Phillip Boa im Rückspiegel: Auf den Spuren der Vergangenheit

Phillip Boa beim Interview in Halle/Saale am 25. Juli 2011 (Foto: Daniel Thalheim)
Phillip Boa beim Interview in Halle/Saale am 25. Juli 2011 (Foto: Daniel Thalheim)

Jahr für Jahr sehen Leipziger den Grandseigneur des Independent Rock in der Moritzbastei. Phillip Boa hat in diesem Jahr eher einen Blick in die Nachbarstadt Halle/Saale geworfen. Dort spielt er kein cooles Clubkonzert. Mit dem Voodooclub zieht es ihn ins Steintor-Varieté, wo er neben The Invincible Spirit, AC Vibes, einem DJ-Set und zwei wirklich interessante Filme vorstellen will. Etwas ganz anderes als was man sonst von Boa kennt. Zu Weihnachten ist er natürlich wieder in Leipzig. Ein Artikel vom 26. und 27. Juli 2011 für die Leipziger Internet Zeitung.

Hallo Phillip, Du kannst dich sicher noch an das lange schriftliche Interview erinnern, das wir vor zwei Jahren geführt hatten. Du hattest dann gemeint, es wäre zu lange, trotz der guten Fragen. Damals hattest Du dein jüngstes Album „Diamonds Falls“ vorgestellt. Gibt es bald was Neues von Dir?

(Seufzt) Ich arbeite dran. Die Schatten, die die letzten beiden Alben werfen, sind so lang. Die Messlatte so hoch. Ich will ein gutes Album machen. Aber es ist noch nicht fertig.

Zuerst ist ein Konzert am 10. September in Halle/Saale angesagt. Es verspricht anders zu werden, als ein gewöhnliches Klubkonzert. Warum dieser Entschluss in Halle zu spielen und warum so ein Konzert?

Ich kenne Kay Schöttner vom Steintor Varieté schon sehr lange. Ich will etwas anderes machen, ein bisschen mehr als ein normales Konzert. Ich habe zwei Vorbands, die ich beide persönlich kenne. Zwei Filme werden gezeigt, hinterher legt ein DJ im Foyer auf. Es ist ein kleines, liebevoll gestaltetes „Event“, ohne den üblichen Bullshit. Die Filme sind schon sehr für Insider gedacht, aber die sind gut. Einer von ihnen ist wohl seit zwanzig Jahren nicht mehr gezeigt worden, ich glaube nicht einmal mehr im Fernsehen. „Breaking Glass“ ist ein toller Musikfilm. Ich bin gespannt, ob das ankommt.

Welche Beziehungen hast Du zu den Filmen „Breaking Glass“ und „The future is unwritten“ die an diesem Abend laufen werden?

Das sind Filme, die ich einfach liebe und die kaum jemand außer mir kennt. In Deutschland jedenfalls. Wir haben schon einmal so ein „Event“ gemacht, … „Event!“ – scheiß Wort. Das war in Lüneburg zusammen mit der Original-Coverband von Joy Division aus Manchester. Dazu wurde exklusiv vor seiner Veröffentlichung der Anton Corbjin-Film „Control“ gezeigt. Das war damals total super, weil das ganze mehr oder wenig auf dem Land stattfand. Aber es war voll dort! Die Leute fanden es ziemlich gut. Ich bin gespannt, wie es hier läuft. Es kann ja auch – wie wir es im Ruhrgebiet sagen – in die Hose gehen. (Lächelt)

Das glaube ich nicht, weil das kommende Konzert am 10. September sich bestimmt vom Rahmen her völlig unterscheidet als die Leipziger Konzerte zur Weihnachtszeit. Wirst Du dieses Jahr wieder in Leipzig spielen?

Wir überlegen noch. Ich weiß nicht so recht, weil wir die Gegend Halle-Leipzig nicht totspielen wollen, wenn man so etwas wie in Leipzig macht. Aber dann sind da noch die Fans, die auf die Weihnachtskonzerte stehen. Mal sehen…

Warum gerade diese beiden Vorbands The Invincible Spirit und AC Vibes bei deiner Show in Steintor-Varieté?

AC Vibes sind aus Halle. Das ist ein schottischer Gitarrist, der ziemlich gut ist. Seine Partnerin ist aus dieser Gegend. Die Band war ein paar Mal Vorgruppe von uns. Sie sind sehr nett und ziemlich cool. Sie haben den White-Stripes-Sounds drauf, schon bevor diese Band erschien. The Invincible Spirit ist auch aus dem Ruhrgebiet. Den Thomas Lüdke (Keyboarder und Sänger seit 1984, Anm. d. Red.) kenne ich schon vorm Beginn meiner so genannten „Karriere“. Er hat den Elektrosound in Deutschland mit erfunden, diesen Techno-Elektro-Beat mit Samples und Gesängen. Seine Musik ist immer in Discos und Klubs, auch in Rockklubs gelaufen. Thomas war mit seinem Sound seiner Zeit weit voraus, wie ich finde. Besonders sein Song „Push“ wurde wirklich so oft von anderen Bands gecovert. Trotzdem ist er fast unbekannt, weil ihm seine Popularität völlig egal ist.

Du hattest auch zwei ältere Werke in diesem Jahr „Helios“ und „Boaphenia“ wieder veröffentlicht. Was war genau dein Anliegen?

Der Hauptgrund war der, dass die beiden Platten vergriffen waren. Die Single-B-Seiten aus der Zeit, … auch so ein komischen Wort – Bonustracks – gab es auch nur noch bei ebay ganz schwer zu finden. Der Sound wurde bei den Neuauflagen an die Jetztzeit angepasst, ohne die Songs zu verändern. Jetzt klingt alles fetter, lauter und runder. Das war mir auch wichtig.

Was im Osten der Republik nicht so bekannt ist, sind deine Anfänge …?

Wir waren im Osten ziemlich populär, bevor die Wende kam. Zum Beispiel waren wir bei DT 64 noch vorm Mauerfall 1989 beliebteste internationale Band.

Ich persönlich kannte als Metalhead zwar deine Songs, kannte aber nichts von den deinen ersten Gehversuchen, der Vorgeschichte hin zum Voodooclub.

Dieser „Erfolg“ war auch nur 1988 und 1989. Zuvor hatten wir gar nicht live gespielt. Das erste Konzert war 1987. Die Fans kannten alle Songs als wir zwei Wochen vor Mauerfall in der Werner-Seelenbinder-Halle gespielt haben. So hieß auch das damalige Bootleg, „Before the wall came down“. Da kannte man schon jeden Song von uns. Wahrscheinlich haben alle Westradio gehört oder so. Damals lief unsere Musik schon noch im Radio, zumindest in Berlin. Eigentlich war Radio nie unser Freund. Wir sind nie so oft im Radio gelaufen, Heute nicht und auch damals nicht. In Berlin dann schon, weil es da einen Sender gab, der uns gespielt hat.

Als ich damals deine Songs einer Live-Platte gehört hatte, dachte ich mir, was für ein interessanter Musiker. Damals hörte ich Cannibal Corpse und diese extremen Geschichten. Als ich den Voodooclub live gesehen habe, ist das schon ein intensiverer Eindruck, als bei so manchem Metalkonzert gewesen. 

Ich mag Metal ja auch teilweise… Deinen Eindruck würde ich so nicht unterschreiben, aber das Konzert in der Seelenbinderhalle war schon einmalig, glaube ich. Ich weiß nicht, ob das auf der CD so rüberkommt. Zumal die ja nicht offiziell ist. Das war damals eine Energie da, die nie wieder gekommen ist – das war unglaublich!

Man könnte den Eindruck haben, Du stündest auf Kriegsfuß mit dem Internet, weil Du im letzten Interview die Umsatzeinbrüche in der Plattenindustrie beklagt hast und viele Leute nicht nur deine Songs illegal downloaden, aber auch angedeutet hast, was man so als Künstler bei Internetverkäufen „verdient“…

Nein, ich stehe nicht mit dem Internet auf Kriegsfuß. Unser „Imperium“ (lächelt und fügt hinzu „Das Imperium schlägt zurück“), „Constrictor“ und alles, was damit zusammen hängt, wird von uns allen selbst organisiert. Da läuft viel übers Internet. Wir nutzen das sehr und teilweise erleichtert das sogar unsere Arbeit. Als Künstler kann ich damit gut zurecht kommen, aber bei jungen Bands, die jetzt anfangen, finde ich die Möglichkeiten mehr oder weniger ausgeschlossen, von der Musik zu leben. Kürzlich habe ich eine Überschrift gelesen „Eminem ist jetzt Downloadmillionär“ (lächelt). Das ist typisch Journalismus. Dann habe ich gelesen, er hätte eine Million Downloads verkauft. Das ist eine ganze Menge, doch zufällig ist er bei der selben Plattenfirma (Universal Music, Anm. d. Red.) wie ich und hat einen Künstlervertrag. Und ich weiß, was man pro Song kriegt – 3 Cent. (Lacht)

Was ich damit meine, ist die Ausbeutung von legalen Downloads. Das ist die Sache fast gar nicht wert. Ich habe bei unserem Live-Album mal ausprobiert, das ohne legale Downloads zu verbreiten. Downloadalben werde ich auch in Zukunft nicht machen, weil das albern ist. Aber eine Million legale Downloads musst Du erstmal schaffen. (zwinkert) Wenn das die Zukunft ist, kann sich keiner davon ernähren, außer das Portal vielleicht (lacht) oder (ganz leise gesprochen) iTunes vielleicht… keine Ahnung.

Was würdest Du einer jungen Band raten, die am Anfang ihres Schaffens steht und womöglich auf kostenlose Internetdownloads angewiesen ist und sich fragt, warum das nichts wird?

Ich rede mit denen, so wie ich mit Dir jetzt rede. Aber ich habe das Gefühl, dass ich nicht dabei gut weg komme – gut ich rede von einer Plattform aus, wo es noch funktioniert. Und zwar deswegen, weil ich inzwischen viele Songs gesammelt habe und weil wir viele treue Fans haben. Die haben wir uns zwanzig Jahre lang erarbeitet. Ich wüsste nicht, wie man das heute erreichen kann. Wenn ich einen Tipp gebe, komme ich mir vor wie jemand, der … ich weiß nicht, … so herablassend ist, obwohl man das nicht will. Man ist selber in einer viel besseren Situation und gibt Tipps.

Vielleicht wollten andere diese HInweise gar nicht haben. Ich rede natürlich trotzdem mit ihnen. Aber oft zerstört man die Träume. In unserem Studio in Malta hängen oft Bands herum, egal wer: Metalbands, Indiebands, Alternative-Bands, Pianisten. Und mit denen rede ich ständig über diese Frage. Jedes Mal merke ich, wenn ich weitermache, zerstöre ich ihre Träume. Dann schalte ich einen Gang zurück.

Da scheinen Wahrheiten zu Tage zu treten, die Du sicher auch erlebt hast…

… und auch ständig erlebe. Da kriege ich super Abrechnungen über den Song „And then she kissed her“ von 50.000 Downloads im Halbjahr – was ich als viel empfinde – und bekommst auf die Hand 28 Euro. An jeder verkaufter CD verdient man einen Euro. Aber bei den Downloads ist das pro Song nicht einmal mehr 3 Cent. Vieles läuft dann über das Abo-System wie bei Napster. Da zählt es auch und da sind es gerade mal 0.0007 Cent oder so in etwa. Massen davon, aber dann denke ich mir, man kann der beste Musiker der Welt sein oder der Mann oder Frau mit den besten Ideen – wie sollen die sich jemals von ihren Träumen ernähren? Das finde ich traurig.

In Warenhäusern liegen die CDs für mittlerweile für 5 Euro herum …

Weil alle verzweifelt sind und Cash brauchen… Selbst ein Album von Lady Gaga, die sehr erfolgreich ist, kostete vier Wochen nach Erscheinen 4,99 Euro bei Saturn. Sie ist weiterhin hoch in den Charts, … aber die Produktionskosten, (Lächelt) … die müssen sich auf Millionen belaufen. Eigentlich ist das alles absurd!

Kleine Bands verschulden sich meist.

Ganz oft, ganz oft! Das traurige ist auch, dass es in der Klassik-, Theater- und Opernwelt ganz anders ist. Von den Kommunen laufen Subventionen ohne Ende in die Häuser, die eigentlich viel populärere Form der Musik wird total ignoriert und zunichte gemacht. Bevor eine Band sich traut, live aufzutreten ist die Band schon meist kaputt, weil die Träume zerstört sind.

Das klingt fast wie ein Plädoyer für eine kommunale Förderung von Pop-Bands?

Gibt es ja in Berlin. Dort funktioniert das. Oberbürgermeister Wowereit ist in der Beziehung recht offen. In Berlin war sowas schon immer Gusto gewesen. Dort wird Popmusik gefördert, und warum auch nicht. Dort werden auch Klubs gefördert. In anderen Städten gibt es das allerdings auch.

Die Anregung nehme ich nach Leipzig mit. Frage zum Schluss an dich: Hast Du eine Botschaft an die Leipziger?

Sie können selbstverständlich nach Halle kommen! (Lacht) Hier am Steintor ist es ganz anders. Die Moritzbastei ist eben ein Original. In der Tonne ist es sehr intim, aber man ist mit der Show an sich begrenzt. Dort ist es ein richtiges Rockkonzert – das ist sehr geil! Das Steintor Varieté bietet verschiedene andere Möglichkeiten. Dort kann man die Filme zeigen, der DJ ist da, der Saal ist riesig groß und ist ein wunderschönes Theater – eine andere Welt,… und es ist nicht bestuhlt!

Vielen Dank für das Interview!

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