Disillusion im Rückspiegel: Es geht voran – Andy Schmidt im Interview

Disillusion (Foto: Daniel Thalheim)
Disillusion (Foto: Daniel Thalheim)

„Disillusion“ ist wohl die einzige Rockband aus Leipzig, die aus der Metal-Szene entwachsen ist und damit Erfolg hat. Seit 15 Jahren hat die Band immer wechselnde Gesichter gezeigt, sowohl musikalisch als auch personell. Nun bahnt sich ein neues Album an, das sich für Frontmann Andy Schmidt wie ein Neuanfang anfühlt.

Nach „Back To Times Of Splendor“ (2004) und „Gloria“ (2006) wird für das dritte Viertel 2010 die Veröffentlichung des noch unbetitelten Nachfolgers anvisiert. Neben Disillusion ist Schmidt auch als Produzent im eigenen Studio „Kick The Flame“ tätig. Andy Schmidt redet im folgenden Interview auch über den Weggang des Gitarristen Rajk Barthel und über die Krux mit Heavy Metal. Ein interview vom 21. März 2010 für die Leipziger Internet Zeitung.
Was wollen Sie noch zur Trennung von Rajk Barthel sagen?
Weder war es ein einfacher noch ein leichtfertig schnell beschlossener Schritt, aber einer, der gemacht werden musste, obwohl die Trennung natürlich sehr bedauerlich ist. Rajk ist jedoch immer noch Freund der Band und arbeitet mit Disillusion derzeit als Manager zusammen. Privat ist soweit alles im Reinen; wir gehen zusammen auf Feiern, unternehmen Dinge. Jedoch ging vieles musikalisch und künstlerisch nicht mehr zusammen.Vor einiger Zeit geriet eine Unwucht in die Band. Musikalisches Arbeiten war für lange Zeit unentspannt und einige Klüfte sind über die Zeit so groß geworden, dass schließlich gar keine positive Entwicklung mehr absehbar war. Aus heutiger Sicht hätte eine Entscheidung früher getroffen werden müssen, doch gab es über viele Monate Versuche, den gemeinsamen Weg in der Band auch weiterhin gemeinsam zu gehen, soll heißen, lange Zeit stand eine Trennung gar nicht zur Debatte.Als sich aber die Pläne für 2010 gestalteten, war es spätestens an der Zeit, auch über die Struktur zu sprechen. Wir müssen live gemeinsam überzeugend Musik darbieten. Das klappte in letzter Zeit nicht in aller Konsequenz.
Rajk war ja Mitglied bei Disillusion und sicher nicht unerheblich am Entstehungsprozess der letzten zehn Jahre inklusive der beiden Alben beteiligt. Für Euch ist ja auch ein Traum in Erfüllung gegangen, ihr wurdet international bekannt. War das für Sie nicht auch ausschlaggebend, sich nicht persönlich von Rajk Barthel zu trennen?
Nein. Nicht in dieser Kausalität. Zunächst träume ich nicht von internationalem Erfolg, sondern von der Freude am Musikmachen und vom Kitzel, das Bestmögliche herauszuholen. Erfolg ist eine Frage der Umsetzung und Struktur. Zurück zur Frage: Ich mag das Gefühl der Verpflichtung nicht. Jeder entscheidet zu jedem Zeitpunkt selbst, wie stark und in welcher Art er sich der Band widmet. Rajk befand sich früh in einer Art Manager Postition, über die ich sicher nicht undankbar bin.Musikalisch war er leider ‚nur’ Live Gitarrist. Und als es zu dem Punkt kam, an dem über die Ausrichtung der Band gesprochen wurde, stand die Frage: ‚Geht das noch gut; auf der einen Seite machen wir keine Musik zusammen, aber wir verkaufen sie gemeinsam.‘. Diese Art Unehrlichkeit hat einen viel zu großen Druck aufgebaut über viel zu lange Zeit. Es war 2007.
In Fanzines und Foren liest man immer wieder die Frage ‚Ist Disillusion jetzt ein Andy-Allein-Projekt‘?
Musikalisch ist das seit bereits 2002 so. Nur eben auch völliger Quatsch. Fakt ist, dass ich das Disillusion Universum ohnehin von Anfang an gestaltet habe. Eine Diktatur ist Disillusion aber keineswegs. Jeder ist eingeladen und angehalten, sich einzubringen. Fakt ist aber auch, dass ich 24 Stunden am Tag von und mit Musik lebe und entsprechend Zeit habe und haben muss, die andere neben ihrem Job nicht aufbringen können.Einen Schlagzeuger wie Jens Malsuchka kann man wiederum überhaupt nicht ersetzen oder austauschen. Er gehört zu Disillusion wie meine Ibanez. Und mit Matthias Becker am Bass hat die Band zum ersten Mal 3 tragende Säulen. Vielleicht klingt das zu sachlich, aber die Aufgaben verteilen sich gerade wunderbar und es macht wieder höllisch Spaß, laut zu machen und leise.
Nun proben Sie fleißig an dem neuen Album?
Wir haben vor allem für die Griechenland-Konzerte im Januar 2010 geprobt, jetzt geht es um die nächsten Auftritte, wie den am 3. April in der Theaterfabrik. Das ist für uns natürlich eine super Möglichkeit, wieder live zu spielen. Ich will die Live-Ausrichtung unserer Band ändern. Pläne für eine direktere Show gibt es schon länger bei uns. Es soll rockig, direkt, plastisch, stimmungsvoll sein. Ohne zu vielem Drumherum. Lieber weniger und spartanisch. Dafür mehr Authentizität. So soll auch die kommende Platte klingen.Es wird natürlich Disillusion sein, aber mit viel weniger Verpackung. Das Ganze wird erdiger, tiefer und geht viel mehr in den Bauch. Alles hat mehr Körperlichkeit und Strukturen. Das wollte ich bereits 2005 erreichen, weshalb ich mit „Gloria“ immer etwas unzufrieden war.
Viele finden gerade diese Platte toll.
Das ist schön, nur ist es eben keine körperliche Musik. Ich wollte schon damals mehr Körperlichkeit haben. So machen wir das eben jetzt, indem wir zum dritten Mal das Gloria Live Set einstudieren. Manchmal muss man sich auch an den Kopf fassen. Es ist eben so, dass die Stärke von Gloria jetzt wirklich von der Band begriffen und umgesetzt werden kann. Sobald das Set für die Liveshows steht, geht es mit Proben weiter. Ich lasse beim Schreiben aber viel mehr Raum, dass der auch bei Safi spielende Matthias Becker, auch jetzt bei uns Bassist, seinen Charakter als Basser mehr einbringen kann.Er spielt auch manchmal den Bass wie eine verzerrte Gitarre. Das erlaubt viel. Gerade in den tieferen Tönen ist so ganz viel Spektrum dazu gekommen, das vorher nie da war. Unsere neuen Songs klingen von den Strukturen her schon sehr aufgeräumt.

Andy Schmidt von Disillusion (Foto: Daniel Thalheim)
Andy Schmidt von Disillusion (Foto: Daniel Thalheim)

Bei jeder guten Band hört man auch Weiterentwicklungen. Ihr habt Euch von Album zu Album auch entwickelt. Sind ihre neuen Ansätze für das kommende Album ohne „Gloria“ überhaupt möglich gewesen?

Sehr richtig, Neues baut natürlich auf der Vergangenheit auf. Und selbst wenn es Unzufriedenheit über Gloria gab und gibt, und ich fast vorhatte, ein komplettes Re-Recording zu fahren, so sahen wir uns in den letzten Monaten gezwungen, jede Note der Platte anzufassen und live mit Bass und nur einer Gitarre spielbar zu machen.Was dabei herauskam, hat alle Erwartungen übertroffen. Die Proben zu Gloria sind de facto die Vorbereitung für die Proben zum neuen Album. Auf der anderen Seite ist das neue Material eben auch neu (Lächelt).
Und wie gehen Sie mit Erwartungshaltungen um?
Ich bin kein Unterhaltungsunternehmen. Den einen Tag habe ich das Bedürfnis mich bei allen Fans zu entschuldigen, den anderen Tag frage ich mich, was eigentlich erwartet wird?! Das heißt aber nicht, dass wir als Band anspringen müssen. Die Diskrepanz, die unsere beiden Alben zueinander aufgebaut haben, wird mit dem kommenden Album aufgehoben sein.Deswegen freue ich mich so darauf. Ich bin schon euphorisch auf das, was kommen wird. Ich weiß, dass das neue Material völlig unabhängig von den Vorgängeralben steht. Es wird einfach wieder weiter gehen. Vielleicht kommen konkretere Diskussionspunkte zum Vorschein. Ich weiß ja nicht, wie es anderen Bands geht, die nicht so starke Schnitte vornehmen, wie wir vielleicht (lacht).
Naja, wenn man zehn Alben in zwanzig Jahren veröffentlicht, wie Motörhead oder Iron Maiden, hat man wohl unmerklichere Entwicklungen. Da schleichen sich halt Tendenzen ein. Worauf ich eigentlich hinaus wollte ist, ob Sie völlig losgelöst neue Songs schreiben von dem was vorher war?
Zumindest versuche ich das. Disillusion ist keine Band, die jedes Jahr eine neue Platte herausbringt. Das letzte Album kam immerhin bereits 2006. So hatte ich bis heute natürlich einige Zeit, mich von geschaffenen Schemata zu lösen und auf das Neue zu hören. Außerdem bin ich der Meinung, dass niemand auf Dauer jedes Jahr eine Platte herausbringen kann und außerdem auf Tour sein kann.Irgendwann leidet die Musik massiv. Fehlender Input, fehlende Zeit zur Reflexion. Sich auf die neue Sache zu konzentrieren ist anstrengend. Dafür braucht es Ressourcen, dafür braucht es Zeit, um wirklich neu zu starten. Die Zeit muss ich mir manchmal aus den Rippen schneiden oder gut organisieren.
Ich habe mal Steven Wilson von Porcupine Tree bei einem Interview gefragt, wie er das so schafft, alles scheinbar gleichzeitig zu machen. Er ist Produzent, Songwriter, spielt in verschiedenen Bands. Wie macht er das? Er meinte, aus Liebe zur Musik. Er könne gar nicht anders. Geht das Ihnen ähnlich mit dem Kick The Flame Studio und Disillusion?
Ja, anders geht das wohl auch nicht. Es ist die einzig schlüssige Erklärung für einen Künstler. Manchmal wäre zwar eine klare Aufgabe wünschenswert als immer diese diffuse Wolke, in die man Licht bringen muss oder will. Doch im Grunde geht es immer um die Liebe zur Musik, oder das Musik machen.Das Kick The Flame Studio ist auch keine aus der Not geborene Finanzspritze oder ein klassisches Aufnahmestudio. Hier geht es um nichts anderes als Musik und ich stehe viel zu sehr auf der Seite der Musiker als auf der des Finanzamtes. Es erwachsen ständig neue Ideen und Möglichkeiten und Verbindungen. Bei dieser Arbeit lernt man viel und trifft auch viele Menschen, teilweise blickt man auch in ihre Seele. Ich komme gerade von einem Irish Folk Projekt, einer Musikrichtung mit der ich sonst nichts zu tun habe.Aber wenn die Musik rockt, was sie auch tat, dann macht es Spaß. Zu bewältigen sind Band und Studio aber wieder nur mit einer guten Organisation. Vor einigen Monaten habe ich mehr Struktur gewünscht, jetzt habe ich die Zeitgerüste und mich so besser zu planen.Wenn Sie auf Tour gehen, werden sie sicher auch nicht jeden Song so interpretieren, wie er auf Album eingefroren ist. Anders als bei Malerei und Kunstgegenständen. Irgendwann bricht dieser Entwicklungsprozess ab, das Stück gilt als „fertig“, obwohl man ewig dran arbeiten könnte.
Es ist immer alles im Fluss und nie zu Ende. Vieles in der Entwicklung eines Werkes hat mit Zufall zu tun. Ich werde nie wieder behaupten, dass ein Werk in seinem Resultat genau das ist, was ich ursprünglich vorhatte. Denn so ist es nicht, nicht in der Gänze.
Ein Dilemma. Da kann man nur über sich selber überrascht sein, oder?
Die Ruhe mit der Überraschung zu leben, die habe ich jetzt und die Gelassenheit, im Zweifel auf den Zufall zu setzen. Für Disillusion gibt es viele Pläne und Ideen. Doch wenn zum Beispiel unser neuer Basser Mathias etwas zu Demozwecken einspielt, setzt das immer viel mehr frei, als zwei Wochen darüber zu brüten. Man trifft sich, macht eine spannende Geschichte zusammen und dann geht es weiter.
War das Ihr Lebensziel, hier und jetzt und heute mit Musik zu leben, vor allem mit Kick The Flame?
Musik machen wollte ich schon als Junge am Amiga mit Techno und Beats und als Jugendlicher mit der ersten Gitarre. Ein Studio war dagegen nie ein Traum oder Wunsch. Das hat sich alles in gewisser Weise von selbst ergeben und ich zögere massiv, den Stand der Dinge zu verändern, gerade weil er bis hier so natürlich gewachsen war. So ein Studio ist ein zweischneidiges Schwert: Um es immer gut bestückt zu halten, muss man es als Betrieb sehen, investieren und viel planen und vor allem strategisch sein.Das wiederum beißt sich vollends mit der Zeit, wenn ich Musiker bin und Musik für Disillusion schreibe. Da ist bloßes Einkaufen gehen eine Belastung, oder gar Briefe vom Finanzamt zu beantworten. Also nein, hatte ich beides nicht vor, es gab keinen Plan, nur Entwicklungen und irgendwann Tatsachen. Über die bin ich heute aber nicht unglücklich.
Vielen Dank für das Interview.
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