Ohne Nachtruhe kommen aus Skandinavien harsche Töne

Melodischer Deathmetal – geht das? Während vor 20 Jahren beinharte Death-Metal-Fans die Nasen angesichts von Melodien rümpften, gehört Eingängigkeit heute zum guten Ton. Ehemalige „Todesbleigruppen“ wie In Flames gingen den Weg in die Rocksparte. Andere bleiben wie die Schuster bei ihren Leisten – so auch Nightrage. Ein Artikel vom 27. August 2011 für die Leipziger Internet Zeitung.

Wer hat die Melodie in den Death Metal gebracht? Das, was noch vor 25 bis 20 Jahren zornig rumpelte, siechte, fauchte und grunzte klang eher wie eine Horde Zombies auf Acid in einem drittklassigen – und somit „kultigen“ – Horrorstreifen. Bands wie „Obituary“, „Morbid Angel“ und „Entombed“ hatten ihre eindeutige Ansage schon in ihrem Bandnamen deutlich gemacht. Aber was ist mit den Spätzündern von „Nightrage“?

„Nachtwut“ gibt es anscheinend nur im schwedischen Sprachgebrauch. Dort ist es auch meist dunkel, die Nachfahren der Wikinger wissen, wie man die Nacht zum Tag macht. Man kennt ja die Geschichten von anderen skandinavischen Metal-Gruppen, die gerne mal einen zu viel feiern. Aber wie ein unbändiger Zorn auf die Sperrstunde klingt das nicht, was Nightrage auf ihrem nunmehr fünften Scheibchen fabrizieren. Gut – man kennt es ja: bei Melodic Death Metal geht es gesitteter zu. Das 2009 veröffentlichte Studioalbum „Wearing A Martyr’s Crown“ wird als bissige Mischung aus Thrash Metal und härterem Stoff beschrieben. Schlägt „Insidious“ in die selbe Kerbe?

Das was die Vorreiter Edge Of Sanity, Necrophobic und At The Gates so einzigartig, In Flames so unbissig langweilig machte, lassen Nightrage auch auf „Insidious“ anklingen. Temporeich prügeln Nightrage mit viel Melodie und Poesie durch 15 Titel, wo natürlich die schönen Heavy Metal-Soli der Marke Iron Maiden durchschimmern und leicht unfreiwillig komische Titel wie „Delirium Of The Fallen“ an die Zornesröte von Sperrstunden-Zombies denken lässt. Aber trotz des kleinen albernen Ausrutschers, der wohl eher den Fieberwahn gefallener Helden beschreiben soll als den allbekannten Delirium Tremens, scheint sich Nightrage vorzüglich auf ein ehrliches und grundsolides Songwriting zu verstehen.

Durch ihre hämmernden und mit Harmonien zu gekleisterten Lieder schimmern immer wieder angenehme Akustik-Abschnitte. Vermögen Stücke wie das peitschende „Insidious“, das wundervoll sparsame „Wrapped In Deceitful Dreams“, das Fäuste reckende „Hate Turns Black“ und einige andere Titel den geneigten Fan den Schädel gegen die Boxen schlagen und beim Luftgitarre spielen ein letztes und fehl gegriffenes Solo aufbäumen zu lassen. Der Junge darf ruhig ausrasten und feiern: Traben auf „Insidious“ auch noch Gaststars wie Apollo Papathanasio (Firewind), Tomas „Tompa“ Lindberg (At The Gates, Lock Up, Disfear, ex-Nightrage), Gus G (Firewind/ex-Nightrage), Tom S. Englund (Evergrey) und John K (Biomechanical) an und zäumen das Melodic-Death-Metal-Pferdchen richtig herum auf.

Neu macht Nightrage den Melodic-Death-Metal nicht mehr, der mit Edge Of Sanity vor zwanzig Jahren seine glanzvolle Reise antrat und in seiner Ursprünglichkeit auf „Insidious“ Anklang findet. Man muss heute in diesem einst so wichtigen und erfolgreichen Genre gar nicht viel erwarten: Doch szenebewusste Headbanger finden auf „Insidious“ ein aggressives, herzerfülltes und angenehm tröpfelndes Ohrenfutter, das zwar nicht ganz an die alten Größen aus den Neunzigern herankommt – aber verdammt nah und in die selbe Kerbe schlägt. Wohl bekomm’s.

 

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