Soulfly im Rückspiegel: Hauptsache es rumst

Was es im Metal-Genre nicht alles gibt. Verträumte Klänge, weibliche Sirenen, weltmusikalische und folkloristische Anleihen. Eine Gang aus den USA verschreibt sich noch einer ganz urtypischen Herangehensweise. Haarzottel Max Cavalera bläst mit „Enslaved“ erneut zum Angriff. Leipziger Metallurgen können das auch auf dem diesjährigen With Full Force Festival erleben. Dort führt die Band das staubigste Ereignis im Festivalsommer an. Ein Artikel vom 1. März 2012 für die Leipziger Internet Zeitung.

Wo sind sie hin, die folkloristischen, weltmusikalischen Anleihen bei Soulfly? Das, was Max Cavalera 1993 und 1996 mit seiner Vorläuferband Sepultura und dann bis zum Soulfly-Album „Dark Ages“ ausführte, ist verschwunden. Keine brasilianischen Trommeln, keine arabischen Klänge. Stattdessen darf sich Gitarrist Marc Rizzo austoben.

Der Mann an der Sechssaitigen gehört zu den Shredding-Meistern im Metal-Genre. Mehrere Alben nahm Rizzo in Allein-Regie auf. Seine Vorbilder sind nicht Bands wie Metallica, Slayer und Iron Maiden. Viel eher muss man seine Wurzeln in einem schrulligen Sub-Genre des Heavy Metal suchen – beim Shredding. Beim Zerkleinern der Gitarrentöne tummeln sich à-la-carte-Gitarristen, die teilweise nur Instrumental-Alben veröffentlichen und aus der Klampfe die fiesesten Klänge entlocken. Aber auch ganz virtuose.

So wurde 2003 Michael Angelo Batio als schnellster Schredder der Welt gewählt. Der Schwede Yngwie Malmsteen kann sich auch einbilden, ein ganz schneller Saitenhexer zu sein. Klassische Einflüsse sind ihm nicht fremd. Ein Mann wie Jason Becker adaptierte gar Niccolò Paganinis 5. Caprice. Der ehemalige Megadeth-Gitarrist Marty Friedman war vom herkömmlichen Metal so sehr gelangweilt, dass er nach Japan ging. Pantera-Saitenmann Dimebag Darrell reiste 2004 in eine andere Welt. Wenn auch nicht ganz unfreiwillig.

Es gibt auch Prototypen. „Shred“ machte auch ein Musiker wie Uli John Roth, der in den Siebzigern die Scorpions auf so etwas wie eine künstlerische Ebene hievte. Das ist freilich jetzt nicht mehr so. Ritchie Blackmore von Deep Purple und Eddie van Halen steuerten auch ihre Beiträge zum schnellen Wummern auf den sechs Saiten bei. Marc Rizzo verknüpft auf seinen Solo-Alben Weltmusik, Jazz und Metal zu einer ebenso lauten Fusion, die seit dem Album „Prophecy“ auch bei Soulfly durchklingt.

Bei der 1997 ins Leben gerufenen Band mutiert die E-Gitarre zu einem Rhythmusinstrument, aus der Rizzo eigentümliches Fiepen, Zirpen, Jaulen und Wummern entlocken kann. Im Höchsttempo versteht sich. So kann das langhalsige Ding mal wie ein Computerspiel ertönen, dann fuchst Rizzo tonnenschwere Riffs aus ihr hervor, bis dann schräge Soli mit wohlgesetzten Noten abwechseln. Rizzo packt so viel Können und Talent in die Soulfly-Lieder, dass sie wie bedrohliche Industriemaschinen klingen.

Das ist auf „Enslaved“ nicht anders. Trotz des sperrigen Spiels und der kalten Töne fließen die Lieder wie Honig in die Ohren. Thematisch beschäftigt sich Brüllwürfel Max Cavalera mit der Sklaverei. Eine Sache, die Cavalera schon lange auf den Nägeln brennt. Seit seiner Beschäftigung mit den brasilianischen Indios beim Sepultura-Werk „Roots“ 1996 wollte der ehemalige Frontmann von Sepultura ein Konzeptalbum zur Sklaverei schreiben. Mit „Enslaved“ setzt er die Idee um. Fehlt nur etwas Weltmusik bei dem Stück „Plata O Plomo“. Brasilianisch natürlich, gezupft mit einer Berimbau, einem indianischen Zupfinstrument mit nur einer Saite. Für den aus Belo Horizonte stammenden Cavalera ein Ausflug in seine musikalische Heimat. Stattdessen Akustikschrammeln – stimmungsvoll, aber gut in Szene gesetzt.Familiär bleibt es auch ohne Brasilien. Wie auf jedem Soulfly-Studiowerk sind die Gästelisten interessante Hingucker. Szenekenner werden bei Gastbeiträgen von Travis Ryan von Cattle Decapitation, DevilDriver-Frontmann Dez Fafara und den Söhnen von Max Cavalera aufhorchen. Mit den Söhnen Zyon am Schlagzeug, Igor an der Gitarre und Gesang und Richie am Mikro kann nichts schief gehen. Eine neue Besetzung scharte Cavalera auch um sich. Mit Bassist Tony Campos (Static-X, Asesino) und David Kinkade (Borknagar) an den Trommeln werden Max Cavalera und Marc Rizzo auch das diesjährige With Full Force in Roitzschjora anführen.

Tausende Metal-Fans werden dann das unermüdliche Spiel des Gitarristen verfolgen und wieder ein lustiges Lied-Ratespiel spielen. Denn Soulfly hat die Angewohnheit, die Lieder ineinander übergehen zu lassen. Wer die Alben nicht kennt, wird so seine Probleme bekommen. Aber dann sagt man einfach: „Egal! Hauptsache es rumst!“

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