Dem Melodic-Metal mit Brainstorm, Sinner und Wolfpakk auf der Spur

Sie könnten Gralshüter und Bewahrer des Ur-Metal sein. Was heute so bunt aus den Boxen kreischt hat seine Ursprünge auch dort, wo gelockte Haarmähnen, enge Hosen und hohe Stimmen ihr Zuhause haben: Melodic Metal, oder auch Power Metal wird das Gebräu aus schwer wummernden Takten, schrillen Soli und hochgeschraubten Gesang genannt. Gleich drei Veröffentlichungen weisen in diesem Herbst den Weg zum Metal-Gral. Den Anfang macht der Sturm im Gehirnkasten – Brainstorm. Eine Artikelreihe vom 9. bis 11. August 2011 für die Leipziger Internet Zeitung.

Brainstorm

Wenn es urtypische Protagonisten des Melodic Metal gibt, dann sind es wohl Judas Priest, Iron Maiden und Helloween. Die ersten beiden Kapellen gelten als die Speerspitzen für den britischen Heavy Metal der Achtziger. Die Deutschen von Helloween rauschten mit ihren „Keeper of the seven keys“-Epen schnell in die obere Liga der Fistelstimmen-Metaller. Wenig später kamen Gamma Ray und eben auch Brainstorm hinzu.

Wer beim Lesen des Albumtitels „On the spur of the moment“ an einen deutschen Fehlerteufel im fehlenden englischen Wortschatz denkt, muss zweimal „zuschlagen“. Nichts anderes heißt das Idiom im Deutschen – Zuschlagen oder Kaufen. Ob diese Umschreibung des von den Toten Hosen proklamierte „Kauf mich!“ auch dem Kuttenträger zum Kauf einer Brainstorm-Scheibe animiert? Man muss schon auf die melodischen Titel stehen, die wie einer Zeitmaschine gleich den Hörer unweigerlich in die Fantasiewelt von Feen, Hexen, Dämonen, Monster und Teufel entführen. Während sich andere Bands mit der Realität herumschlagen, oder mit ihren Geliebten, treibt es der 1989 in Ba-Wü gegründete  Brainstorm ins schrullige Paralleluniversum aus Märchen und Sagen.

Wer auf ihrem neunten Studiowerk Neuerungen in Richtung Metalcore oder anderen moderne Spielereien sucht, wird hier schnell unbefriedigt abziehen. Brainstorm ist auf der Schwelle zum Millenium – also 1989/1990, wo Grunge, Crossover und Hardcore Punk den Metal den Garaus zu machen versuchten – stehengeblieben und lullt seine Fans ins sichere Wiegenbettchen der Achtziger, als noch Metal noch Metal war. Keine Kopfsocken, keine Baggy Pants und Shorts. Hier dürfen Metaller noch lange Haare und bunt bestickte Kutten haben und bei Schlagernummern wie „In these walls“ sensibel auf der Tanzfläche mit grimmigen Gesichtern und Luftgitarren posen. Dabei kommt ihnen vielleicht auch die Erkenntnis, dass es ohne Sünder auch keine Heilige geben kann („No sinner – no saint“).

„On the spur on the moment“ ist demnach die passende Kost für denjenigen, der im De Lorean zurück in die Vergangenheit starten will. Dabei umschifft die jaulende Zeitmaschine aus Gerstetten kein Klischee, keinen Gitarrenhüftschlenker der Marke Rudolf Schenker, keine so hymnische Melodie, um beim Karre-Zusammenschrauben den passenden Soundtrack zu liefern. Mit dem kann man auch prima über die Landstraße brausen. Spätestens bei der Ausfahrt aus der barocken Musikwelt hinein in die Clubrealität dürfte mit der guten Laune Schluss sein – zumindest im Osten der Republik.

Wolfpakk

Metal braucht kernige Namen. Wolfpakk ist so ein schnittiger Begriff aus dem Englischen. Mit einem „k“ statt einem „c“ passt es auch mit dem metallischen Outfit. Wer ist dieses „Wolfsrudel“ – eine richtige Band? Nicht so ganz. Nur ein Duo zieht hier seine Fäden. Der Rest sind geladene Gäste, die um die Wette heulen. Das alles haben sie aufgenommen und auf einen Silberling gepresst.

Es gibt eine Folge von „Eine schrecklich nette Familie“, wo Dummbatz Al Bundy wieder mal sein Glück sucht. Dieses Mal in den Sweeney Todd’s, jenen im Teigmantel industriell hergestellten Würstchen aus Fleischabfällen, Schnäbeln und Klauen, die nach Berührung mit Luft nach Rattenscheiße stinken und ungenießbar werden. Al hat sich so auf sein Abendbrot gefreut, aber an der Geschichte war etwas faul. Zumindest der Geruch von Mottenkugeln haftet auch dem Produkt des metallischen Komponistenpärchen Sweeney und Voss – welch‘ Namensverwandschaft mit den Sweeney Todd’s – an. Dabei haben sie auf ihrer aktuellen Scheibe all jene Musiker eingeladen, die irgendwas mit dem Metal der vergangenen 40 Jahre zu tun hatten.

Die Liste der Musiker liest sich wie eine Abfolge von ex-Geliebten. In der Tat handelt es sich hier meist um die Leute, die beim Metal ohnehin in den letzten Jahren in der letzten Reihe standen. Michael Voss und Mark Sweeney haben sich für ihr Power-Metal-Projekt Leute wie den ex-Sänger von Iron Maiden Paul Di’Anno, Gitarrist Jeff Scott Soto (ex -Y. Malmsteen, Talisman), Tony Martin (ex- Black Sabbath) oder Tim Ripper Owens (ex- Judas Priest) eingeladen. Und das sind die berühmtesten Namen der 20 hier versammelten Musiker. Genug Männer also für ein zünftiges Wolfsrudel.

Auch auf „Wolfpakk“ geht es wie bei Brainstorm ganz „retro“ zu: Jaulende Gitarren im Stil der englischen New Wave Of British Heavy Metal oder amerikanischem Hardrock Anfang der Achtziger gibt es hier zu hören. Eingängige Texte, die sich auf Wörter des traditionellen Metal-Vokabulars „Blood“, „Steel“, „Hammer“, „Battlefield“ und „Sanity“ reimen und einfach gestrickte Melodien im „Shalalala“-Stil bereichern das melodiöse Memorialwerk. Das Klischee vom kuttenbewehrten Metaller wird so zur aufreizenden und gezierten Pose, die hochgereckte Faust entblößt buschige Achselhaare, weil das Muskelshirt den Blick freigibt. Während die Mähne geschüttelt wird, werden Schunkellieder angestimmt, die so etwas wie Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Band und Fans vermitteln sollen („The Crow“). Was allerdings um Himmels willen mit einem „Wolfpup“ gemeint ist, erschließt sich auch nach mehrfachen Hören nicht. Unanständig klingt das interessante und knapp einminütige Instrumental jedenfalls nicht.

Das Kind im Manne hat spätestens mit dieser Scheibe neben Traditionsvereinen, Modelleisenbahn und Aquaristik einen adäquaten Begleiter gefunden. Man kann am Wochenende seine Kutte vom Staub befreien, „Wolfpakk“ kehlig als Schlachtruf rufen, wütend beim Headbangen aufstampfen und ein gepflegtes „Let me die!“ kreischen. Mit Wolfpakk hat Melodic Metal seinen Meister gefunden. Auch wenn er schon alt und grau ist und mit Ikterus auf der Intensivstation liegt.

Sinner

Seit 1982 gibt es schon die deutsche Truppe. Gegründet vom in der Szene umtriebigen Mat Sinner, feiert seine Hauptband sage und schreibe 30 Jahre Bühnenjubiläum in diesem Jahr. Pünktlich zum Geburtstagsfest gibt es auch gleich eine Studioscheibe, die alte Zeiten noch einmal aufleben lässt. Eine Patrone ist immer noch übrig, und die wird nun mit „One bullet left“ verschossen.

Eine Kugel hatte auch Captain Jack Sparrow aus der Filmreihe „Fluch der Karibik“ übrig. Für wen, ist eine Frage, die sich beim Hören der neuesten Scheibe aus dem Hause Sinner erübrigt. Der Gnadenschuss liegt ganz beim Bandgründer Mat Sinner, der seit dreißig Jahren unermüdlich die Fahne des Melodic Metal hochhält. Dabei müsste es eigentlich bei diesem Stil „Im Westen nichts Neues“ heißen.

Vor allem in Westdeutschland finden sich für aufgebauschte Noten in Metall seit Jahrzehnten willige Abnehmer. Stellt die neueste Sinner-Single „Back on trail“ nun unter Beweis, dass sich die Band kollektiv vor den irischen Rockern von Thin Lizzy verneigt. Und diese Band mag doch jeder, oder?

„Frischzellenkur“ heißt es bei der Band. „Spielfreude“ und „Spaßfaktor“ geben den Ton hier an. Und Spaß kann man tatsächlich beim Hören von „One Bullet Left“ haben. Entweder beim Bierbüchsen-an-der-Stirn-zerdrücken, beim Billard-Spiel-im-Dunkeln oder gar beim Rückwärtsfahren auf der Autobahn. Denn wer den filigranen Melodien auf „One Bullet Left“ folgt, weicht jedem Unglück aus. „Just rock – Just raise your hand until the end“, so der Weisheit letzter Schuss – und die Patrone fliegt im Titelstück. Wohin weiß niemand.

Man weiß nicht, ob man der übrig gebliebenen Kugel ausweichen will, oder mit den Zähnen auffängt und cool wie Clint Eastwood in den eigenen Revolver steckt und zurück pafft. Auch wenn beileibe Matt Sinner und seine Mitstreiter alles richtig machen in ihrem Genre, so wird man der vertonten Realitätsflucht mehr und mehr überdrüssig. Man weiß es nicht mehr so richtig, ob das Album schon vor zwanzig Jahren aufgenommen wurde oder eine Nachgeburt dessen ist.

Es ist bei „One Bullet Left“ wie beim Betrachten der Plastikwelten einer Schneekugel: Langweilt sie, verstaubt sie für Jahre und man will mit dem kindischen Schrott nichts zu tun haben. Holt man sie wieder hervor, poliert diese, dann erinnert man sich an die Zeit als man jeden Tag Schneegestöber veranstaltet hat. Das ist dann zu hart, um das noch einmal zu wiederholen und trennt sich endgültig von der sentimentalen Träumerei.

Die Zeit ist für Melodic Metal endgültig vorbei, da können Bands wie Sinner noch so sehr versuchen, die Zeit anzuhalten. Neues kommt aber auch nicht mehr. Metal dreht sich angesichts solcher Scheiben tatsächlich im Kreis. Das soll aber auch ganz lustig sein, … machen Metalfans das bei Konzerten auch sehr gern.

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