Eine Band, die polarisiert: Jonas Hinnerkort von 1000 Robota im Interview

1000 Robota war 2010 mit ihrem neuen Werk „Ufo“ in der deutschen Musikpresse in aller Munde, heimsen gute Kritiken ein, spaltete aber auch mal die Meinung unter den Musikkritikern auf. Ich war mir nicht sicher, wo man die Band einordnen soll. Ein Artikel vom 14. September 2010 für die Leipziger Internet Zeitung.

Herr Hinnerkort, wann hat die Band mit den Aufnahmen zum neuen Album begonnen und wie lange habt ihr dafür gebraucht?

Wir haben uns diesmal sehr viel mehr Zeit genommen als für die Produktion unseres Debüts. Das war uns auch sehr wichtig und ein großes Glück. Wir hatten die Möglichkeit weitestgehend unabhängig von ökonomischen Zwängen, zeitlich recht uneingeschränkt an unserem Zweitwerk zu basteln.

Beim Hören von „Ufo“ fühlt man sich bei euch an schwarz angestrichenen Punk Rock erinnert, wie er vor 30 Jahren die Independentszene aufgerollt hat und von Editors und Interpol vor zehn Jahren wiederbelebt wurde. Warum haben Sie sich diesen Klängen verschrieben? Ist ihrer Meinung nach in diesem Bereich musikalisch noch nicht alles gesagt?

Wir haben uns keinen Klängen verschrieben, als wir anfingen Musik zu machen! Damals waren wir so um die 16 Jahre alt, da hörten wir nicht Gang of Four sondern Mando Diao. Es ist ein mittlerweile häufig festzustellendes Phänomen, dass Leute wahlweise Fans aus älteren Jahrgängen oder oftmals Journalisten, uns mit Gang of Four vergleichen.

Das ist sowieso der häufigste Vergleich, den wir zu hören bekommen. Höchstwahrscheinlich weil er im deutschsprachigen Raum so gerne adaptiert wird, von den ein zwei kleinen Berichten aus Großbritannien die es über die Gruppe 1000 Robota zum Debütalbum gibt.

Wir haben uns keiner Independentszene aus welchem Jahrzent auch immer verschrieben. Vielmehr pflegen wir mit aller Kraft die 10er zu prägen und überhaupt noch irgendein Gefühl von Frische und Ideal in die Kulturlandschaft reinzufeuern.

Gleichzeitig stelle ich fest, dass Sie einer anderen Liebhaberei frönen. Ihr Sänger Anton Spielmann hält in seinem Blogeintrag auf ihrer Seite ein Vinyl ins Bild. Können Sie an dieser Stelle noch einmal ausführen, warum Sie die Fahne der traditionellen Tonträger wie LP und CD hochhalten?

Dazu kann ich nur sagen dass wir generell Liebhaber von Schallplatten sind und Schallplatten für uns einen höheren Wert haben als CDs. Da der Tonträger in seiner Form als bloßes Medium um die Musik zu hören eh ausgedient hat. Das hat wohl mittlerweile jeder begriffen. MP3s in höchster Qualität machen die Aufgabe der CDs praktisch und in handlichem Format die Musik zu transportieren zunichte.

Dennoch messen wir dem Wert des Kunstwerkes, sprich dem Werk des Künstlers sehr viel bei. Denn wenn in Zukunft auf der einen Seite nur noch MP3s verkauft werden, stirbt auf anderer Seite ein Medium das mehr will als bloße Musik zu transportieren. Somit sehen wir das Format der LP als das Format des Künstlers und des Kunstliebenden, des Liebhabers der sich noch schert um den Schaffenden und sich an einer schön gestalteten LP erfreuen kann.

Ist auch eine Frage des Respekts, und das soll nicht hochgestochen klingen. Wir sind keine Band, der es egal ist, ob sich jemand um die Platte schert. Was nicht heißen soll, dass wir uns anbiedern wollen. Das bedeutet einfach, dass wir uns als junge Musiker daran erfreuen, Menschen die ebenfalls mit dem gleichen Denken durchs Leben schreiten, eine Freude zu bereiten, indem wir ihnen einen tollen Tonträger bieten.

Viele, vor allem junge Menschen neigen dazu diese Fakten zu vergessen, obwohl sie das wahrscheinlich gar nicht böse meinen, kein Wunder bei dem ganzen Konsumwahn et cetera, … Darum dieses Anschreiben an die Fans: Leute! Wir lieben unsere Schallplatte, ihr werdet sie auch lieben.

Mir ist aufgefallen, dass Sie trotz so jugendlichen Alters sehr reife Musik spielen. Das ist kompositorisch und auch textlich so. Würde man ihr Alter nicht kennen, hat man den Eindruck, dass hier eine Band ist, die schon zehn Jahre zusammen spielt und 100 Shows pro Jahr abreißt. Woher kommt ihr Anspruch?

Ich denke das ist nicht „ganz“ richtig. Musik, vor allem aus dem Bereich in dem wir uns bewegen, kommt schon immer auch von jungen Menschen. Avantgardistische, punkige, innovative, kreative, welchen blöden Begriff man auch nehmen mag, „gute Musik“ kommt schon immer „auch“ von jungen Musikerinnen-/Musikern.Das soll nicht heißen, dass Leute im gehobenen Alter nicht dazu fähig seien musikalisch auf den Tisch zu hauen. Jedoch gibt es aber immer weniger junge Musiker, die aus ähnlichen Ambitionen wie wir zu den Instrumenten greifen. Woran das liegen mag wäre auch nochmals zu hinterfragen, jedoch lässt sich das feststellen wenn wir uns so umschauen in unserer Generation.
„Wer uns hasst, entscheiden wir“, steht auf Ihrer Myspace-Seite. Wollen Sie immer das Heft in der Hand behalten oder was ist mit dieser Aussage gemeint?

Das Heft in der Hand behalten tun wir zweifelsohne, weil wir auch sehr gut wissen, dass man Fehler machen muss um zu wachsen. Wir wissen, dass wir hinfallen und noch mehr wissen wir dass wir wieder aufstehen. Wer uns hasst entscheiden wir.Als wir 2008 nach der Veröffentlichung unserer ersten Platten ins Haifischbecken getaucht sind, haben wir vor allem übers Internet viel Kritik erfahren. Positive wie negative. Das relativiert sich eh alles. Wir konnten unterm Strich feststellen dass unsere Idee von Reaktion auf „Du Nicht Er Nicht Sie Nicht“ wunderbar aufgegangen ist.
Wir haben aufgefordert, geradezu diktiert: „Ihr jungen Leute unserer Generation packt es an, macht was aus euch lasst euch nicht alles gefallen, schreit wenn euch was stört…“. Ne gute Idee war das. Wir sind davon ausgegangen wenn die es begreifen, dann schreien sie.Und wenn es erstmal der Lehrer ist, den sie anschreien. Aber am Ende des Tages wurden jedoch wir am meisten angeschrien, … (Lachen). Die Band polarisiert halt. Das haben wir da sehr schnell feststellen können. Was wir nun einfach sagen können ist, das unser Plan aufgegangen ist : Wir haben geschrien, sie sollten schreien und sie haben geschrien. Es hat also funktioniert. Es ist was passiert. Dieser ganzen Komplexität aus Hass und Fantum ist auch dieser Zeile entsprungen.Eine Konzertankündigung vom 11. August 2010 für die Leipziger Internet Zeitung.„Wer uns hasst, entscheiden wir“, verkünden drei Milchbubis aus Hamburg, die schwarz gefärbten Punk Rock spielen. Die Musikpresse ist verblüfft und klappt kollektiv die Kinnladen herunter, als ob seit dreißig Jahren nichts vergleichbares wie Joy Division & Co. veröffentlicht wurde. Irgendwie zu Recht.

Der zu früh verstorbene Joy Division-Sänger Ian Curtis hätte seine helle Freude an dieser blutjungen Band, die mit deutschsprachigen Texten vor zwei Jahren mit gerade mal 17 und 18 Jahren sogar bei der englischen Musikpresse für Vergleiche wie Fugazi, Joy Division und Gang Of Four sorgte.1000 Robota machen aber nicht den Fehler in irgendeiner Weise Joy Division zu kopieren, wie es vielleicht Editors und Interpol versucht haben. 1000 Robota klingen als ob sie vor 30 Jahren in eine Zeitmaschine gesprungen sind und aus ebendieser im Hier und Heute heraus zu krabbeln.
Mit der Reife einer gewachsenen Band, die schon mehr als zehn Jahren zusammen zockt, ziehen sie schon jetzt jeden in den Bann. Die Kapelle fasst sogar den Mut, ihre neuen Songs des kommenden Albums „UFO“ mit Orchester einzuüben und auf dem Internationalen Sommerfestival am 21. August in Hamburg zu spielen. Auch hier bewahren sie ihre Identität, bleiben wie echte Hamburger auf dem Boden der Tatsachen. So zumindest suggeriert es ihr Making Of-Video auf Myspace.1000 Robota suchen nicht die dunkel gefärbte Melancholie des so genannten „Post Punk“, sondern bedienen sich den Stilmitteln von „New Wave“ und „Rock“, wie er vor dreißig Jahren gespielt wurde und verknüpfen diesen Sound mit griffigen Botschaften wie „Fahr weg, genieß‘ deinen Tag“.Eigenständig und unverschämt waschecht gehen 1000 Robota vor. Die Zitate aus der Zeit von vor dreißig Jahren regnen auf den Hörer regelrecht herab. Doch 1000 Robota versuchen nicht zu kopieren. Sie verarbeiten. Es klingt, als ob sie schon seit dreißig Jahren nichts anderes tun.

Da sind die stimmungsvollen Keyboards im Re-Mix der aktuellen 1000 Robota-Single „Fahr Weg“, die wie von der Hand von Midge Ure (Ultravox) geschraubt klingen. Wer bei The Cure in der letzten Zeit den blubbernden Bass vermisst hat, der kann ihn nun bei 1000 Robota ab und zu hören.

Vor allem live sollen die drei Milchbärte richtig groß sein, wenn man zahlreichen Musikjournalisten Glauben schenken möchte. Wer die Formation ihrem Bekunden nach noch nicht gesehen hat, sollte ab Oktober in die Clubs schauen. Am 26. Oktober suchen sie die Leipziger Moritzbastei zum Tourauftakt auf, um ihr neues Album „UFO“ live vorzustellen. Das erscheint am 3. September.Wer sind die drei jungen Musiker aus der norddeutschen Metropole? 2008 veröffentlichten Sebastian Muxfeldt, Anton Spielmann und Jonas Hinnerkort als 1000 Robota ihre Debüt-EP „Hamburg brennt“ und noch im gleichen Jahr das erste Album „Du nicht er nicht sie nicht“, womit sie damit eine Welle der Begeisterung bei den meisten Medienvertretern losschlugen. Frei nach dem Motto „Don’t Believe The Hype“ zogen sich 1000 Robota 2008 zurück, um an neuem Material zu arbeiten. Ihre erste Single aus dem Album „UFO“ heißt „Fahr weg“ und ist bereits auf Myspace zu hören.Der Weg in die Moritzbastei lohnt sich den Hörproben nach auf jedem Fall. Musikalität und Intelligenz haben ein neues Zuhause gefunden.

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