Phillip Boa im Rückspiegel: Quality Street in der Moritzbastei

Phillip Boa live in der Leipziger Moritzbastei (Foto: Daniel Thalheim)
Phillip Boa live in der Leipziger Moritzbastei (Foto: Daniel Thalheim)

„Helios“ und „Boaphenia“ gelten als Meilensteine des deutschen Psychedelic-Rock. Im Frühjahr und Herbst war die Band mit den zwei Studioalben unterwegs, die rund 20 Jahre auf dem Buckel haben. Phillip Boa zeigte sich bei seinen Weihnachtskonzerten in Topform und überraschte sogar alteingesessene Fans. Ein Artikel für die Leipziger Internet Zeitung vom 28. Dezember 2012.

An drei Abenden präsentierte Meister Boa die beiden und noch viele mehr Alben. Ein verzücktes Publikum dankte es ihm mit viel Applaus. Seit vielen Jahren zieht es Phillip Boa nach Leipzig. Ganz früher verschlug es ihn ins Haus Leipzig. Seit elf Jahren verschlägt es ihn und seinen Voodooclub zur Weihnachtszeit in die Moritzbastei, um alte und neue Songs zum Besten zu geben.

Was sonst immer sonnenklar war, schwebte in diesem Sommer noch etwas im Ungewissen. Boa wollte die Region nicht totspielen, verriet er Interview in Halle/Saale. Drei ausverkaufte Abende wischten wie immer alle Bedenken beiseite. Viele waren im Vorfeld gespannt, ob der Tross wie im Frühjahr und Herbst 2011 die beiden Scheiben „Boaphenia“ und „Helios“ auch in der Pleißemetropele ausgiebig vorstellen würde. Er tat es. Doch bevor es dazu kam, füllte eine andere Kapelle die Veranstaltungstonne am Abend des 27. Dezember.

I Am In Love heißt der britische Fünfer, der beim Leipziger Plattenlabel „Velocity Sounds“ unter Vertrag steht. „Wir sind ‚Ich bin verliebt‘ „, rief ihr Sänger Seb Twigden auf Englisch dem Publikum zu, das interessiert in die Ratstonne strömte. Die aus Leicestershire stammende Band war nur eine Gruppe, die für Boa an diesen drei Abenden vom 26. bis 28. Dezember die Konzerte eröffnete. Die anderen Bands stammten aus Leipzig und hören auf die Namen „Computer says no“ und „Mjuix“. „Die machen ihren Job richtig gut“, raunte ein Leipziger Gast einem anderen zu, während er wie gebannt nach vorne schaute. Er blickte auf eine Band, die wie er sagte „retro“ und „quicklebendig“ auf der Bühne zappelte und wie nebenbei Stücke zum Besten gab, die der Musikfreund als „interessant“ und „abwechslungsreich“ bezeichnete.

Als die Show weiter fortschritt, begab sich Sänger Twigden mit einer Trommel ins Publikum und ließ einen Gast im Takt zum wummernden Schlagzeug aufs „Fell“ schlagen. I Am In Love spielte „I Want You“, das mit den Worten „If you want sex ask the next“ angekündigt wurde. Verwunderte Blicke zum Nachbarn, der nicht immer schön, drall und weiblich aussah. Die Bühne war in tiefrotes Licht getaucht. Twigden erhob seine Stimme zu einem Falsetto. „Ein waschechter Hit“, brummte jemand einem anderen zu. Während er das sagte, beschwörte der bewegungsfreudige Sangeskünstler mit eindringlichen Handbewegungen das Publikum. Als ob er sich Mehl von den Händen klopfen würde.

„Das hat er von Ian Curtis“, meinte der angesprochene Nachbar im Publikum. Oder doch von Phillip Boa? Der Leipziger entpuppte sich schnell als echter Musikliebhaber, der die Szenerie genau beobachtete und wusste, dass sich die britischen Elektropopper von New Order auch mit einer Keyboarderin namens Gillian Gilbert schon vor Jahren in ein neues Terrain wagten. Auch I Am In Love hat eine Frau an den Tasten.

Irgendwie klänge I Am In Love wie eine dufte Mischung aus dem Besten, was Großbritannien in den vergangenen Jahrzehnten in Sachen Pop hervor gebracht hatte, so der redselige Musikfreund. Auch wenn noch nicht alles ausgereift sei. Zwei Hits im Programm wären ein guter Start. Viele andere sahen es offenbar ähnlich, weil sie nach jedem Lied jauchzten und applaudierten. „Nur die Trommeln scheppern zu laut, aber das tut den Lieder keinen Abbruch“, hieß es vom Gast, der jeden Atemausstoß des jungen Sängers mit einer musikgeschichtlichen Anekdote zu verknüpfen vermochte. Dann war die Show auch schon vorüber. In vielen Gesichtern schien sich Zufriedenheit breit zu machen.

Natürlich waren die Erwartungen an den „Grandseigneur des Indie“ groß. So nannte ihn der Musikliebhaber, der sich im weiteren Gespräch als Sven vorstellte. Spielt Phillip Boa die beiden 2011 neu aufgelegten Scheiben „Boaphenia“ und „Helios“ komplett durch, oder würzt der „Meister“ das Ganze mit weiteren Hits aus seinem unendlich großen Repertoire, so die große Frage von Sven.

Klar, dass die Antwort nur von Phillip Boa And The Voodooclub selbst kommen konnte. Schon mit den ersten Songs machte Boa kein großes Federlesen und ließ die Anwesenden auf und ab hüpfen, mitsingen und im Takt die Hände klatschen.Schnell entpuppte sich der Auftritt nicht als typisches Boa-Konzert. Aber auch als eines, das nicht nur die Sprache der beiden Alben „Helios“ und „Boaphenia“ sprach.

Lieder wie „Merry Me“, „This Is Michael“, „Love On Sale“, „Atlantic Claire“ und das lange nicht mehr gespielte „Andy W“ kamen zu Zuge und stammen von Studioscheiben wie „Hispañola“, „GOD“ und „Faking To Blend In“, wusste Sven. Auch über die Single-B-Seiten freute sich der Mann, die Boa als Zugabe in die Menge streute. Darunter tummelten sich auch Hits wie „Johnny The Liar“, „And Then She Kissed Her“ und „Container Love“.

Für Sven war schnell klar, dass Boa mit seiner Mitstreiterin am Mikro, Pia Lund, ein ungewöhnliches Best-Of-Programm aus lange so nicht mehr gehörten Stücken zusammenstellte. Nach all den Jahren, die der aus Dortmund stammende und nun auf Malta lebende Musiker mit dem 1984 gegründeten Voodooclub verbrachte und nach Leipzig kam, wusste Boa immer noch zu begeistern. Sven nahm wie andere Anwesende eine schöne Erinnerung mit nach Hause. Er schaute stolz auf sein neu gekauftes T-Shirt, auf dem sich der Schriftzug „Phillip Boa“ breit über die stolz geschwellte Brust spannte.

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