Stone Sour im Rückspiegel: „Audio Secrecy“ schwört auf Melodien

Corey Taylor legt seine unheimliche Maske ab, die er bei seiner Hausband Slipknot üblicherweise trägt. Zum Vorschein kommt ein freundlich strahlendes Gesicht. Taylor setzt sich einen modischen Hut auf und grinst über beide Ohren. Der Grund ist schnell erklärt. Seine zweite Band Stone Sour hat endlich ein neues Album am Start. „Audio Secrecy“ heißt es und zeigt eine spielfreudige Combo mit Faible für Melodie. Ein Artikel vom 1. September 2010 für die Leipziger Internet Zeitung.

Wenn die Gäste im Herbst Corey Taylor auf Tour wieder sehen, dann sehen sie in seine Augen, sehen ihn singen. Keine lederne Maske verdeckt die feinen Züge des Familienvaters aus Des Moines in Iowa. Die Fans werden den häuslich lebenden Mann schwitzen sehen und scherzen hören.

Slipknot ist Pop und Staffage mit brutaler Tiefe. Stone Sour hingegen wandelt auf den klassischen Pfaden des amerikanischen Hardrocks und europäischen Heavy Metals. Nach einer vierjährigen Pause meldet sich Stone Sour mit „Audio Secrecy“ lautstark mit vielen Emotionen zurück.

Der Sänger, der in den höheren Tonlagen eine Klangverwandschaft mit einem anderen amerikanischen Sänger namens John Bush hat, der bei den Haudegen von Armored Saint dem melodiösen Heavy Metal anhängig ist und bei Anthrax einst durch die kargen Neunziger half, grinst zu Recht. „Audio Secrecy“ ist das Album geworden, das viele Fans vielleicht nach dem bärenstarken Debütalbum gerne gesehen und gehört hätten.

Denn der 2006 erschienene Zweitling „Come What(ever) May“ war vielen zu glatt gebügelt, verlor sich im Songwriting zu sehr in Richtung Mainstream, stand irgendwo zwischen dem harschen, nach Slipknot erinnernden Erstling und amerikanischer Hardrock-Seligkeit von Arbeiterkneipen, footballsüchtigen Rockern und gescheiterten Träumen.

Die Hymnen sind wieder da, die Songs sind runder und auf den Punkt gespielt. Die anfängliche Bitternis, die bei Stone Sour so traurig mitschwang, ist einer gezügelten Aggression gewichen, die Taylor nur ab und zu die alte Slipknot-Maske aufsetzen lässt.

Sonst überwiegen himmlisch gesungene Melodien, die Stücke wie „Digital“, „Say You’ll Haunt Me“, „Dying“ und „Let’s Be Honest“ so wertvoll für jede Metallschatztruhe machen. Kurzweilig und zuversichtlich klingt Taylor dann größtenteils, außer es fährt ihm wieder dumpf aus seiner Kehle. Slipknot kauert doch noch irgendwo in der Ecke.

Dann flirren und schwirren traditionelle Gitarrensoli wie aus einer Zeitkapsel der Achtziger befreit in Titeln wie „Unfinished“. 14 Lieder warten auf den geneigten Metaller, der es satt hat, von dröhnendem Death Metal genervt zu werden und auch mal Songs hören will, wo Taylor beseelt „I feel you, … I need you“ trällert und so mit „Hesitate“ eine waschechte Liebesschnulze geschrieben hat.

Echte und tiefe Gefühle, die man als Slipknot-Fan eigentlich in seinen autistischen Anwandlungen voller Menschenhass und Nihilismus an sich selbst nicht wahr haben will und Taylor ebenso wenig zutrauen würde. Und doch ist es so. Slipknot bleibt die dumpfe Fassade aus kommerziell angetriebener Angst und Kitsch, währenddessen Taylor mit Stone Sour bereits auf ein zeitlos klingendes Alterswerk zusteuert.Mit Hardrock und überhaupt nicht aufgesetzten Takten lebt es sich auch gemütlicher. Slipknot scheint nach dem Ableben des Bandgründers von Paul Dedrick Gray ohnehin selbst bereits mit einem Beine im Grabe zu stehen. Wie gut ist es, dass Corey Taylor nun gut behütet auf seine alte Slipknot-Maske schaut und sagen kann „Dich brauche ich nicht mehr“. Auch wenn er weiterhin bei den maskierten Clowns zu sehen sein wird.

Bei Stone Sour scheint sich Taylor ohnehin wohler zu fühlen. „Audio Secrecy“ ist nach den Alben von Iron Maiden und Ozzy Osbourne der Höhepunkt im anspruchsvollen Heavy Metal-Sommer schlechthin. Die melancholische Leere des selbstbetitelten Debüts ist weggewischt, die leicht orientierungslose Phase von „Come What (ever) May“ überwunden, Stone Sour hat seinen Hafen gefunden.

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