Hoffnungslos entflammt: Eine Reise zur Heavy-Metal-Schafweide in Torgau (4)

Cytotoxin bei der Mosh-Polonaise (Foto: Daniel Thalheim)
Cytotoxin bei der Mosh-Polonaise (Foto: Daniel Thalheim)

Ernste Themen, die am Büdchen besprochen wurden. Hellraiser, Rock The Nation und Mainstream waren aber weit von den Problemen entfernt, die die Sicherheitsfrau beschäftigten. Vorrangig ging es ihr darum, wie der Privatbesitzer die Zerstörungswut einiger weniger Vandalen verkraftet. Kostet das dem Veranstalter doch auch extra Geld. Ein paar Stunden später war der Schaden in den Toiletten behoben. Für das „In Flammen“ 2013 plant man dem entgegenzusteuern. Inzwischen warfen sich Metalheadz-Niebe und Pappe in Schale und steuerten in einem „Rollstuhl of Spiderman“ die Bühne an.

Der Grund für die Maskerade war die Leipziger Metalband Human Prey, die wie Arranged Chaos aus Leipzig für den Lokalkolorit auf das „In Flammen“ sorgten. Am Freitag begeisterte der Auftritt der Leipziger von Prowler nicht nur Niebe und Pappe. Auch da wieder das Spiderman-Kostüm im Rollstuhl und das Poser-Rocker-Redneck-Outfit von Pappe. Inklusive Perücke. Extra fürs Festival ließ sich Niebe sogar einen Pornobalken stehen, rasierte sich sonst komplett alles ab, was einem Pornostar uncool aussehen lassen würde. Inzwischen ist auch der Schnauzer weg. „Nur fürs Festival!“, sagte Niebe zu seinem Äußeren.

„Zeit für ein erstes Bier“, meinte Metalshoe-Uwe. Noch sorgte er sich, ob alle seine Leute von Arranged Chaos rechtzeitig zum Auftritt um 14 Uhr da sein werden. Uwe zerbrach sich umsonst den Kopf. Alle standen eine Stunde vor Antrittsbeginn auf der Matte. „Na, dann kann es ja los gehen!“, freute sich Uwe noch, der als Manager die fünf Metaller unter seinen Fittichen hat. „Ich gehe mir auch mal Bier holen“, sagte ich noch vor dem brachialen Auftritt der Metalcoreler aus Leipzig. Mein Bier war alle. Zwar hatte ich nach dem Frühstück welches aus der Tankstelle mitgebracht. Aber das reichte noch nicht bis zur Nacht. Also musste ich noch einmal los.

Rechtzeitig kam ich wieder zurück auf das Festivalgelände. Hier knurrte Arranged Chaos durchs Unterholz und ließ die Fans tanzen. Niebe und Pappe hatten aber was ganz anderes im Sinn. Sie warteten wie viele andere auch auf Cytotoxin. Die Grindcore-Truppe ließ mit Verkehrsschildern eine Mosh-Polonaise veranstalten, die auf der Bühne mit einer großen Party endete. Danach folgte October Tide. Auf die Band habe ich neben Obituary, Crowbar und Benediction auch gewartet. Nach dem buntem Treiben von Cytotoxin kam der melancholische Stoff von October Tide genau richtig als Hängematte. Und die wirkte mindestens genauso gut wie ein Beruhigungsmittel, das als Stimmungsaufheller und -verdunkler einem die Stimmungsschwankungen noch eindringlicher näher bringt als sonst.

Als ich dann vom Bier auf Wasser umstieg, weil das „Paderborner“ genau das Stechen in der Stirn hervorrief wie zu der Zeit vor zwanzig Jahren als das Pilsner ein beliebtes Getränk auf den Baustellen der Republik kursierte, bestiegen Italiener die Bühne. Bloodchamber-Rosi war schon im Vorfeld begeistert von Skanners. „Die einzige Heavy Metal Band, die mich wirklich umhaut“, sagte er noch am Frühstückstisch in der Tankstelle. Er sollte Recht behalten. Die gut gelaunte Party-Mucke riss wirklich jeden auf dem Gelände mit – bis auf ein paar Piesepampel ohne Sinn für Metall der alten Schule. Immerhin wurde Skanners 1982 gegründet. Feierte die Band 2012 ihr dreißigjähriges Band-Jubiläum. Die Feierlaune sah man den Italienern merklich an, die sich schlagartig auch auf die Laune der Besucher übertrug. Außer als Sänger Claudio Pisoni auf die verlorene FIFA-EM der Deutschen durch das elegante Spiel der Italiener hinwies. Da wurde es ruhig.

Eine junge Frau sprach mich während der Show wegen meiner Flasche Wasser an. „Ist da wirklich Wasser drin?“, fragte sie. „Na klar!“, entgegnete ich. „Willste mal kosten?“ Sie verneinte lächelnd als ob sie eine andere Antwort erwartet hätte. Schnaps trinke ich nun wirklich nicht. Inzwischen feierten die Leute das Skanners-Album „Factory Of Steel“ mit dem Song „Hard And Pure“ ab. Sogar eine Zugabe spielte die Band auf Verlangen der Zuschauer. Aber wo war der Merchandising-Stand der Band? In der Froschkotze-Bar? Ach so! Für eine 1982 gegründete Band sollte Skanners wirklich auch auf größeren Festivals Platz finden. Flammen-Veranstalter Thomas: „Wir kennen Skanners schon recht lange und gut. Das ist echte Freundschaft.“

Was dann passierte verschwimmt im Erinnerungsnebel. Black Metal wurde geboten, ich trank Bier mal dort und hier, besuchte die Truppe um Rallowski und sah zu wie ein Tetrapak-PET-Flaschen-Löffel-Türmchen erbaut wurde, das aber den kräftigen Böen nicht stand hielt. Dann muss ich wohl wieder bei den Scheddelianern gesessen sein, um dort Bierchen zu zischen. Irgendwann war ich auf Toilette und traf auf Crowbar. Die Musiker standen vor dem Entenfang-Lokal und schnatterten miteinander. Ich sprach nur „Rock on, Dudes!“, und gab mit meiner Hand-Pommesgabel zu verstehen, dass ich die Band cool fand. Immerhin gehörte ich wohl zu den wenigen, der die Band 1994 noch mit Sexy-T auf der Bühne im Haus Auensee im Vorprogramm von Paradise Lost sah. Meine Erwartungen sollten mich nicht enttäuschen.

Crowbar legte mit einem Best-Of-Auftritt das „In Flammen“ im Entenfang wirklich in Brand. Die Mannen um Kirk Windstein hielten sich nicht groß auf. Nur die Ansagen des Frontmanns wurden kaum verstanden. Sein Dialekt aus New Orleans klingt wie eine eigentümliche Mischung aus Kermit der Frosch und einem kleinen Wurzelzwerg. Aber ich hörte heraus, dass sie zuvor auf einem Festival gespielt und dass sie an dem Abend in Torgau endlich wieder einmal eine richtige Auftrittsposition inne gehabt hätten – als Co-Headliner. Anders konnte man der Band nicht würdigen als bei „All I Had I Gave“ mit zu brüllen und die Teufelsfaust kreisen zu lassen.

Als dann der Headliner Benediction die Bühne betrat war die Schar vor der Bühne wirklich außer sich vor Jubel. Ich konnte keine differenzierten Laute erfassen, geschweige denn bekannte Songs. Ich trank Cumshots mit den Scheddelianern, gab Pappe einen einen wohlschmeckenden Jim-Beam-Jack-Daniels-Cola-Mix aus, den ich mir auch selbst gönnte und ließ den Auftritt von Benediction ausklingen. Hörte ich da so etwas wie „Unfound Mortality“? Nein! Es war „Jumping At Shadows“ vom Zweitwerk „The Grand Leveller“! Cool! Jemand warnte mich vor dem „Cumshot“ genannten Pflaumenlikör mit Sahnehäubchen, dass man davon erbreche. Ich tat’s nicht. Wohl lag es an der geringen Menge, die ich konsumierte.

Nebenbei sprach ich mit Ennie Skullcrusher über die Vorzüge der Rolling Stones und den frühen UFO-Platten, von denen er mir gleich „Flying“ empfahl. Die daneben stehenden Jungspunde glotzten nicht schlecht über unsere alten Geschichten, die wir über sie ergossen wie das Bier unsere Kehlen herunter spülte. Die Froschkotze-Bar schaltete seine Anlage ein. Bis vier Uhr morgens wurde gequatscht, gefeiert, gefoppt und getrunken.

Dann schlug die Dämmerung an und die Fahrt nach Hause wurde angetreten. Mein Zelt hatte ich bereits beim Cytotoxin-Auftritt innerhalb von 15 Minuten zusammengefaltet und zusammen mit Schlafsack, Restproviant, Klamotten und Necessaire in meine große Beck’s-Reisetasche gesteckt. Auf Falte! Dann nickte ich im Auto ein. Die Suche nach einem McDonalds-Büdchen erwies sich als beschwerlich, bekam ich noch mit. Um vier Uhr wird alles gereinigt. Also ist alles geschlossen. Fünf Uhr morgens befand ich mich schon wieder in meiner Hornzsche und gab mich einem Frühstück aus Rührei, Salamibrot und Kaffee hin und schaute eine Dokumentation auf Youtube. Sechs Stunden später stellte ich nach einem tiefen und festen Schlaf fest, dass ich nur einen Schluck Kaffee trank, sonst alles aufaß. An die Doku kann ich mich jetzt immer noch nicht erinnern. Aber an die tolle Zeit im Entenfang immer noch. Bis zum nächsten Jahr!

Hier ein Filmchen mit den Eindrücken vom Festivalsamstag – Regisseur: „KillaSeppl“

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Meine Wunschkandidaten für 2013:

XIOM (ex-Moshquito), Postmortem, Mind Odyssey, Disaster K.F.W., Mount Fuji, Rompeprop, Manos, Aura Noir, Paths Of Possession, Necrodeath, Rotting Christ, Possessor, Exumer, Assassin, Entrails…

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  1. Wunderschöne und sehr treffende Beschreibung dieses Events. Danke dafür. Eines möchte ich an dieser Stelle noch loswerden: Was meine Jungs von Arranged Chaos angeht, so haben diese eine reife und tighte Leistung abgeliefert. Leider wurde das von der Anzahl der Zuhörer her nicht gewürdigt. Der Großteil des Publikums hat die Band einfach ignoriert. Das ist sehr schade. Der Konflikt zwischen True-Metallern und allem was da so mit Core zu tun hat wurde wieder einmal deutlich. Unserem Shouter hat jemand direkt gesagt: „Was wollt Ihr eigentlich hier? Ihr habt hier nichts zu suchen ! “ Ich hätte mir da mehr Toleranz gewünscht. Bands, die auf einem solchen Festival spielen dürfen, haben sich das durch Leistung verdient und durch harte Arbeit über Jahre. Das sollte auch entsprechend honoriert werden. Metalshoe – Uwe

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