With Full Force im Rückspiegel: Der schwarze Klumpen Musik mit Venom

Da haben die Macher des With Full Force etwas ganz schroffes und seltenes ausgescharrt. Die englischen Musiker des Rabauken-Trios „Venom“ schufen 1982 mit ihrem Klassiker „Black Metal“ eine neue, gleichnamige Metal-Sparte. Ein Artikel vom 3. April 2010 für die Leipziger Internet Zeitung.

Die Gruppe gilt als wichtigste Initiator für die dunkle Seite des Rock’n’Roll. Nun ist sie in neuer Besetzung wieder aus der Versenkung da, samt Nieten, Leder und pechschwarzen Songs. Nach einigen Jahren Abstinenz wuchtet „Venom“ wieder ihre feuerbewehrte Teufelsshow auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Genauer gesagt, am 3. Juli auf das With Full Force. Erst letztes Jahr hat Bandchef „Cronos“ den Klassiker „Black Metal“ mit zahlreichen seltenen Bonusstücken und einem Konzertmitschnitt aus dem Jahr 1984 wiederveröffentlicht. Aber mit Ruhm hat sich die rumpelnde Gruppe aus Newcastle die letzten zwanzig Jahre nicht bekleckert.

Lemmy Kilmister, Kopf der englischen Rocker von „Motörhead hat in einem Interview mit Sam Dunn in dessen Film „Metal: A Headbangers Journey“ über die musikalischen Herausforderungen „Venoms“ gefrotzelt, dass sie an den Instrumenten nur so tun als ob sie spielen. Auf die Aussage Dunns, dass diese Band ihn mit 12 Jahren absolut „weg geblasen“ hätten, meinte der charismatische Rocker, dass alles einen Zwölfjährigen weg blasen würde. Selbst ein Tag am Strand.

Wo die ersten drei, vielleicht vier Alben der englischen Chaosband der Metalpresse und Fans nach, noch zu den Klassikern in den Sternstunden der ersten Black-Metal-Welle zählen, scheint es so, dass die Band um Sänger „Cronos“ ein wenig dem vergangenen Ruhm hinter her läuft. Ihre letzten Alben „Metal Black“ und „Hell“ kehren viele Fans still unter den Teppich. Aber irgendwas muss an der Band doch dran sein, dass sie das zweitgrößte Metalfestival Deutschlands am ersten Konzerttag anführen.

Aber erst einmal ein wenig Begriffskunde. „Black Metal“ kann im englischen so viel wie „Gusseisen“ bedeuten. Obwohl der richtige Begriff „cast-iron“ lautet. Das ist jene unförmige, schwarze und kohlenstoffhaltige Masse, die mal Stahl werden sollte. Aber wegen des vielen Kohlenstoffs darin, ist die Masse zu spröde und taugt nur was für abblätternde Zäune, dicke Pfannen und Ofentüren. So muss man sich den Sound von „Venom“ vorstellen. Das eine Bein steht noch tief im schlammigen Ufer des Rock’n’Roll, der Pferdefuß stampft auf Metall. Irgendwo zwischen der schnaufenden Maschine „Motörhead“ und etwas, was in den Achtzigern „New Wave Of British Heavy Metal“ genannt wird.

„Venom“ hat viele Bedeutungen. Kann heißen „Gift“, aber auch „Heimtücke“ und andere hinterlistige Begriffe, die man einem nicht wünschen will. Die 1979 von Conrad Lant und Jeffrey Dunn gegründete Band hat schon immer eine Tugend aus der Not gemacht. Vorher hießen sie nämlich „Guillotine“, wo Lant Gitarre spielte. Bassist und der Sänger stiegen aus. „Guillotine“ wurden in „Venom“ umgetauft. Lant stieg aus Ermangelung an einen Bassisten auf die Bassgitarre um, wenig später auch auf den Gesang.

Beides nur dilettierend beherrschend, holten sich die zwei noch einen Schlagzeuger hinzu namens Anthony Bray , der vom Trommeln ebenso wenig Ahnung hatte wie Lant vom Bassspielen und Singen. Das „Trio Infernale“ gab sich auch gleich Spitznamen, was ebenso neu damals war und bis heute von allen Black Metal-Bands nachgemacht wird. So heißt der muskulöse Conrad nun „Cronos“, der später auch bei den deutschen Techno-Zwergen „Scooter“ Gitarre spielende Jeffrey Dunn nannte sich „Mantas“ und der dritte im Bunde gab sich den Namen „Abaddon“. Und fertig war das teuflische Konzept.

So nahmen die drei im zarten Alter von 18 bis 20 Jahren Anfang der Achtziger drei stilprägende Alben auf, deren Stücke völlig unbedarft los holzten und nicht nur Bewunderung entfachten. „Welcome To Hell“ (1981), „Black Metal“ (1982) und „At War With Satan“ (1983) avancierten schnell zum Kult in der gerade aufblühenden Heavy Metal-Szene. Die klobigen, aber auch düsteren Klänge mit ihren unheilschwangeren Texten über die blutrünstige Gräfin Bathory, Hexenjagden, Tod, Teufel und allerlei schwarz gefärbter Niedertracht wurden live monströs mit viel Feuerwerk, gewaltigen Bühnenaufbauten, Leder und noch mehr Nieten umgesetzt. Wegen der großen Unterfangen spielte die Band nur ausgesuchte Auftritte auf Festivals und zog nur einmal mit einer Tournee um die Welt. Wie die nur sieben Auftritte umfassende Welttournee „The Seven Dates Of Hell“, die 1984 in ein Video gleichen Titels mündete und erst unlängst auf DVD in der selben verschrammten Qualität zusammen mit „Black Metal“ wiederveröffentlicht wurde.

Ihre Auftritte waren unberechenbare Ereignisse. Oftmals verspielten sich die Musiker, allen voran Trommler „Abaddon“, der nie den Takt halten konnte oder im besagten Video fast vom Stuhl fiel. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass „Venom“ gerade durch diese Art ihr Image auf schwarz zu trimmen und unberechenbar zu sein, viele Bewunderer hervorrief. So würde es wohl eine Band wie „Immortal“ nicht in dieser Form geben, wie sie sich heute gibt. Oder unzählige andere Black Metal-Gruppen, die in welcher Form auch immer, den musikalischen Reiz im unfertigen suchen. Höllisches Gepolter.

Noten nicht getroffen. „Venom“ hatte aber ihre Chance ab Mitte der Achtziger verspielt. Wo die englischen Zugpferde „Iron Maiden“ und „Judas Priest“, ihre Zöglinge „Metallica“, „Slayer“ und viele viele mehr längst an ihnen vorbei zogen, verharrten „Venom“ im musikalischen Stillstand.

Es folgten halbherzige Versuche, den Pferdefuß in ihre Musik zurück zu schleifen. Aber viele persönliche und gesundheitliche Umstände ließen einmal den Gitarristen „Mantas“ abwandern, dann wieder zurückkehren und dafür musste „Cronos“ gehen. Die in dieser Phase aufgenommenen Alben hatten auch wenig mit dem zu tun, was die Band einst so ausmachte: Holzigkeit und Purismus. Vor allem die von den Fans so geliebte Ehrlichkeit des charismatischen Sängers „Cronos“ fehlte der Band.

1996 rauschte „Venom“ mit großem Knall wieder in Originalbesetzung vor 95.000 Besuchern auf dem Dynamo Festival in Holland in ihr Comeback. Dieser mündete in ihr beachtenswertes Album „Cast In Stone“ ein Jahr später. „Resurrection“ (2000), „Metal Black“ (2006) und „Hell“ (2008) ließen aber die Band nach den Ausstiegen von „Mantas“ und „Abaddon“ keineswegs über die Zielgeraden schießen.

„Cronos“ führte die Band als sein Baby zusammen mit seinem inzwischen wieder ausgestiegenen Bruder Anthony Lant in gemütlichere Gewässer. Dort planscht „Cronos“ wieder im Kompositionswasser. 2010 erscheint ein neues Album.

Einzig der Name „Venom“ steht wie ein schwarz funkelnder Stern über dem Treiben der wohl wichtigen Gruppe in der englischen Heavy Metal-Geschichte neben „Black Sabbath“, „Iron Maiden“, Motörhead“ und „Judas Priest“. Lag es doch an der Musik? „Venoms“ Auftritte sind immer noch Hinkucker. Vor allem wegen des Herumposens des Frontmanns „Cronos“ von hohem Unterhaltungswert. Bass spielen kann er scheinbar inzwischen, Singen ist das für „Cronos“ typische müde Bellen, Husten und Knurren. Auch nach dreißig Jahren geht es der Band nicht darum, möglichst poliert zu klingen, sondern eben rau und unverfälscht wie ein schwarzes Stück unbearbeitetes „Gusseisen“.

Anhänger werden vom With Full Force-Auftritt von „Venom“ noch ihren Kindern erzählen. Wird doch das Ereignis wie 2006 der Auftritt der Schweizer Black Metal-Legende „Celtic Frost“ in die Annalen in der Geschichte des für viele Besucher besten Heavy Metal-Festival zählenden „With Full Force“ eingehen. In welcher Form auch immer und was auch immer sich die Kids später anhören müssen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s