Hoffnungslos entflammt: Eine Reise zur Heavy-Metal-Schafweide in Torgau (1)

Blick zur Flammen-Bühne im Entenfang (Foto: Daniel Thalheim)
Blick zur Flammen-Bühne im Entenfang (Foto: Daniel Thalheim)

Seit 2009 war ich nicht mehr auf einem Festival. 2012 war es wieder soweit. Nicht das Wacken-Open-Air, nicht das With Full Force, nicht Rock am Ring, „In Flammen“ hieß mein Angriffsziel in diesem Sommer. Eine ganz spontane Entscheidung.

„Da musst du hin!“, stieg mir das Echo meiner vergangenen Besuche in der Helheim-Kneipe noch einmal ins Ohr. Gemeint war das „In Flammen Open Air“ in Torgau. Mir wurden die Geschichten, das Flair und die Stimmung beschrieben. Aber am Ende jeder Unterhaltung stand ein Ausrufezeichen und der Satz: „Selbst erleben!“ Also ging’s 2012 los. Schon 2009 wollte ich hinfahren. Da war ich aber noch fertig vom With Full Force-Festival, das eine Woche zuvor in Roitzschjora stattfand. 2010 fuhr eine junge Frau für mich zum „In Flammen“ für eine Berichterstattung für die Leipziger Internet Zeitung hin. 2011 blieb ich aus Unlust fern. Sowie wegen der Wettervorhersage. Die sah für dieses Jahr auch kein Bombenwetter vor. Alle Prognosen sollten sich als Unfug herausstellen. Die werden offenbar nur für Großstädte gemacht und nicht für ländliche Gegenden. Es sollte mich bestes Camping-Wetter erwarten.

Seit 1989 gehört für mich Heavy Metal zum Allgemeinbildungsgut. Während andere Metaller Besuche des Wacken-Open-Air für obligatorisch halten, zog es mich schon in den neunziger Jahren auf die kleineren Festivalgelände. Da machte Campen noch Spaß, weil keine Idioten alles zerstörten. Es war immer gemütlich und sauber. Wenn noch eine schöne Landschaft hinzukommt, dann ist alles prima. Die Musik ist doch Nebensache. So ist das auch beim „In Flammen“. Der Geist der neunziger Jahre. Kein Kommerz, keine zerstörungswütigen Hooligans, die auf die Wiese kacken. Nur Love, Peace und Rock’n’Roll.

Ein Motto, das auch In-Flammen-Veranstalter Thomas Richter unterschreiben würde. Sein Festival im Torgauer Entenfang liegt umrahmt von einem Vogelschutzgebiet, einer Autobahn und einem Bächlein. Das Grundstück selbst gehört dem jetzigen Gaststättenbesitzer, der im ehemaligen Gesindehaus des im 18. Jahrhundert eingerichteten Gut ein Lokal betreibt. Das benachbarte und verwitterte Herrenhaus mit seinen Doppelsäulenpaaren wartet noch auf seinen Dornröschenkuss. Das mit einer Schafswiese und einem angrenzenden Wäldchen bestandene Gelände ist ideal für ein kleines Festival wie dieses. Alles Privatgelände. Aber offenbar gibt es keine Probleme, wenn alles schön läuft. Und es sollte schön laufen.

Mein Kumpel Uwe schrieb im Mai auf seiner Facebook-Seite, dass er noch Karten für das „In Flammen“ hat. Für mich war die Entscheidung gefallen. Klar, da muss ich hin! Ich schrieb ihm, dass ich eine Karte kaufe. Ich überwies ihm 28 Euro. Die Karte lag postwendend zwei Tage später in meinem Briefkasten. Cool, dachte ich, die Karte sieht auch noch nach neunziger Jahren aus. Zuletzt hatte ich so ein Gefühl als ich das Bockmühlen Open Air in Klingenthal besuchte. Das war 2008. Darauf waren alle Bands abgedruckt, die auf dem Festival spielen werden. Natürlich jede mit ihrem individuellen Bandlogo. Jetzt hatte ich die Karte, nun musste ich mich darum kümmern, nach Torgau zu gelangen. Warum nicht einfach in den Facebook-Foren nach einer Mitfahrgelegenheit fragen? Und es half. Die Markkleeberg Metalheadz erbarmten sich meiner und vermittelten mir eine Kutsche, die mich heil nach Torgau und zurück brachte.

Gesagt, getan. Am Freitag den 6. Juli stand ich um 11 Uhr am Kreisverkehr in der Leipziger Karl-Tauchnitz-Straße und wartete auf Abholung, die prompt auch kam. Dann die rote Welle. Wer aus Leipzig nordwärts ausreisen möchte, muss eine Ampel- und Baustellenflut über sich ergehen lassen. Stop-And-Go bei den Klängen von AC/DC ist nicht der schlechteste Zeitvertreib. Während die Autos und Wälder an uns vorbei schlichen, blieb noch Zeit für ein paar Gedanken. Viel hat sich nicht geändert. Die Leute heute sind wie damals immer noch ganz bei der Sache, widmen sich ihrer Musikrichtung und gehen ganz entspannt mit den Widrigkeiten des Alltags um. Eigentlich leben wir in einer super Zeit, wenn nur nicht andauernd irgendwelche Kontroll-Freaks wie unfähige Beamte, Wirtschaftsbosse, Politiker, Besserwisser und Minister nerven würden. Warum lassen sich alle Betroffenen solche Unzulänglichkeiten wie Datenschutzmassaker, GEMA-Bevormundung, Öl- und Haschisch-Kriege im Nahen Osten gefallen? Oder was sich ein paar Bürger an Privilegien erlauben? Hoffen alle, dass sich alles von selbst erledigt? Fragen, die für ein paar Tage ins Hinterstübchen verschwinden.

„Fünf Euro möchten wir von dir“, hieß es am Einlass. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen. „Aber keine Angst, die bekommst du wieder, wenn du das grüne Bändchen wieder unbeschädigt zurückbringst – samt Müllbeutel. Die fünf Euro sind der Müllpfand. Dazu hast du noch 50 Cent Pfandrabatt an der Froschkotze-Bar“, meinte der Sicherheitsmann am Einlass als er mir eine blaue, zusammengefaltete Mülltüte, eine CD und einen Festivalwegweiser samt meiner entwerteten Eintrittskarte zurück gab während ich einem anderen meinen Arm entgegenstreckte, damit das Festivalbändchen umwickelt und zusammen gezwackt werden konnte. „Alles klar! Ich hoffe, ich kann mir das alles bis übermorgen merken“, entgegnete ich. Wir waren angekommen. Wir fuhren auf das übersichtliche Gelände gleich neben die Bühne. Dort empfing uns ein großes Hallo. Alle freuten sich, dass ich angekommen war. Besonders Niebe, Pappe und all die anderen Metalheads und Scheddelianer aus Leipzig.

Das erste was ich mir noch merken kann, ist, dass mich nach meinem Zeltaufbau jemand grüßte. Ich wunderte mich, weil er mein T-Shirt bewunderte. Das stammt noch vom allerletzten Bockmühlen Open Air von 2008 in Klingenthal. Ein kleines Festival, das leider unterging. „Nur 100 Leute haben weltweit dieses Shirt!“, sagte mir der junge Mann wenig später am Campingbus von Scheddel-Tino und seiner Crew. Dort saß ich mit Uwe und den anderen Leipzigern und genoss die schattige Kühle des baumbestandenen Hains neben der Froschkotze-Bar und den kühlen, perligen Geschmack des Zlatopramen-Pils, das mir der Defloration-Frontmann bei den Thrash-Metal-Klängen des Eröffnungs-Acts Prowler aus einer 1,5-Liter-PET-Flasche langsam einflößte. Nicht so eine warme Plörre wie meines, obwohl ich meine Flaschen extra kühl lagerte. Aber bis wir in Torgau ankamen war alles schon auf Zimmertemperatur aufgewärmt. „Da hast du was Besonderes“, meinte der Ex-B.O.A.-Veranstalter zu meinem Hemd.

Irgendwann nach langen Unterhaltungen am Scheddeltisch am Scheddel-Bus ging ich doch noch zur Bühne und sah dort Björn Baranowicz auf der Bühne stehen. Sympathie For The Devil erriet ich gedanklich. Dort spielt er Gitarre, und das ziemlich cool. Er erinnert mich irgendwie daran wie mein langjähriger Freund Markus Gitarre spielte. Durch ihn erfuhr ich, dass Björn und Markus sich schon in den neunziger Jahren kannten. Proberaumfreundschaft, die sich wie ein osmotischer Vorgang bis in die frühen Disillusion-Besetzung hinein zog, oder in Gruppen wie Schenkelbrecher kulminierte, wovon mir M. ein paar Mal die Demobänder vorspielte. Ich wusste von Björn, bevor ich ihn persönlich selbst traf. Und das war erst 2010 der Fall. Beim IFOA stand Björni auf der Flammen-Bühne und schüttelte schicke Soli aus dem Ärmel. Uwe raunte mir mit seiner rauen Stimme zu: „Ich finde Marcel Wiebach besser. Von ihm stammen auch die meisten Songs. Er ist der kreative Kopf der Band!“ Sympathy For The Devil spielte den letzten Song. Ich winkte Björn zu. „Hey Daniel!“, rief er mir zu. Björn freute sich, ein bekanntes Gesicht auf dem Festival zu sehen.

Wird fortgesetzt…

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