Der knorrige Waldmensch: Ein gelangweilter Mann träumt „Rogue“

Arcade Fire und Tindersticks kennt der gewiefte Musikbeobachter. Nun gibt es etwas dazwischen. Etwas zwischen schrägen Folk und zittrigen Balladen hat noch gefehlt in der hiesigen Pop-Welt. Und das ist nicht einmal negativ gemeint. Bored Man Overboard lugen dunkelbunt schillernd aus dem Independentgebüsch vor, wie verträumte Waldschrate. Ein Artikel vom 13. Dezember 2010 für die Leipziger Internet Zeitung.

Dabei tönt die Band auf ihrem Debüt so intellektuell wie urbane Bohemians und so reif wie gestandene Folker und Blueser. Die verschlissene Fiedel ausgepackt, aus dem faltigen Papier der Melancholie schiebt sich „Rogue“ auf die Handfäche. Der Musikfreund muss sich fragen, dass er das Aussehen und den Klang der musikalischen Schnitte irgendwo her kennt.

Auf Anhieb fällt einem beim ersten Hören des fiebrig-zittrig vorgetragenen Gesangs der Tindersticks-Sänger Stuart A. Staples ein, geigt vielleicht als verblichener Geist Tindersticks-Geiger Dickon Hinchliffe eine seufzende Melodie, bläst Tindersticks-Trompeter Alasdair Macaulay etwas in der Ferne in sein Blech?

Aber weit gefehlt: David Khan (Gitarre, Gesang), Jakob Bjerkesjo (Trommeln), Henrik Stalnacke (Trompete), Hamon Moravejzadeh (E-Gitarre), Christopher Lekstrom (Violine), Philip Lekstrom (Piano) und Gustaf von Essen (Bass) rumpeln, geigen, streicheln, rumoren und wildern im Independent-Dschungel eine neue Mischung mit schon bekannter Stimmung aus aristokratischer Verzweiflung und künstlerischer Tatkraft. Bei Bored Man Overboard geht nochmal kurz rüber zum Blues – ganz ohne Schmalz und Snobismus.

Vielleicht noch Phillip Boa, der zudem neben Arcade Fire und Tindersticks als dritter Bruder im Nebel auftaucht. Drei Paten Minimum für den weit gespannten Bogen aus Rock, Folk und Pop von Bored Man Overboard. Dabei verstehen es die sieben schwedischen Musiker, die aus den Neunziger Jahre bekannten Klagelieder wieder in ein Nähmuster aus verkehrt herum getragener Jacketts, wuscheligen Frisuren, rasch nachgeschenktem Whiskey und ertrunkenen Blicken zu setzen. Noch ein zaghaftes Flackern von der E-Gitarre – und doch klingt es irgendwie neu und mystisch.

Da sind nicht die intellektuellen Schnulzensänger von Tindersticks, nicht die großen pathetischen Pop-Hymnen von Arcade Fire oder das wummernde Hantieren von Phillip Boa. Viel eher hören Entdeckungsreisende auf „Rogue“ fließende Lieder mit viel Tiefe, die sich zu Wogen aufbauschen, kräftig in die Gefühle der Hörer eindringen um sie in einem vibrierend molligen Ton aus der Violine zum Schluss zurück lassen. Dazu schweift der Blick über die nächtliche Szenerie eines Waldstücks und ganz oben gibts noch ein paar kalte Sterne dazu.

Aus dem Busch steigt ein knorriger Typ mit Vollbart hervor und erzählt seine Geschichten von Suche, Empfindung und Einsamkeit. Vielleicht wird er vom nächsten Zuhörer enttäuscht und geht weiter, aber mit Sicherheit findet er einen Freund, der ihm wirklich zuhört.

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