Hoffnungslos entflammt: Eine Reise zur Heavy-Metal-Schafweide in Torgau (3)

Pferdekoppel am Entenfang am Morgen (Foto: Daniel Thalheim)
Pferdekoppel am Entenfang am Morgen (Foto: Daniel Thalheim)

Die Nacht war mörderisch. Wenn ich zurückblickend auf das Festival schaue, hätte ich mal kräftig feiern sollen. Aber das mache ich meistens in der letzten Nacht. Schon beim With Full Force feierte ich die Nacht von Sonntag zum Montag ohne Schlaf durch. Zelt ist ja schnell eingepackt. Man ist zwar am Tag darauf tierisch erschöpft. Aber dafür kann man sich in die Kissen betten. Deswegen stopfte ich meine Ohrstöpsel tiefer in die Gehörgänge und dämmerte langsam weg.

7 Uhr morgens weckte mich ein Kuckuck. Ein Ohrstöpsel war wieder herausgerutscht. An der Froschkotze-Bar wurde „gefrühstückt“. Der Lautstärkepegel war nicht niedriger geworden. Langsam schlichen sich die Lebensgeister wieder in den Körper. Morgentoilette! Ich stand auf, zog mir meine Hose an, suchte mein Toilettenpapier heraus, rubbelte meinen Nachtschweiß mit einem Badetuch ab, benutzte einen Deo-Roller und raus. Mein Ziel war das Wasserklosett in der Gaststätte. Das erste was ich beim Eintreten erblickte war ein schlammbedeckter Fliesenfußboden. Die Toilettenbox war offen. Als ich sah, dass die Wasserzufuhr abgerissen und das Becken randvoll mit Kot war, überkam mich ein flaues Gefühl im Magen. Nur raus hier! Wer macht denn so etwas? Also zu den Dixies. Das Bild dort war nicht besser. So dringend war es bei mir auch nicht.

Also langsam raus in Richtung Tankstelle. Der Entenfang lag ruhig im Morgentau. Am Eingang beobachtete ich wie die Sicherheitsleute gerade aus ihren Schlafsäcken krochen. Die benachbarte Koppel beherbergte eine kleine Pferdeherde. Die bunten Tiere versammelten sich unter einem Baum. Ein Sicherheitsmann im roten T-Shirt kam mir entgegen. „Mo’on“, sagte er. „Guten Morgen!“, erwiderte ich. Ein schöner Spaziergang. An der Tankstelle angelangt, checkte ich ob dort Toilettenhinweise vorhanden waren. Tatsächlich! Zwei Stück. Ich zurück in den Kassenraum, wo die halbe „Bloodchamber“-Crew saß und Speiseeis frühstückte. „Moin, moin Gussie“, begrüßte mich Rallowski. „Gußeisen“ ist mein Forumname bei „Bloodchamber“. Vier Jahre lang schrieb ich auch dort Artikel, Interviews und Rezensionen. Bis ich einen Rappel bekam, weil die Seite nicht aus dem Knick kam. Inzwischen sehe ich das gelassener. Mit seinen Spezialthemen und Interviews wurde „Bloodchamber“ tatsächlich besser. Obwohl ich öfter die Clipshows und News anschaue, weil sie hier ordentlicher sortiert sind als bei den anderen Metal-Online-Magazinen.

„Moin Loide“, antwortete ich. „Bin gleich bei euch!“ Mein Gang verlangsamte sich als an den Tresen angelangte und die junge Verkäuferin nach dem Toilettenschlüssel fragte. Meine Absicht war so klar wie ihr Blick sich leicht trübte, als sie mein Metal-Shirt, den Camping-Schlapphut und das Festivalbändchen erspähte. Offenbar machte sie schon ihre Erfahrungen mit einigen Festivalbesuchern, die das Klo in einem widerlichen Zustand hinterließen. Sie gab mir mit abgewandtem Blick den kleinen Schlüssel mit dem großen Benzinkanister-Anhänger, der später in Rallowskis großer Hand wie ein Kinderspielzeug aussah. Ich bedankte mich und ging. Ich weiß nicht mehr genau was ich dachte als ich dort angelangt war. Vielleicht war es so etwas wie „Cool, dass du früh aufgestanden bist und doch nicht im Alk-Koma an der Froschkotze-Bar versackt bist.“

Zurück im Verkaufsraum angelangt, gab ich der Verkäuferin den Schlüssel wieder zurück und sagte ihr, dass ich gern etwas frühstücken möchte. „Einen großen Kaffee bitte und vielleicht eines der Brötchen hier in der Auslage“, verlangte ich. „Welchen Belag wünschen Sie“, fragte sie mit ihrer hellen Stimme. „Hm, … Käse!“ Ich hatte genug von Fleischauflagen, Wurst und Co. „Mensch Gussi, im Büdchen gibt es doch bald Frühstück. Für 5 Euro kannst du dir den Bauch voll schlagen“, sagte Rallowski leicht vorwurfsvoll. „Neee, hab es gesehen. So mit Cornflakes, Wurstbrötchen und Rührei. Mir zu fett“, erwiderte ich wiederum. „Mehr als das Brötchen und den Kaffee brauche ich jetzt nicht.“ Rallowski, Rosi und Ralles Freundin schleckten Eis und unterhielten sich über die Bands am vergangenen Festivaltag. Und darüber, dass es lustig ist, dass Dawn Of Fate, des Veranstalters eigene Band, so spät auftrat. Nach Decapitated übrigens. Ich schnitt das Toilettenproblem an und dass irgendein Idiot das Herrenklo kaputt gemacht hatte.

„Diese Wichser mache ich fertig“, fluchte eine forsche Security-Dame später auf dem Freisitz des Entenfang-Lokals. „Wir hatten das Klo gesperrt, denn es wurde mehrfach aufgebrochen und voll gemacht, obwohl die Spülung nicht funktionierte! Manche haben wirklich nichts im Kopf“, zeterte sie weiter. „Nicht nur das! Sogar über die Frauentoilette haben sie sich her gemacht und eine der Toiletten dort zerstört. Sauerei!“ Inzwischen saß ich wieder mit Uwe und dem Arranged-Chaos-Gitarristen Philipp an einem Tisch und trank Kaffee. Mit Adleraugen blinzelte die Sicherheitsfrau in Richtung Toilette, wo sich immer mehr Frauen anstellten. Auch einige Männer gesellten sich dazu. „Denen erzähle ich was, wenn die sich zu den Frauen wagen sollten“, sagte sie listig. „Außer der Mann im Rollstuhl!“ Sie blickte auf den Metalfan, der beide Beine verloren hat und im Rollstuhl saß. Während sie zu den Toiletten sah, Anweisungen an diverse Sicherheitsleute gab, die Männertoilette zu räumen, zu säubern und abzuschließen, überlegte wie sie es dem Veranstalter beibringt und wie er das Problem dem Besitzer beibringen sollte, erzählte sie die unglaublichen Geschichten aus dem Leipziger Metalclub „Hellraiser“ und dem Dessauer Metalfest.

„Es waren nur ca. 4.000 Gäste beim Dessauer Metalfest!“, schimpfte Metalshoe-Uwe auf die offiziell herausgegebenen Zahlen von 6.000 Leuten. „Knapp zwei Drittel weniger als im Vorjahr!“, freute er sich. Metalhammer Deutschland schrieb am 1. Juni 2011 von 9.000 zahlenden Gästen. Selbst wer sich die offiziellen Zahlen anschaut, bemerkt den Schwund, der vielleicht auch durch den Metalfest-Ableger in Deutschland West zuzuschreiben ist. Der „Hellraiser“ verliert trotzdem, glaubt man den Schilderungen von ostdeutschen Metalfans und Veranstaltern.

„Es ist eine Frage der Zeit bis Rock The Nation begreift, dass mit dem Hellraiser auf Dauer keine Geschäfte zu machen sind“, raunte er und hoffte auf das baldige Aus des Clubs, der mit unfairen Newcomer-Verträgen 2011 und 2012 von sich Reden machte. Artikel, die ich bei der Leipziger Internet Zeitung verfasste. Die ostdeutsche Metalszene von Dresden bis Chemnitz, von Aue bis Rostock wütet gegen den Club und das unprofessionelle Gebaren von den Club-Besitzern. Vor allem der Vorfall auf dem Metalfest, dass die Clubbesitzerin gegen den Flammen-Veranstalter Thomas die Sicherheitskräfte hetzte, weil Thomas seinen Bus mit Werbepostern seines eigenen Festivals beklebte.

Die Null-Toleranz-Politik des „Hellraiser“ gegenüber die ostdeutsche, lokale Metalszene wird dankbar von den Kritikern aufgegriffen und in der Metalszene verbreitet. Der 1992 als Szeneclub gegründete „Hellraiser“ besitzt nicht einmal mehr bei seinen alten Stammgästen aus den neunziger Jahren Ansehen. Jeder meidet den „Hellraiser“ so gut er kann. Die guten Metalkonzerte finden ohnehin im Leipziger Werk 2 oder im Conne Island statt. Sogar der Veranstalter „InMove“ meidet den Club in Engelsdorf. Auch Veranstalter „Rock The Nation“ bekommt sein Fett weg. Beim Extremfest“ wurde die kontroverse Black Metal Band Darkened Nocturne Slaughtercult nicht zugelassen, weil ihre Auftritte zu extrem seien. Die Frontfrau spuckt Blut, das sie aus einem Schädeldach säuft. So beobachtet beim Bockmühlen Open Air. Wie extrem ist dann das „Extremfest“, wenn extreme Bands nicht auftreten dürfen, fragte später via Facebook Ennie Skullcrusher, Veranstalter aus Dresden. Viele Leipziger Metalfans schauen mit Argwohn auf den „Hellraiser“. Und auch mit Hoffnung, wann endlich „Rock The Nation“ sich aus Engelsdorf zurück zieht.

Wird fortgesetzt…

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