Axxis im Rückspiegel: Zurück zu den Wurzeln

Die Band kommt nicht aus Leipzig, sie wird auch nicht hierher kommen. Dafür veröffentlicht sie weltweit eine DVD, die ihre Abkehr vom „normalen“ Musikbetrieb dokumentiert. Es geht um Axxis, die ihr eigenes Label gegründet haben, um weiter existieren zu können. Sänger und Produzent Bernhard Weiß erzählt über den Entschluss einer Band, alles in eigene Hand zu nehmen. Ein Artikel vom 3. Juni 2011 für die Leipziger Internet Zeitung.

Bernhard Weiß, wie war es früher, wie ist es jetzt mit der Musikbranche?

Ganz kurz gesagt: Früher war es analog – heute ist es digital. Mit dieser Technik wurde vieles revolutioniert. Vieles zum Guten, manches aber auch zum Schlechten. Während wir früher auf analogem Tonband teure Tonstudios mieten mussten (pro Tag ca. 800 Euro) können wir heute unser eigenes Soundworxx-Tonstudio kostengünstig digital betreiben. Während man damals für seine Leistung entlohnt wurde und der Vinylplatten-Verkauf ein guter Maßstab war, ob man eine gute oder schlechte Platte gemacht hatte, haben wir heute oftmals den Eindruck, erfolgreich zu sein, ohne dass unser Bankkonto davon was mit bekommt. Waren wir mit 95 Prozent unser Alben in den Charts… mussten wir damals 1.000 Stück am Tag verkaufen – sind es heute 1.000 Stück im Monat… und schon bist du in den Top 40. Auf unserer DVD hole ich ein Mädchen auf die Bühne, die ich frage, wie viele CDs sie von uns hat. Daraufhin erwidert sie: Keine! Ich frage nach, woher sie uns denn kenne. Sie antwortet aus Youtube.

Das Publikum lacht. Im Klartext: Heute kann man erfolgreich sein und trotzdem dabei unter der Brücke schlafen.

Ist der CD-Kauf eine Mentalitätsfrage?

Klar, bei Leuten, die mit der Musik und ihrer Band leben, die die Rockmusik auch als Lebensphilosophie auffassen und sie nicht nur „konsumieren“, die kaufen CDs und sogar wieder Vinylplatten.

Da geht es auch um den Akt des Musikhörens. Was habe ich damals die Scheiben von Yes, Rush, Iron Maiden oder AC/DC analysiert und immer neue Sachen entdeckt. Dort wurde sehr vielschichtig produziert. Wir kommen aus dieser Zeit und versuchen das bei unseren Studioproduktionen auch. Das dauert wohl länger und ist sehr aufwendig, aber die Leute, die sich mit unserer Musik beschäftigen, werden immer wieder neue Elemente, Instrumente, versteckte Melodien usw. entdecken und haben lange Zeit was von der gekauften CD. Bei den runter komprimierten MP3 Files gehen viele dieser Informationen verloren oder sind viel schwerer raus zuhören, aber das interessiert den IPodler ja auch nicht.

Leben wir eine Kostenlos-Gesellschaft? 

Naja, kostenlos ist gar nichts, auch wenn viele das denken. Während Musik wohl umsonst auf Portalen wie Youtube, LastFM, MySpace usw. angeboten wird, profitieren nicht wir oder die User von diesem Angebot, sondern die Portale selber, die die Werbung schalten und die Daten ihrer User schön verbraten. Das ist genau das, was mich am meisten ärgert. Ich zahle für jede Produktion von Axxis zwischen 20.000 Euro bis 30.000 Euro um eine CD herzustellen, unser DVD beispielsweise war ein Jahr intensive Arbeit und dann nehmen die Portale meine Musik oder Videos „kostenlos“ und illegal auf, machen damit Geld, nutzen die Daten unserer Hörer und machen damit noch mehr Geld und ich stehe daneben und soll mich über die tolle Promotion freuen. Ich wäre sofort dafür, dass all diese Portale auch wirklich kostenlos wären, keine Werbung mehr schalten dürfen und keine Daten ausspionieren dürfen, dann würden wir in einer wirklichen Kostenlos-Gesellschaft leben…alles andere ist Abzocke!

Was ist beklagenswert in der Musikindustrie? 

Dass sie nicht auf die digitale Entwicklung reagiert hat, dass sie jahrelang vom hohen Ross herunter und sehr arrogant die neuen Vertriebswege verschlafen hat und nun um ihre Existenz bangt. Um sich heute über Wasser zu halten, werden Kooperationen mit z.B. Fernsehshows angestrebt. Doch leider beißt sich da die Katze in den Schwanz.

Früher wurden Künstler langfristig aufgebaut, dieser generierte dann immer so viel Geld, dass man neue Künstler entdecken und aufbauen konnte. Wir beispielsweise haben von der EMI Electrola 3 feste CDs über einen Zeitraum von 3 Jahren als Deal bekommen. Da war klar, dass wir diese Zeit als eine Art Lehre nutzen konnte, um im Musikbusiness Fuß zu fassen. Wie will sowas ein Castingshow-„Star“ hinbekommen. Nachdem der im TV immer vor einem Millionen Publikum aufgetreten ist, spielt der einmal auf irgendeiner Toilette vor 30 Leute und zerbricht seelisch daran. Wir haben das Jahre lang so gemacht und uns unser Fanbasis so aufgebaut. Uns war auch klar, dass wenn das erste Album floppt, wir noch eine Chance bekommen. Dass wir dann direkt mit dem ersten Album „Kingdom of the night“ so abgingen, war nicht geplant… vereinfachte aber vieles.

Ziehen nach dem DVD-Projekt andere Bands mit, von denen Axxis wissen?

Es gibt gerade in der Szene eine große Anzahl an Bands, die unseren Weg beobachten. Manche sind auch schon den Weg gegangen. Wir selber spielen seit 2000 mit dem Gedanken unser eigenes Label aufzubauen. Dass wir nun endlich diesen Schritt machen, liegt an dieser offiziellen Bootleg DVD, die von Fans gefilmt wurde und bei der wir unter unprofessionellen Bedingung alles rausholen wollten, was rauszuholen ging. Wir fanden, dies ist der optimale Zeitpunkt diesen Schritt zu wagen. Wir wollen diese DVD nutzten um zu lernen, Erfahrungen zu sammeln und uns dieser Herausforderung zu stellen. Wir sind somit wieder in der Lehre, um auf die neuen Gegebenheiten in der Musikwelt reagieren zu können. Sobald wir genug Wissen haben und uns kompetent genug fühlen, würden wir gerne unser Struktur auch anderen Bands zur Verfügung stellen. Eine Zukunftsperspektive, die ich sehr spannend finde.

Axxis ist nun nicht mehr nur eine Band. Mit Phonotraxx sind wir nun auch ein Musikverlag, ein Label und mit dem Soundworxx auch ein Tonstudio… man nennt sowas – glaube ich – 360Grand Unternehmen. Und das wiederum bedeutet Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und die Freiheit zu haben, das zu tun, worauf man Bock hat… also, der ursprüngliche Grund, warum ich Rockmusiker geworden bin… somit schließt sich der Kreis.

Danke für das Interview.

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