Dio im Rückspiegel: Best of erinnert an Ausnahmesänger

Wenn der kleine Jables aus Kickapoo im Film „Tenacious D“ zum Lied anstimmt, kriegt er von Papi Dresche. Jables hebt zum Lied an Dio an, der ihm aus dem Poster singend rät, nach Hollywood zu reisen und eine Band zu gründen – der Zauber von Rock’n’Roll, geformt aus der Stimme von Ronnie James Dio und seiner Mano Cornuta, der zum Teufelshorn gewundenen Hand. Ein Artikel vom 6. August 2011 für die Leipziger Internet Zeitung.

2010 verstarb der Sänger an Magenkrebs und hinterließ eine große Lücke in der Heavy Metal-Szene. Die versuchen jetzt Plattenfirmen mit lustlosen Best-Of-Alben zu füllen. Best Of-Alben haben immer so ein Geschmäckle. Fans haben alles, Nicht-Kenner finden hier nur die Hälfte. Manchmal ist der Überblick überschaubar, spezielle Titel fehlen meist. In seiner langen Karriere, die mit der Rockband Elf begann, Dio über seine fruchtbare Zusammenarbeit in den Siebzigern mit Deep Purple-Gitarrist Ritchie Blackmore bei Rainbow hin zu Gitarrenmeister Tony Iommi zu Black Sabbath Anfang der Achtziger, ging der Weg des kleinen Mannes mit der großen Stimme auch in seiner Solokarriere über verschiedene Plattenfirmen.

Sie besitzen natürlich Rechte an verschiedenen Songs, wie es das Label Sanctuary hat. Das Ende der Siebziger von den Iron Maiden-Managern Rod Smallwood und Andy Taylor gegründete Label wurde vor einiger Zeit von der Universal Music Group geschluckt. Das muss man wissen, um zu verstehen, um was es hier geht. Wie bei jedem verstorbenen Rock- und Popstar schießen solche Tonsammlungen wie Pilze aus den Boden. Jeder möchte ein Stück vom großen Kuchen – und der ist bei Dio gewaltig.

19 Bandmitglieder begleiteten ihn allein in seiner Solophase von 1983 bis heute, hatte er mit zwei der wichtigsten Hardrock-Legenden zusammen gewirkt – mit Rainbow Mitte der Siebziger, mit Black Sabbath Anfang der Achtziger und Neunziger sowie als Namensumformung „Heaven And Hell“ von 2007 bis 2009. Zehn Studioalben als Dio, drei Studioalben mit Black Sabbath, dazu ein Live-Album und ein Best Of, mit Rainbow ebenfalls drei Studiowerke und ein offizielles Live-Album. Mit Elf brachte es der Sänger 1942 in Portsmouth geborene Sänger ebenfalls auf drei Studioscheiben.

Klar, dass zwei CDs wie von „Mightier than a sword“ kaum eine passable Lösung sein können, um Dios Werk im Überblick ausreichend zu würdigen. So wird Elf nur mit einem Lied bedacht, Rainbow sehr umfangreich mit acht Titeln, darunter Hits wie „Catch the rainbow“, „Stargazer“ und „Long live Rock’n’Roll“. Die Sabbath-Phase umfasst auch die wichtigsten Marksteine der Dio-Ära mit u.a. „Heaven and hell“, „Voodoo“, „Die young“ und „Children of the sea“.

Nur sechs Stücke aus der Solo-Periode schafften es auf den Doppeldecker, worunter Klassiker wie bspw. „The last in line“ und „Stand up and shout“ fehlen. Auch sonst ist die Sammlung recht lieblos zusammen gestellt, hat Dio 1992 einige Live-Auftritte mit Black Sabbath absolviert, nachdem er sich wieder für ein Album „Dehumanizer“ wieder vereinigte. Auch die Songs aus der Zeit mit der Sabbath-Nachfolgeband „Heaven And Hell“ sind nicht da. Und ganz wichtig: Mit „We Rock“ ist 2010 bereits eine Best-Of-Scheibe erschienen, hatte die im selben Jahr veröffentlichte Rückschau „Dio at Donington live 1983 and 1987“ noch einmal vor Augen geführt, wie groß der kleine Mann tatsächlich war. Erschien 2004 eine „Collection“ und in den Neunzigern eine zweiteilige „Antholgy“ sowie „Diamonds – The best of Dio“. Man merkt – der Mann auf dem silbernen Berg ist begehrt. Geschäfte lassen sich immer mit ihm machen, auch wenn er jetzt tot ist.

Als eifriger Rock-Hard-Megazine-Leser weiß der beflissene Fan, dass er bei „Mightier than the sword“ nicht zugreifen braucht. Denn ihn erwartet in den kommenden Jahren besseres. Es wird von Dios Witwe ein Dio-Box-Set veröffentlicht, worunter sich ein Elf-Live-Album befinden soll. Alle alten Scheiben werden als Neupressung auf Vinyl noch einmal und eine Bootleg-Box mit rarem Material aus den Achtzigern – u.a. ein Fernsehauftritt im japanischen Fernsehen als DVD und CD veröffentlicht. Eine Doku über Dio ist ebenfalls von offizieller Seite in Planung, und wahrscheinlich kommen irgendwann jene vollendeten Songs an die Fans, die Dio noch bis kurz vor seinem Tod für ein weiteres „Magica“-Soloalbum geschrieben und aufgenommen hat. Fans besitzen sowieso schon alle Alben des Sängers – warum also sich die verknappte Kurzgeschichte „Mightier than a sword – the story of Ronnie James Dio“ zulegen. Einsteiger sollten sich an die Kenner halten, die ohnehin nur das Beste in Studioalben empfehlen würden.

Highlights Dios Karriere sind ohne Zweifel alle Rainbow- und Sabbath-Alben. Seine Solophase weist da mehr Schwankungen auf, aber sichere Bänke sind „Holy diver“ und „The last in line“. Und wer vor 20 Jahren wie ein kleiner, pickeliger Metal-Freak Dios zum ersten Mal bei der DT64-Sendung „Tendenz Hard bis Heavy“ gehört hat, weiß, dass ein Song und ein Best of nicht ausreichen. Irgendwann hat man alle Alben doch im Schrank stehen.

 

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