Ein Ufo ist gelandet: 1000 Robota mit neuem Album in der Umlaufbahn

Schwarze Kleidung, deutschsprachige Texte, drei Hamburger Jungs. Klingt nach einem neuen Ei aus der so genannten Hamburger Schule, oder doch nach dem verloren gegangenen Independent-Geist? 1000 Robota wissen nicht, wohin sie der Weg führt, aber die Leipziger können die Band in der Moritzbastei bestaunen. Aber was ist an der neuen Scheibe dran, die die drei Roboter „Ufo“ nennen? Ein Artikel vom 9. Dezember 2010 für die Leipziger Internet Zeitung.

Am Anfang war der Punkrock. Bands wie The Damned, Gang Of Four und The Clash krempelten Ende der Siebziger die Rockszene gehörig um. Bald war der Hype vorbei. David Bowie erfand sich in Berlin neu, was Kapellen wie Joy Division und Bauhaus weiter entwickelten.

The Cure machten etwas völlig anderes, aber es klang ebenso verloren, schwermütig und irgendwie schwarz. Ende der Siebziger schienen Musiker wie Peter Murphy und Robert Smith irgendwie dasselbe zu wollen. Von „schwarzer Szene“ sollte man erst später reden.

Unabhängig von den großen Plattenfirmen wollten andere Bands später bleiben. Es entwickelten sich Minifirmen, die manchmal schludrig, manchmal liebevoll gestaltete Alben produzierten. In der DDR gab es das in etwa auch. Wurde aber eher überwacht und verboten als gefördert.

Eine kleine Blüte war Anfang der Neunziger nach der Wende entstanden, Bands wie Die Art feierten Erfolge. Plötzlich gab es Die Ärzte wieder, es entstanden Rammstein aus den Resten von Feeling B.. Bobo In The White Wooden Houses trällerte sich in die Charts, bis dato der erfolgreichste deutsche Indie-Export neben Phillip Boa. Und heute?

Gibt es eigentlich eine Independent-Szene im Sinne der späten Siebziger, der Achtziger und Neunziger Jahre noch? Es gab und gibt Bands, die so klingen, aber alle bei großen Plattenfirmen untergekommen sind, wie White Stripes, Franz Ferdinand. Eine aufgesetzt rebellische Attitüde schwang mit Hamburger Kapellen wie Blumfeld an. Aber was ist davon übrig?

Nun soll die ultimative deutsche Rockhoffnung am Start sein. Aus Hamburg, blass, schwarz gekleidet und Texten aus dem Leistungskurs Deutsch von der Penne. Im Zeitalter von schillerndem Plastikpop ein schwieriges Unterfangen für drei unscheinbare Jungs in zu engen Hosen und geschniegelten Frisuren, den Liebhabern des Schrillen und Aussagefreien etwas entgegenzusetzen.

Die Botschaft ist hier oft, lieber keine Botschaft zu haben. Außer „Komm tanzen“ vielleicht. Dagegen posiert Sänger Anton in seinem „Robota“-Blog mit einer Vinyscheibe und suggeriert „Seht her, es gibt noch Leute mit Faible für die gute alte Zeit“.

Am Zeitgeist schrammelt 1000 Robota damit natürlich vorbei, verschroben irgendwie. Diese Botschaft versteht keiner mehr, wenn man Alben in gut sortierten Internetradios mittlerweile in guter Qualität komplett hören kann. Bis auf kleine Szenekreise hat eigentlich keiner mehr Bock, sich an einen Plattenschrank zu stellen, minutenlang LPs heraus zu zerren, aufzulegen und sich zu ärgern, dass ein Sprung im Vinyl ist. Nostalgiker mit Sinn fürs Unpraktische, Langsame.

Nun plärren trotzig drei Jungs aus Hamburg ihre Botschaften auf Vinyl und CD. 20 Jahre alt im Schnitt, Szene-Hintergrund gleich Null. Doch ihre Botschaften sind zu einfach gestrickt, irgendwie Hamburger Schule ultraleicht. Überfrachtet intellektuell, seelen- und aussagelos, nach der Art: „Ich bin dort, du bist heute, Wortgeflecht, Frau Müllers Leute…“, oder „Hau mich tot Radieschenbrot.“ Wer will das hören?

Bewegende Lyrik sieht anders aus. Bauhaus ist vorbei, Futurismus auch, Folk ist heute das Ding oder sinnentleerter Pop mit ausgeprägter Ästhetik. Oder eben Heavy Metal. Hier werden noch Käufer angesprochen, gehen die Leute in die Läden und zu Konzerten. Aber Penne-Indie aus dem hohen Norden?

Vorsicht, ein Trend geht um. Klar, dass die Musikpresse angesichts von blassen Jüngelchen in schwarzen Klamotten die Federn spitzt und Lobeshymnen schreibt. Aber die sind genauso wenig aussagekräftig wie die Musik von 1000 Robota selbst. Männer, die etwas erleben, texten anders, schreiben andere Musik. Hier denken anscheinend drei Jungs, an der Alster sitzend bei dünnem Bier und käsigem Fisch lange über die Sinnhaftigkeit von Independent nach, fragen sich aber nicht, wann man selbst im Popgehype ohne echte Fan-Basis angekommen ist. Wahrscheinlich dann, wenn das eigene Plattenlabel Interviews mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel anleiern will.

Aufdränglerisch und nicht aufrührerisch ist das zweite Album von 1000 Robota geworden. England konnte stets ein wenig besser rebellieren, Trends setzen. Amerika konnte Trends vermarkten, Deutschland hingegen hechelt was 1000 Robota angeht, immer noch hinterher. 30 Jahre zu spät, als es zum ersten Mal in den Charts knackte? 10 Jahre zu spät, als Garagenrock mit sprödem Glanz schon massentauglich gewesen ist.

Der unreife, irrationale Widerstand bei 1000 Robota wird nicht klar, ist genauso sinnlos, wie die Straßenschlachten im Schanzenviertel. Ziellos schwimmen die drei Backfische in der Soße von „Hamburger Schule“ und etwas, das vor dreißig Jahren neues Leben in die Rockmusik gebracht hatte. Heute ist jeder Versuch, an das damalige anzusetzen, nichts weiter als ein affektierter Rückgriff auf die gute alte Zeit. Dann schon lieber Lady Gaga und Justin Bieber – da kann man sich den Überhype noch als Trashattitüde zurechtsaufen.

Bemitleidenswerte Musik also, eine reine Pos(s)e. Da helfen auch die wirklich schönen Fotos von Jim Rakete nicht mehr.

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