Iron Maiden im Rückspiegel: Zwischen süßen und bitteren Pillen – Virtual XI

Iron Maiden, Cover "Virtual XI" (Foto: Iron Maiden/EMI)
Iron Maiden, Cover „Virtual XI“ (Foto: Iron Maiden/EMI)

Eigentlich hätte Steve Harris nach dem Ausstieg von Sänger Bruce Dickinson 1994 eine kreative Schaffenspause einlegen sollen. Die Zeit zwischen „Fear Of The Dark“ und dem Reunion-Werk „Brave New World“ hätte Iron Maiden genauso gut auf Eis liegen können, ohne dass die Band nennenswerten Schaden genommen hätte. Stattdessen quälte Steve Harris seine Fans mit zwei fast schon überflüssigen Studioalben und mit einem Sänger, der vom Songwriting von Iron Maiden, eigentlich das von Steve Harris, gänzlich überfordert gewesen war.

Gut, das mit dem komplexen Songwriting in den achtziger Jahren hatte sich spätestens mit „No Prayer For The Dying“ und „Fear Of The Dark“ erledigt. Selbst bei diesen mittelmäßigen Werken sprühte noch der alte Geist von Iron Maiden. Noch weniger war das bei den beiden Nachfolgewerken mit Blaze Bayley der Fall. Während „X-Factor“ noch in dem mittigen und kraftlosen Sound so etwas wie Klasse ausstrahlte, ging „Virtual XI“ ganz im Soundbrei unter. An dem legte Band-Dikator Steve Harris bekanntlich selbst Hand an. Ein Fehler. Das alte NWOBHM-Flaggschiff ging mit Mann und Maus auf der folgenden Tournee gänzlich unter. Die Rückkehr von Bruce Dickinson und Adrian Smith wurde recht schnell wieder bekannt gegeben, um noch zu retten was zu retten war.

Warum ist „Virtual XI“ so schlecht? Die auf dem elften Studioalbum als Hymnen angelegten Nummern besitzen zwar noch den klassischen Maiden-Anstrich, sind aber durchzogen von einfallslosen Arrangements und Refrains. Während „Futureal“ noch in der Reihenfolge von typischen Maiden-Eröffnern wie „Aces High“ stehen könnte, verliert sich die Band in unnötig ausgedehnten Refrains, Brücken und Wiederholungen, bläht Songs wie „Lightning Strikes Twice“ und „When Two Worlds Collide“ unnötig zu Luftnummern auf, wobei nicht einmal Blaze Bayley eine gute Figur abgibt. Oder wer hört sich gefühlte hundertmal „Lightning, lightning strikes twice“ oder die verzweifelten Ohohohoho- und Youhuhuhu-Rufe Bayleys in „When Two Worlds Collide“ – „The end of the paaaaaain“ an? Ein echter Hilferuf? Wirklich schlimm ist die seltsame Orgel in dem recht passablen Stück „The Angel And The Gambler“, das mit einem wirklich grottigen Video aus der virtuellen Retorte geschraubt wurde.

Dann immer wieder die seit „Somewhere in time“ bekannten langsamen Einstiege wie in „The Educated Fool“. Langweilt sich Harris nicht, wenn er einen Refrain gleich zum Einstieg bietet und durch sieben Minuten schleift, Bayley damit unnötig quält und die Fans mit einem abgehackten Dauer-Stakkato nervt? Dann die drucklosen aufgenommenen Gitarren, die unauffälligen Drums und der fehlende Harris-Bass. Was für ein Trauerspiel als in „Educated Fool“ eine falsche Dramatik hervor gezaubert wird, die aus zusammengeschnipselten Songideen und dem ewig wiederholten Satz „Time will go – time will follow“ besteht. Dasselbe Spiel in „Don’t Look In The Eyes Of A Stranger“. Was will der Künstler uns damit sagen?

Mit Ausnahme des wieder einmal sehr guten Spiels von Gitarrist Dave Murray, zeigte sich Iron Maiden anno 1998 in einem desolaten Zustand. Angefangen von dem einfallslosen Songwriting von Steve Harris – dem größten Manko der Band seit 1990, über den schlechten Sound und das seltsam unauffällige Spiel von Nicko McBrain und Steve Harris selbst und endend beim Gejaule von Blaze Bayley kommt wirklich nichts anständiges bei „Virtual XI“ herum. Außer das schicke Cover, das irgendwie rückblickend genau das verdeutlicht, was ein altes Sprichwort besagt: Scheiße kann trotzdem glänzen. Wenn man es irgendwie verkaufen kann. Natürlich. Zur Ehrenrettung von Blaze Bayley muss man aber auch auf seine Solo-Alben wie das 2010 erschienene „Promise And Terror“ verweisen, wo der inzwischen zum Glatzkopf mutierte Mann doch mit großer Stimme wie ein Fels in der Brandung steht.

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