Saxon im Rückspiegel: Zurückgekehrte Rocklegende ruft mit neuer Scheibe zu den Waffen

„Call to arms“, heißt der Waffenspruch, der vor allem im 1. Weltkrieg artig befolgt wurde. Eine Zierde der Kunst ist die neue Scheibe der Heavy Metal-Veteranen von Saxon nicht, weil darauf der Mann zu sehen ist, der die Engländer von den Plakaten zum Krieg gegen das deutsche Kaiserreich gerufen gerufen hat. Saxon fanden das bestimmt schick und locken zu einer Zeitreise, wenn auch nicht ganz so weit zurück, ins späte 20. Jahrhundert. Ein Artikel vom 16. Juli 2011 für die Leipziger Internet Zeitung.

Voll war es 1992 in der Hallenser Eissporthalle gewesen als damals Saxon zusammen mit Motörhead und Rage zum Metal-Veitstanz rief. Das Gedränge und Geschiebe am Einlass war groß, damals wurden eben Tatsachen geschaffen und sich ein Teufel um das glatzköpfige Einlasspersonal geschert. Wer ohne Tritt in den Saal kam, brauchte manchmal nicht einmal dafür löhnen. Schon früh zum Konzertbeginn lagen die ersten Kuttenträger im Schlaf versunken in den Ecken und Fluren herum und bliesen wabernde Alkoholfahnen in die Gegend, während die noch fitten über sie hinweg stiegen.

Schon damals galt Saxon zusammen mit Iron Maiden, Motörhead und vielen weiteren Gruppen als Legende, die New Wave Of British Heavy Metal – ein musikjournalistischer Begriff aus den späten Siebzigern – schon seit zehn Jahren abgeflaut. Übrig blieben nur diese Bands. Darunter Saxon mit Erfolgsalben wie „Destiny“, „Wheels of steel“, „Strong arm of the law“, „Rock the nations“ und „Sold ball of rock“ im Gepäck rief „Forever free“ ins besoffene Bikerpublikum, pfiff munter ihre Schlager, während Motörhead danach mit dem vor kurzem verstorbenen Gitarristen „Würzel“ ein Krachinferno entfachte.

Alles alte Geschichten könnte man meinen, wenn Saxon nach diesem Album nicht einen Weg eingeschlagen hätte, der sie der neuen Zeit anpasste: Härter und dunkler wurde der sonst so hymnische und melodiöse Sound. Die Band verlor irgendwie ihre Wurzeln, hat sie unter dem Mulch von blubbernden Doublebass-Attacken und galoppierenden Gitarrenklängen verbuddelt. Mit „Call to arms“ kehren die englischen Recken um Sänger Biff Byford wieder zurück zu dem Klang, mit dem sie einst mit Alben wie „Wheels of steel“ und „Solid ball of rock“ so berühmt wurden. Nicht umsonst klingt hier ein Lied namens „Back to ’79“ an, ein Jahr, wo die britische Heavy-Metal-Welle nicht nur England sondern auch den europäischen Kontinent überspülte. Nostalgie pur auch der Rest der Songs, wie der schnaufende Einsteiger „Hammer of the gods“, Hymnen wie „Surviving against the odds“ und das überragende „Mists of Avalon“ tun ihr übriges, um Anhänger der melodischen Hardrock-Klänge reihenweise umfallen zu lassen.

Saxon anno 2011 beweist mit „Call to arms“, dass sie dem neuen Spleen, unbedingt so hart wie die Jugend klingen zu wollen, abgeschworen haben. Mit „Call to arms“ hat die NWOBHM-Legende noch lange nicht ihren Grabstein gemeißelt, sondern ein wunderbar retrospektives Scheibchen veröffentlicht. Etwas, was die weitaus erfolgreicheren Iron Maiden erst einmal nachmachen müssen. Noch einmal weht der Hauch der Zeit um 1980 um die Nasen der Heavy Metal-Fans. Schön auch, dass sich die Band wieder in Halle/Saale blicken ließ, und zwar am 23. November 2011 in der Easy Schorre. Ob dann auch Leipziger dem Weckruf in die Musikgeschichte folgten?

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