Death-Metal-Poesie im VILLAkeller: Markkleeberg Metalheadz brachten Klub zum Knacken

Death Metal in der VILLA (Foto: Daniel Thalheim)

Death Metal in der VILLA (Foto: Daniel Thalheim)

25 Jahre hat Death Metal auf dem Buckel. Das, was ein Journalist in freier Übersetzung als „Todesblei“ bezeichnete, ist der dumpfe und röchelnde Klang aus der Gruft. Die amerikanischen Bands Possessed und Death gelten als Vorreiter dieser brutal klingenden Musik. Es geht um den Tod und all seine Begleiter. So auch das Motto der Markkleeberg Metalheadz am vergangenen Freitag im VILLAkeller. „Masters of Death Metal“. Ein Artikel vom 1. Oktober 2011 für die Leipziger Internet Zeitung.

„Erinnere dich des Moments / Bedenke, dass du sterben musst“, heißt es seit dem Barockzeitalter. Sich dem Tod bewusst zu sein, kann Menschen zu Höchstleistungen anstacheln. Man lebt bewusster und intensiver. „Memento mori“, das Motto der damaligen Zeit. Das ist heute nicht anders. Jetzt sind die wohlklingenden Verse einem Röcheln aus der Gruft gewichen: Death Metal!

Mit dabei im grunzenden Reigen an diesem Abend sind die Bands Burning Butthairs, Profanation, Defloration und die Leipziger von Invocation. Da geht schon mal die Frage um, was das alles bedeutet. Invocation-Drummer Sebastian Schmidt stellt sich mal den neugierigen Fragen, was das alles heißen mag – in zwei Teilen. Während sich der VILLAkeller stetig füllt und im Raucherraum unablässig Death-Metal-Klassiker aufgelegt werden, erklärt der rotbärtige Drummer und Helheimkneipe-Tresentiger, woher Death Metal kommt und wie er zum ersten mal auf diese Musik stieß.

Was bedeutet eigentlich Death Metal heute nach rund 25 Jahren Bestehen? In den Achtzigern noch grunzender Elternschreck, aber heute? „Ich habe zu einem Zeitpunkt angefangen Death Metal zu hören, da war der erste Death Metal Boom bereits verflogen. Das war in den späten Neunzigern“, erklärt Schmidt vor Beginn der Invocation-Show seinen Einstieg in die Death Metal-Szene. Man muss wissen, dass bereits Ende der Achtziger Jahre die erste Death Metal-Welle auch nach Europa schwappte.

Amerikanische Bands wie Autopsy, Morbid Angel, Obituary wurden einem größeren Publikum bekannt – nicht zuletzt durch das Kölner Plattenlabel Roadrunner. Aus Skandinavien schwappte Anfang der Neunziger ein ganz anderer Death Metal-Sound in die Szene. Aus Bands wie Morbid und Nihilist entstanden Entombed. Ebenfalls aus Schweden kommen Grave und Unleashed, die Nachzügler Dismember schlugen zuerst 1991 ins Kerbholz. Sogar die norwegische Black Metal-Band Mayhem, die Abo Alsleben 1990 nach Leipzig für ein Konzert einlud, wovon noch eine Live-Aufnahme Zeuge abgibt, bezeichnete sich als „Death Metal“.

Defloration (Foto: Daniel Thalheim)

Defloration (Foto: Daniel Thalheim)

„Bands wie Cannibal Corpse, Carcass, Morbid Angel waren Anfang der Neunziger richtig groß. Dann setzte der Black Metal-Trend ein. Aus diesem Trend haben sich einige Black Metal Bands wieder zum Death Metal weiter entwickelt.“ Schmidt nennt Namen wie Belphegor aus Österreich, Behemoth aus Polen. „Und so bin ich vom Black Metal zum Death Metal übergewechselt“, fügt der Drummer hinzu. „Death Metal habe ich für mich als aggressivste Ausdrucksform von Musik gesehen. Man kann dadurch seinen Aggressionhaushalt schön kompensieren. Death Metal kann von brutal, finster und tief bis hin zu melancholischen Stimmungen fast alles abdecken.“

Dieser Stil wurde in den letzten Jahren immer wieder von neuen Einflüssen geprägt. So haben die britischen Grindcore-Könige von Napalm Death mit dem Einstieg des Death Metal-Shouters Barney Greenway Anfang der Neunziger Jahre sich immer mehr zum Death Metal geöffnet. Carcass aus England praktizierten ebenfalls den Grindcore-Sound, wurden aber von Album zu Album Death Metal lastiger, bis sie dann auch melodiöser wurden. In Schweden mutierte durch Bands wie Edge Of Sanity, At The Gates, Dark Tranquillity und In Flames der dumpf röchelnde Death Metal-Sound zu einer melodischen Spielart, die im Fall von In Flames in einen kommerziellen Weg mündete. 1985 noch extrem und erschreckend für viele, ist heute Death Metal eines von vielen Metal-Subgenres – und gar nicht so gemein, wie manche Leute es immer wieder einen weißmachen wollen.

„Wenn ich an lupenreinen und urigen Death Metal denke, habe ich sofort den Klang von Asphyx, Deicide, Dismember, Cannibal Corpse und Pestilence im Ohr“, ergänzt Schmidt seine Ausführungen. „Das ist der Grun(z)dstein des Death Metal. Wenn ich an unsere Band Invocation denke, dann bedeutet für uns genau dieser Klang, den wir spielen und mögen. In uns ist das seit elf Jahren drin und wollen das immer noch machen.“ Sebastian Schmidt weiß, dass bald ein erstes Invocation-Album kommen wird. Das erste überhaupt in der elfjährigen Bandgeschichte. In der Zwischenzeit legen die Burning Butthairs schon los und begeistern die wollige Meute mit einer Mischung aus extremen Hardcore Punk und Death Metal die so mancher Szene-Spezi als „Deathcore“ bezeichnet. Auch Profanation lassen ihre extreme Mischung aus diesen Elementen feiern. Doch am meisten wuseln die Fans bei Invocation und Defloration, die vor allem mit ihrer depressiven und nachdenklichen Note aus tiefem Röcheln und Handkantenschlägen den Inhalt ihrer Texte zu unterstreichen versuchen.

Wie es der Zufall will, steigt im Bandhaus der Bandcommunity zur Stunde am heutigen 1. Oktober die nächste Death-Metal-Röchel-Party namens „Burning Ballroom“.

Invocation (Foto: Daniel Thalheim)

Invocation (Foto: Daniel Thalheim)

Invocation heißt die Leipziger Death Metal Band, die mit ihrem ersten Album in den Startlöchern steht. Natürlich hat sich die Gruppe weiterentwickelt, frönt herben Death Metal, der technisch und ausgefeilt ist. Vorbilder? Nile und Morbid Angel. Themen: Sumerische Göttersagen und die dunklen Abgründe rund um die religiöse Welt im antiken Zweistromland. Sebastian Schmidt trommelt bei dieser Band und erklärt, warum der Musikstil Poesie in sich trägt, Humor besitzt und dickste Kontroversen überstanden hat.

„In den vergangenen elf Jahren, während es Invocation gibt, hat sich vieles in der Death-Metal-Szene getan, wie bei uns als Band auch“. Dabei ist Sebastian Schmidt, Invocation-Drummer durchaus nachdenklich. „Jetzt können wir das spielen, was wir damals schon machen wollten. Ich denke, man hört heraus, aus welcher Zeit wir gedanklich kommen“. Schmidt sagt das nicht ohne Grund, nach dem Gespräch haben er und seine Band immerhin einen Auftritt hingelegt, der selbst Cannibal Corpse und Morbid Angel beeindruckt hätte.

Letztere Formation wurde durch seine anspruchsvollen Songs und Themen bekannt, vor allem auch durch das meisterliche Spiel seiner Musiker Trey Azagthoth (Gitarre) und Pete Sandoval (Schlagzeug). Thematisch beschäftigt sich Invocation mit sumerischen Götterwelten und der dunklen Materie des Seins. Es gibt aber noch mehr Themen, die bei den Death-Metal-Bands zur Sprache kommen.

Sebastian Schmidt: „Tatsächlich reicht das von Mord und Totschlag bis hin zu philosophischen Themen und echter Lyrik. Es gibt Autoren, die ihre filigranen Geschichten in einer Death Metal-Band einbringen. Doch auch Cannibal Corpse-Texte gibt es, wo es ums Frauenzerstückeln und Kinderverspeisen geht und sich so aus dem Horror-Genre bedient und reine Fiktion darstellt. Rein textlich gibt es also viel Spielraum. Schaut man sich beispielsweise Nile an, hat man Ägyptologie dabei. Bei uns in Invocation ist das sumerische Thema ein Konzept. Eric, unser Gitarrist, hat klassische Archäologie und Altorientalistik studiert, was natürlich bei uns wunderbar passt. Aber es gibt beim Death Metal auch viele depressive und melancholische Themen, die komplex geschrieben werden und wo man vieles hineininterpretieren kann. Es ist ein weites Feld und nicht nur Mord und Totschlag gibt es in diesem Genre, aber es ist charakteristisch. Es heißt ja auch Death Metal. “

Wie stehen Death Metaller eigentlich zum Tod. Ein alltägliches Thema eigentlich, aber immer noch für viele eines, dass man lieber wegdenkt. Denn nicht immer sind seine Begleitumstände angenehmer Natur und die Endgültigkeit trägt den eigentlichen Schrecken in sich. „Tod ist nur ein Name für ein Genre, das Death Metal heißt. Na klar gibt es immer Tote. Tod gehört zum Leben. Wenn man sich mit dem feststehenden Begriff Death Metal mit all seinen Facetten auseinander setzt, ist das Ganze eine spannende Angelegenheit. In jeder Epoche und in jeder Kultur ist Tod ein wichtiges Thema gewesen. Schaut man nach Mitteleuropa sind es vor allem Kriege und Krankheiten wie die Pest. William Shakespeare hatte den Tod regelrecht inszeniert in seinen Stücken. Ein Krimi funktioniert beispielsweise auch nur mit einem Mord, genauso wie jeder Horror- und Actionfilm. Tod ist elementare Bestandteils unseres Lebens und gehört wie die Luft zum Atmen dazu. Aufgrund der Aggressivität von Death Metal kann man das alles wunderbar thematisieren“, führt Schmidt weiter aus.

‚Only death is real‘, sagt ein weiser Spruch. „Stammt von Mayhem“, sagt Schmidt lächelnd. Wer die norwegische Band, deren Sänger „Dead“ sich 1991 mit einer Schrotflinte das Leben nahm und deren Gitarrist „Euronymous“ mit mehreren Messerstichen einige Jahre später ermordet wurde, als Black Metal bezeichnet, liegt etwas falsch.

„Damals haben sie sich als Death Metal-Band verstanden“, gibt Schmidt zum besten. Sänger „Dead“ ist von der schwedischen Band Morbid zu Mayhem gestoßen. Und ihr Sound war und ist für die Black Metal-Szene stets untypisch gewesen. Wohingegen die norwegische Black Metal-Band Darkthrone tatsächlich zunächst als reine Death Metal-Band in Erscheinung trat und als Gegenreaktion zum boomenden Trend aus Amerika einen eiskalten Sound schufen. Den sie mit alten Kassettenrekordern aufnahmen. Ein Sound der mit Alben wie „A blaze in the northern sky“ und „Under a funeral moon“ als Blaupause für den Black Metal-Boom in den neunziger Jahren diente.

Kann so viel Tod auch Poesie in sich tragen? „Selbstverständlich!“, meint Schmidt. „Der Tod kann auch etwas anmutiges sein!“ Wer sich mit der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Literatur und Kunst auskennt, weiß, dass der Tod mal ironisch, schelmisch aber auch romantisch oder schrecklich vorgetragen wurde. Johann Wolfgang Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ oder Hermann Hesses „Glasperlenspiel“ tragen genauso den Tod als letzte Folge in sich, wie eben auch ein Höllenbild von Hieronymus Bosch. „Für viele Leute kann Tod eine Befreiung sein, Tod kann eine Metapher für das Leben an sich sein. Der Tod ist unumgänglich, was heißt: Der Weg geht bis zum Tod. Das heißt, dass der Tod dich ein ganzes Leben lang begleitet. Man weiß, dass er da ist. Die direkte Konfrontation damit kann schrecklich sein, ansonsten weiß jeder Mensch, dass er sterben wird.“

Für Schmidt Hintergründe, die man natürlich in die Musik transferieren kann. Ein musikalisches Gedenken an den Tod? Schmidt stimmt nickend zu. Doch nicht jeder kommt mit dieser Ausdrucksform klar und will sie verbieten. In Deutschland ist es die Grünen-Mitglied und Lehrerin Christa Jenal gewesen, die in den bunten Splattermotiven auf den Plattencovern der amerikanischen Death Metal-Band Cannibal Corpse etwas Jugendgefährdendes sah, sogar an den Texten Anstoß nahm, die sich ihrerseits an fiktionalen Horrorfilmen anlehnten. Deswegen erscheinen die frühen Alben dieser Band nicht auf dem deutschen Plattenmarkt. Cannibal Corpse bringt extra hierfür selbstzensierte Alben heraus, wohingegen es im übrigen Europa eher unter dem Aspekt künstlerische Freiheit gesehen wird.

„An dieser Stelle einen herzlichen Dank an Christa Jenal, dass sie uns eine so harte Zeit beschert hat, wo wir kein ‚Hammer Smashed Face‘ auf Konzerten hören durften. Cannibal Corpse hat das Lied trotzdem immer gespielt. Ich empfinde diesen Song sehr stark. Ich sage auch, dass jede Band ihren Ausdruck so rüberbringen darf, wie sie es möchte. Die Band hat niemanden zu Gewalt, Mord und Totschlag aufgerufen. Ihre Texte sind grotesk, bizarr und rein fiktiv. Auch wenn sie sehr anstößlich und vulgär sind, haben sie trotzdem ihre Daseinsberechtigung“, so Schmidt weiter. „Ich persönlich mag das nicht wirklich, aber die Musik ist gut. Als Musiker verstehe ich ihre Message sowieso mehr über die Musik. Viele Leute sehen das auch so. Betrachtet man die übertriebenen comic-haften Darstellungen auf ihren Plattencovern und den Detailreichtum, kann man nicht von Ernsthaftigkeit sprechen. Bassist Alex Webster ist Familienvater. Und die machen sich einen Spaß aus den Hetzkampagnen.“

Kunst und Musik zu limitieren und zu verbieten, weil man geschmacklich nichts damit anfangen kann, davon hält Schmidt nichts. Man kann es aber auch mit Humor nehmen. In Australien gab es vor einiger Zeit eine Kampagne gegen Cannibal Corpse. Die Band wurde mit Auftrittsverboten belegt, weil ihre Texte angeblich gewaltverherrlichend seien. Der australischer Komiker Andrew Hansen nahm das zum Anlass und stellte lachend fest, dass nicht die Texte das Problem sind sondern die Musik und spielte den Song „Rancid Amputation“ als Loungemusik nach. Das Publikum fand es komisch. Den humoristischen Umgang mit Death Metal empfindet Schmidt großartig. „Jeder Künstler und jeder Entertainer, muss davon ausgehen, wenn er gut ist, persifliert zu werden. Jemand muss sich mit der Musik auseinander gesetzt haben, um das machen zu können. Ich würde das mit meiner Band als kostenlose Werbung empfinden. Mal durch den Kakao gezogen zu werden ist witzig, wenn es gut gemacht ist natürlich.“

Dieses Beispiel zeigt, dass Death Metal-Musiker Humor haben? „Auf jeden Fall!“, bestätigt Schmidt lachend. „Selbstironie gibt es ziemlich oft im Death Metal.“ Zu Invocation sagt der Trommler abschließend, dass die Band seit der Jubiläumsshow vor anderthalb Jahren nicht mehr zusammen auf einer Bühne stand – und dementsprechend ist Schmidt aufgeregt. „Wir hatten danach eine kreative Pause eingelegt, der vom Proberaumwechsel und privaten Dingen geprägt war. Alles das unter einem Hut zu bringen, ist natürlich nicht einfach gewesen. Jetzt haben wir uns gesagt, dass wir wieder zusammen spielen wollen. Und diese Show ist tatsächlich ein Auftakt für weitere Auftritte, damit wir nächstes Jahr nach unserer EP vor drei Jahren endlich unser erstes Album aufnehmen können. Nach knapp zwölf Jahren kann man endlich mal darüber nachdenken.“

Immerhin hatte Invocation schon vor zehn Jahren einen Ruf. Schmidt hustet und lächelt. „Vor zehn Jahren hatten wir eine recht große Klappe gehabt, kein Equipment und nichts dahinter. Irgendwann hat sich das aus dem Schülerbanddasein zu einer ganz ordentlichen Sache entwickelt. Man denkt über gewisse Prozesse in seinem Leben auch mal nach. Wie bei einer Partnerbeziehung muss man immer wieder was für die Band tun, damit etwas funktioniert“, so Schmidt zum Abschluss zu einer Leipziger Death Metal-Band, die 2000 als Altar of Sacrifice, dann als Defaced in Erscheinung trat, um später als Invocation gehörig die Bude wackeln zu lassen.

Am 7. Oktober wurde wieder ein Termin der Markkleeberg Metalheadz angesetzt, ein weiteres Datum mit Metallischem steht ins Haus. In der Halle 5 hieß es „Thrash ihr Affen“, wobei dann Gruppen wie Hatred, Godslave und Leather Phantom eine ganz andere Spielart des Metal zeigen: Thrash Metal für 7 Euro Eintritt.

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