod jeglicher neuen Musik, denn die Entlohnung der dieser Abosysteme ist in der Tat die größte Ausbeutung, die einem Musiker widerfahren kann; 8,99 Euro für 5 Millionen Songs, die man abonnieren kann.

Welch eine Sackgasse.

Regelmäßig unternimmst du den Tourauftakt in Leipzig. Welche Beziehung hast du zu unserer Stadt, was verbindet dich mit ihr? Gerade im Bezug zur Moritzbastei scheinst du einen guten Draht zu den Leuten zu haben.

Warum gerade Moritzbastei/Leipzig: in der Entstehung: Zufall.
Da ich gewisse Rituale + Traditionen mag, bin ich nie darauf gekommen, den Standort der Weihnachtskonzerte zu wechseln, obwohl es diverse Angebote aus Frankfurt, Berlin, Köln gab.

(Es wird mir jetzt zu lang, Mann …ich antworte kürzer … bitte hab Verständnis.
Die Fragen waren gut, deshalb so eine lange Antwort.)

Apropos Draht. Hast du noch Kontakt zu den ehemaligen Voodocult-Mitgliedern?

Leider nicht viel … Waldemar alle 2 Jahre, Gabby alle paar Jahre am Telefon. Ich verfolge, was sie tun + es macht mich stolz, so etwas wie voodoocult als Projekt auf die Beine gestellt zu haben. War kein guter Metalsänger, aber es war alles sehr naiv, aber sehr authentisch, von meiner Seite. Alles sehr sehr coole Typen übrigens. und Slayer find ich immer noch cool+ wie schön, dass Dave wieder dort spielt!!

Draht ist mein Stichwort. Ben Becker hat ja einen guten Draht zu Gott jetzt. Aber wie siehst du Religion vorm Hintergrund des überhitzten Islam vs. Gegen den Rest der Welt-Konfliktes?

Siehe oben. Unendlich komplex, unendlich + nahezu unlösbar.

Mich fasziniert an Kunst und Musik immer das kindlich-entdeckende des Künstlers und der resultierende Ausdruck, dass wir haptisch wahrnehmen können. Glaubst du, dass bspw. dieses Interview besser sein könnte, wenn wir in Realität miteinander gesprochen hätten?

Ja, aber ganz anders. Mehr Standard.
Und überhaupt, was war denn dein schlechtestes Interview überhaupt?

Hunderte von ca. 10.000

Letztens habe ich Paul Speckmann (Master, alte Deathmetal-Band) gefragt, was sein schlechtestes Konzert war. Er meinte, dass es für ihn weniger übel ist vor zwei richtigen Fans zu spielen, als ohne Support aus den eigenen Reihen (sprich die anderen Bands, die oft zusammen ne Sause machen, wenn wenig Gäste da sind). Ist das für dich eine schreckliche Vorstellung, nur vor ein paar Leuten zu spielen?

Ja. Wäre der Indikator, aufzuhören.

Was folgt nach der Deutschland-Tour? Große Pläne?

Keine Ahnung, was cool ist, Mann…

Danke!!!!!! THE END.

Anmerkung von Phillip Boa am Schluss:
Von mir aus, war es das schon. Es war doch nicht das kurze Interview, wie ich zunächst dachte und ich hoffe, die Fragen bereiten Dir Freude zum Antworten und ich hoffe, wir können uns bald persönlich treffen.

 

Eine Ankündigung zum Weihnachtskonzert 2009 vom 22. Dezember 2009 für die L-IZ

 

Auf diversen Foren und Plattformen brodelten die Gerüchte. Dann kam die Wahrheit ans Licht. Während seines letzten Aufenthalts auf Malta hat Phillip Boa ein Album mit seltenen Aufnahmen zusammengestellt. Das streng limitierte Album ist hauptsächlich für „richtige“ Fans des Voodooclubs bestimmt und nicht im regulären Handel erhältlich.

Aktuell wird mit Hochdruck daran gearbeitet, das Album auch auf den Weihnachtskonzerten in Leipzig anbieten zu können. Denn wie jedes Jahr kommt der musikalische Voodookünstler und Independent-Rocker wieder nach Leipzig. Schon zum Tourauftakt war er dieses Jahr in der Messestadt. Nun beehrt er die Moritzbastei an drei Tagen vom 25. bis 27. Dezember. Die drei Auftritte sind bereits ausverkauft. Der Voodooclub ist beliebt. Zumal die Band mit „Diamonds Fall“ seit Februar diesen Jahres ein erstklassiges Album voller funkelnder Pop-Hymnen über die Ladentische schiebt.

Nun folgt ein Dankeschön an die treuesten Fans: eine streng limitierte Veröffentlichung namens „The Malta Tapes Vol. 1 – Rare Songs & Out-Takes“, scheinbar erstmals am 25. Dezember in der MB.

Diese ganz spezielle Fan-CD ist eine Sammlung aus extrem raren Material, unveröffentlichten Rough Mixen, unfertigen Tracks, Demo Versionen sowie Original-Ideen von bekannten Boa-Songs. Die Stücke reflektieren sehr authentisch die Songs aus der Phase zwischen 1994 und 1999, bevor sie der Plattenfirma präsentiert wurden. Und Überraschung: Bei ihrer Arbeit im Studio stießen Phillip und Produzent David Vella im Archiv auf zwei weitere Tracks, die bislang auf keiner regulären Veröffentlichung zu finden sind und nun erstmalig veröffentlicht werden.

Im regulären Einzelhandel werden Fans das Album vorerst nicht finden. Die Fan Edition gibt es ausschließlich über den offiziellen Boa Online Shop. Ab den 5. Januar 2010 geht hier der Verkauf an den Start. Für Fans die eines der drei Weihnachtskonzerte in Leipzig nicht besuchen konnten.

Phillip Boa Live in der Moritzbastei am 25./26./27. Dezember 2009, Start jeweils 21 Uhr, Restkarten mit ganz viel Glück an der Abendkasse

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