Iron Maiden im Rückspiegel: Zwischen süßen und bitteren Pillen – „The Final Frontier“

"The Final Frontier", Covermotiv (Foto/Copyright: Iron Maiden/EMI)
„The Final Frontier“, Covermotiv (Foto/Copyright: Iron Maiden/EMI)

1975 gründete Steve Harris die Kapelle Iron Maiden. Nach einer wechselvollen Besetzungsgeschichte stieg die Formation zu einer der führenden Heavy Metal-Acts der Achtziger auf. Diesen Status haben sie bis heute beibehalten können, auch mit einigen tiefen Kratzern in Sachen Glaubwürdigkeit. Wird mit ihrem neuen Album „The Final Frontier“ die letzte Front der Band eröffnet? Ein Artikel vom August 2010 für die Leipziger Internet Zeitung.

2008 kam Iron Maiden ins Gerede, weil ihr Management Ebay-Nutzer im großen Stil abmahnte, die in den Neunzigern im herkömmlichen Einzelhandel erhältliche Bootleg-Aufnahmen verkaufen wollten. Meist ist die Qualität dieser in den Achtzigern illegal mitgeschnittenen Konzerten bescheiden. Aber Iron Maiden-Fans wollen alles von ihren Helden besitzen, selbst wenn es nicht aus offizieller Hand kommt. In Zeiten von MP3 rüsten viele Fans auf externe Festplatten um und spielen ihre Alben lieber über iTunes ab als über CD-Player.

So kam es, dass viele ihren Kram loswerden wollen, vor allem die miesen Konzertaufnahmen aus den Achtzigern. Allesamt zwar illegal auf Konzerten mitgeschnittene Bootlegs, die in der internationalen Szene zunächst auf Kassettenbändern kursierten. Später als CD und CD-Brenner erfunden waren als billige Eigenproduktionen auch im deutschen Einzelhandel ungeprüft über deren Herkunft in den Regalen standen. Iron Maidens Management stieg dahinter und mahnte eben nicht diejenigen ab, die dafür sorgten, dass die Bootlegs in den Neunzigern auch in Deutschland in den offiziellen Einzelhandel kamen, sondern die Fans.

Nun scheint es, dass Iron Maiden diesen Gepflogenheiten adé sagen, illegalen Downloads vorbeugen möchten und bereits im Juni 2010 über Portale wie „7digital“ die aktuelle Scheibe „The Final Frontier“ als Sonderangebot in MP3 für 6,99 Euro anbot. Seit dem 13. August 2010 ist das Album nun auch als CD und LP offiziell erhältlich und kann nun von den Fans mit Cover im guten alten Stil genossen werden. Und genau das macht den Kult um die Band aus. Die Bilder, das Image, die Geschichten, die Musiker.

Wenn man an den Kult um diese Band nicht glaubt, der ist auch kein Fan. So kann man ungefähr beschreiben, warum gerade Iron Maiden-Fans der Formation um Steve Harris und Bruce Dickinson die Stange halten. Es ist wie beim Fußball. Für viele Metalfans ist Iron Maiden Einstiegsdroge mit Suchtpotenzial und kann bei Verbot zu schweren Entzugserscheinungen führen, oder bei zu viel Genuss zu rebellischen Anwandlungen. Da konnte es schon mal vorkommen, dass man zu DDR-Zeiten am Flaggenmast nicht die FDJ-Fahne sah, sondern Maidens Maskottchen vom flatternden Betttuch grinste.

Zeit rollt weiter. Die kleinen Ausrutscher Mitte der Neunziger verzeihen die Fans, Iron Maiden hatte mit dem eher überforderten Sänger Blaze Bayley für gähnende Gesichter gesorgt. Mit dem 2000 aufgenommenen Comeback mit dem zwischenzeitlich ausgestiegenen Vorzeige-Frontmann, Buchautor, Fechtmeister und Flugzeugpiloten Bruce Dickinson und dem zurück gekehrten Gitarristen Adrian Smith erlangte Iron Maiden eine gewisse kompositorische Stärke zurück. Auch wenn sie sich heute anders anhört als in den glorreichen Achtzigern.

Zurück in die Achtziger? Vier Jahre hat es gedauert, bis Iron Maiden diese letzte Front eröffnet. Davor ging die englische Kapelle zurück in ihre eigene Geschichte und tourte mit der „Ed Force One“ rund um den Erdball und präsentierte ausschließlich Klassiker der achtziger Jahre. „Flight 666“ war das sehenswerte Resultat. In Nassau auf den Bahamas nahm Iron Maiden „The Final Frontier“ auf. Das ist das selbe Studio, wo die Klassiker „Piece Of Mind“ (1983), „Powerslave“ (1984) und „Somewhere In Time“ (1986) entstanden. Diese drei Alben gelten als Iron Maidens Meisterwerke, an denen die Briten bis heute noch von Fans und Kritikern gemessen werden. Mit „Final Frontier“ soll das wieder so sein.
Diesen einstigen Glanz wird die einstige Speerspitze der so genannten „New Wave Of British Heavy Metal“, die Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger durch die Rockwelt schwappte, mit „The Final Frontier“ nicht erreichen. Die hitzigen und melodiösen Kompositionen der Achtziger weichen seit Mitte der Neunziger eher ausufernden Stücken, die man als episch und progressiv bezeichnen kann. Das 2006 erschienene „A Matter Of Life And Death“ ist das beste Beispiel wie sehr sich Fans und Kritiker an diesem Stilwandel reiben.Diesen Schritt hin zu einer progressiv musizierenden Heavy Metal-Band verfeinern Iron Maiden auf „The Final Frontier“. Wesentlich härter röhren die Gitarren aus den Lautsprechern, eingängiger scheinbar die zehn teils überlangen Lieder. Komplizierte Gitarrengriffe, atmosphärische Soli und viel Abwechslung zeichnen „The Final Frontier“ aus, das auch auffallend stark von den wieder zupackenden Rockern lebt.
Iron Maiden schwelgt aber zusehends im Epos. So streut die Bande in Stücken wie „Starblind“ stimmungsvolle Pausen im Stil von dem Referenzwerk „Somewhere In Time“ ein. Tatsächlich gewinnt man beim flüchtigen Hören den Eindruck, dass besagtes Album Pate für „The Final Frontier“ stand. Wenn auch nur auf dem ersten Blick. Das futuristische Covergemälde von Derek Riggs, das er 1986 für „Somewhere In Time“ entwarf findet seine Fortsetzung im Alienwesen „Eddie“, der wie eine Mischung aus „Alien“ und „Mars Attacks“ als Gitarre spielendes Maskottchen in der Welt von Iron Maiden sein Unwesen treibt. Ein wenig Kitsch und Trash muss sein.Neben den wenigen musikalischen Referenzen zu „Somewhere In Time“ hält Iron Maiden an seinen folkoristischen Einsprengseln fest, wie man es im Einstieg von „The Talisman“ hören kann. Aber auch die für die heutigen Iron Maiden so charakteristischen Kompositionen – lang, pathetisch, schwer zugänglich – finden Eingang auf „The Final Frontier“.
Es galoppiert an allen Ecken und Enden. Mit den beiden knapp zehnminütigen Rausschmeißern „The Man Who Would Be King“ und „When The Wild Wind Blows“ schaffen die Engländer sich dennoch zu übertreffen. Ebenso bei „Starblind“ und „The Talisman“. Kleiner Wermutstropfen ist die vorab als kostenloser Download veröffentlichte Single „El Dorado“, die sich vom Songwriting eher in die belanglosen Singles der letzten Alben einreiht und etwas schwachbrüstig daher kommt. Scheinbar, doch auch dieser Titel kann über sich heraus wachsen.
Sonst wimmert, röhrt und wummert es aus allen Rohren. Ungewöhnlich für eine Band, die seit 35 Jahren gut im Geschäft ist. Iron Maiden ist nicht ruhiger geworden, hat mit „The Final Frontier“ gute Chancen auf den Heavy Metal-Meilenstein des Jahres. Vor allem verdiente das alte Flaggschiff sich auch noch den Glaubwürdigkeits-Pokal, weil die Band einfach ihr Ding durchzieht und nicht ihre Nasen in irgendeinen Wind hängt, wie es seine Söhne im Geiste „Metallica“ in den letzten Jahrzehnten in den Augen vieler alten Fans getan haben.Das letzte Album soll „The Final Frontier“ trotz des Titels nicht sein, auch wenn Bandleader Steve Harris des öfteren behauptet haben soll, sein Traum wäre es mit Iron Maiden 15 Alben zu veröffentlichen. Ursprünglich sollte das neue Werk „Satellite 15“ heißen. Ob Maidens Entscheidung von Grand Prix-Siegerin Lena Meyer-Landrut vorweg genommen wurde, die mit ihrem Lied „Satellite“ europäische Schlagerfans in den Bann zog? Vielleicht macht Steve Harris doch noch die 20 voll und nennt den nächsten Silberling „Sweet 16“. Wer weiß, bei Maiden ist alles möglich. Auf jeden Fall werden Maiden-Fans mit „The Final Frontier“ nicht enttäuscht. Hier wartet die typische Vollbedienung, kein Klassiker zwar, aber ein beredtes Zeugnis von Iron Maidens Größe.

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