Heavy Metal Theaterfabrik: Heiße Rhythmen und hohe Schlagzahlen bei knapp 300 Gästen

Hate Eternal in der Theaterfabrik (Foto: Daniel Thalheim)

Hate Eternal in der Theaterfabrik (Foto: Daniel Thalheim)

Death Metal sollte „ziehen“ in Leipzig. Zumindest sorgte diese Spielart stets für volle Clubs. Ärgerlich nur, wenn eine internationale Booking-Agentur ähnlich geartete Tourneen am selben Abend durch Leipzig schickt. Im Conne Island wummerten War From A Harlots Mouth und andere Prügeltruppen. Trotzdem fanden sich rund 300 Gäste in der Theaterfabrik ein, um hier gehörig Gas zu geben. Ein Artikel vom 21. Mai 2011 für die Leipziger Internet Zeitung.

Vier Bands gab es am Abend des 20. Mai anzuschauen. Die Leipziger Veranstalter von „Heavy Metal Nix Im Scheddel?“ luden zum Veitstanz ein. Schon am Abend zuvor waren sie emsig mit Aufbauen beschäftigt. Zum Auftritt stand alles, inklusive Licht, Klang und Catering. Eine der Combos war die japanische Death Metal Band Defiled, die schon seit 1994 existiert. Zumindest traten die vier Japaner damals zum ersten Mal mit einer Veröffentlichung in Erscheinung. Ehrfurchtsvoll starrten die Gäste zur Bühne und rührten sich nicht.

Die mentale Zeitreise zurück zu den Anfangstagen jenes Musikstils, führte zu rumpelnden und lauten Klängen. Death Metal ist die extremere Vertonung als alles andere in diesem breit aufgefächertem Genre. Hohes Tempo, Grunzgesang, viel Bass. Seit dem die amerikanische Band „Death“ Mitte der achtziger Jahre namensgebend für ein ganzes Genre wurde, tat sich aber einiges. Simple musikalische Prügelattacken wie es die Japaner von Defiled noch immer produzieren, gibt es nur selten, die Bands verfeinerten ihren Stil, wurden technisch anspruchsvoller.

Trotzdem honorierten die interessiert dreinschauenden Gäste das Schauspiel. Defiled bedankten sich mehrfach bei den Zuschauern, dass die Band in Deutschland spielen durfte. Bassist Haruhisa Takahata verbeugte sich auf typisch japanische Weise, danach deutete er mit seiner Hand an, wie man sich den Bauch aufschlitzt. Offenbar ein Zeichen dafür, dass er für seine Fans sterben würde. Und das gleich mehrfach während der Show.

Als Sänger Kenji Sato die Band im gebrochenen Englisch und feinstem Japanisch vorstellte, klang beim Aussprechen der Namen doch nicht alles so schrecklich wie es anfangs scheinen wollte. Jedenfalls wollten die Japaner gar nicht von der Bühne gehen, angesichts der überschwänglichen Reaktionen im Publikum: verschränkte Arme, grimmiges Kucken, verhaltenes Applaudieren. Das ist scheinbar mehr als sie in Japan an Reaktionen bekommen. Eine Zugabe schloss den etwas skurrilen und zeitlich entrückten Auftritt ab.

 

Obscura räumte ab (Foto: Daniel Thalheim)

Obscura räumte ab (Foto: Daniel Thalheim)

 

Was genau der Name der folgenden Band „Beneath The Massacre“ bedeuten soll, wusste keiner so richtig. „Unterhalb der Schmerzgrenze? „Unter aller Kanone“ wird im Englischen „Beneath contempt“ genannt. Das kann es also auch nicht sein. So düster sahen die Kanadier auch nicht aus. Im Gegenteil – die Musiker drehten so richtig auf und ließen an diesem Abend zum ersten Mal die Matten kreisen.

Sänger Elliot Desgagnés war schon während des Soundchecks zu Scherzen aufgelegt, ebenso sein Gitarrist Christopher Bradley, der aus der großen Basstrommel eine weiße Jeansjacke herauszottelte, um mit ihr zu Spielen und zu zeigen, dass Schlagzeuger Justin Rousselle den Lumpen zu Recht dort hinein stopfte.

Mit Songs ihrer neuesten Scheiben „Marée Noire“ und „Dystopia“ gab die Kapelle auch gehörig Gas, feuerte ohne Unterlass mit Grimassen und martialischen Posen ihre Fans an. Als zum Schluss Frontmann Desgagnés den Homer Simpson machte und sich auf dem Boden liegend im Kreis drehte, rasteten die Kuttenträger vollends aus. Trotz aller finsteren Klänge, blieb die Band zu lustigen Späßen aufgelegt und bewies damit, dass Death Metal auch einen hohen Spaßfaktor in sich tragen kann.

Gut aufgelegt war auch Obscura. „Omnivium“ heißt deren neue Scheibe, die Hartgesottene sicher schon längst in ihrem Besitz wissen. Da heißt es auch entspannte Jazz-Anleihen zu hören, auch wenn größtenteils die treibende Schlagzeugmaschine richtig ‚Wums‘ macht. Die 2002 ins Leben gerufene Band um Gründungsmitglied und Frontmann Steffen Kummerer verschrieb sich anspruchsvollen Klängen, die zwar extrem laut in die Lauscher geblasen werden, aber auch handwerklich hörten und sahen die Fans die wohl technisch versierteste Band des Abends. So fand sich im Bassspiel Jeroen Paul Thesselings der eine oder andere Latino-Abschnitt, bezog sich die Band generell auf Musikstile, die nicht unbedingt etwas mit Metal zu tun haben.

Genau das machte die Band so beliebt. Handkantenschläge in die Luft, herum wirbelnde Haare, hoch gestreckte Fäuste bis in die hinterste Reihe. Der Siedepunkt war mit diesem Auftritt eindeutig erreicht. Als dann noch Sänger Kummerer die Veranstaltung wegen ihrer Professionalität lobte, freute das die „Scheddelianer“ umso mehr.

Denn die amerikanischen Death-Metal-Musiker von Hate Eternal konnten trotz Furcht erregenden Bandnamen nicht das Level erreichen, wie die gefeierten Obscura. Auch wenn in ihren Reihen eine gewisse grunzende Haarmatte Erik Rutan stand, der auch bei den weitaus erfolgreicheren Morbid Angel aktiv war, aber sich ebenfalls als Produzent zahlreicher Death Metal-Alben einen Namen machte. Die Reaktionen fielen hier weniger überschwänglich aus.

Lag es am beständig hohen Tempo? Oder verausgabten sich die Fans dermaßen, dass sie auf dem Hof der Theater-Fabrik erst einmal nach Luft schnappen mussten, um dann die laue Frühsommernacht bei Gesprächen zu genießen? Zumindest stand die einhellige Meinung, dass Obscura die Headlinerband glatt an die Wand spielten. Trotzdem gab es bei der schweißtreibende Show der „ewiglich Hassenden“ genügend in die Luft gestreckte Teufelshörner.

„Heavy Metal Nix Im Scheddel“ ging nach diesem Konzert erst einmal in die Sommerpause. Bevor es aber soweit ist, haben die Veranstalter noch die ganze Nacht Bühne und Technik abgebaut. Wer beim Aufbau dabei war, weiß, das ist kein leichtes Unterfangen. Im Herbst ging es wieder weiter, als die Leipziger Metalveranstaltung Nummer Eins wieder mit Szenekonzerten in die Clubs lockte. Am 22. Oktober kam das Panzerballett in die Theater-Fabrik, worauf sich Scheddel-Chef Tino Pröhl schon freute. Das heißt Free Jazz trifft auf Metal und Funk – schräger als Frank Zappa und Miles Davis zusammen.

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