Negura Bunget im Rückspiegel: Düstere Karpatenrocker blasen auf „Focul Viu“ ins Horn

Man stelle sich vor, ein junger Gandalf bläst wütend ins Horn. Negura Bunget aus Rumänien gelten in der europäischen Metalszene als Exoten. Verarbeiten sie doch Balkan-Folklore, düstere und schwere Klänge mit lupenreinem Black Metal. Die haarige Band um Negru und Hupogrammos legt jetzt mit dem Livemitschnitt „Focul Viu“ ihr Vermächtnis vor. Ein Artikel für die Leipziger Internet Zeitung vom 5. März 2011.

Vermächtnis? Das klingt nach Abschied. „Focul Viu“ ist auch ein bebildertes „Winke Winke“, weil der Trommler mit dem Pseudonym „Negru“ und Sänger „Hupogrammos“ inzwischen getrennte Wege gegangen sind. Musikalische Differenzen heißt es da offiziell. Auch Gründungsmitglied Sol’Faur ging mit Hupogrammos und Negru blieb allein zurück. Er scharte sich neue Musiker um sich, die die außergewöhnliche Kapelle zu neuen Ufern führen.

Das im Dezember 2008 in Bukarest gefilmte und nun von Prophecy/Lupus Lounge veröffentlichte Konzert zeigt aber noch die Band, wie sie viele bis 2009 auf den europäischen Club- und Festivalbühnen gesehen haben. Mit dieser Besetzung hatten sie 2006 mit dem Studiowerk „Om“ von sich Reden gemacht – als Metalband mit dem Talent, den Schwebeflug über die Karpaten zu vertonen.

Und diesen Stand der Dinge hat die Band auf DVD und zwei CDs gebrannt. Die alte Besetzung ist Geschichte. Deswegen nennt man diese Konzertrückschau Vermächtnis.

Es ist ein Andenken an eine Phase, wo die Kapelle plötzlich für Aufsehen sorgte. Sie brachten Alphorn, jede Menge skurrile Instrumente auf die Bühne, hechelten nicht Schema-F nach. 08/15 ist auch nicht die vorliegende DVD mit dem düsteren Menübild, samt lebenden Wäldern in Scherenschnittformation. Das ansprechende Design führt im Menü an erster Stelle auch gleich ins Konzert, das in verhaltenen Farben mit dem für 2008 für Negura Bunget so typischen „Primul Om“ und „Inarborat“ einsteigt – inklusive Alphorn.

Der Materie unkundige wissen natürlich nicht, was auf sie zukommt, geraten sie jäh in die stimmungsvollen und episch erzählten Welten der „Dunklen Wälder“, wie Negura Bunget übersetzt heißt. Das heißt spannungsgeladene Musik, die auf der Bühne ihre dunkle Magie genauso entfalten kann, wie als Studioaufnahme.

Anderthalb Stunden und elf Tracks lang zelebrieren die bärtigen Karpatenrocker den mitunter finsteren Streifzug durch die düsteren Wälder ihrer Heimat, ganz ohne der gängigen Klischees von Dracula und schwarz-weiß geschminkten Gesichter. Der Konzertmitschnitt zeigt Musiker, die ihre Kunst ernst nehmen und dementsprechend professionell darbieten – inklusive stimmungsvoller Lichtshow.

Mehr als noch das mit dem Livetrack „Tesarul de lumini“ unterlegten Videoclip gibt es nicht auf die Augen und Ohren. Eine Foto-Galerie lässt noch einmal die alte Besetzung Revue passieren, die Wahl des DVD-Klangs fällt für Stereo-Puristen nicht zu Gunsten des 5.1-Surround-Sounds aus. Im Untermenü sind noch alle elf Tracks frei auswählbar. Der Klang ist fein und sauber aus der Live-Tube rein gedrückt und presst vor allem laut aufgedreht und erstaunlich differenziert besonders gut aus den Boxen.

Für die von „Specials“ verwöhnten Metalheads ist das natürlich dürftig. Fehlen hier die für die bunte Szene so typischen Sinnlos-Szenen, wo Bands allerlei Nonsens veranstalten und ins Mikrofon quasseln. Backstageszenen und halbherzige Dokumentationen überlässt das Plattenlabel lieber den anderen. Dafür gibt es ein Box-Set, wo DVD und Doppel-CD auf die Käufer warten.

Würde auch im Haus Prophecy/Lupus Lounge jedem schwerfallen, so etwas wie betrunken auf Festivalgeländen herum latschende Headbanger und Musiker als Bildmaterial freizugeben. Lebt die Musik von Negura Bunget nicht von Albernheiten sondern von großer Musizierkunst, die nicht in den ausgelatschten Pfaden von Heavy Metal herum schlendert. Genau soll es auch sein, was den Kauf dieser schön aufgemachten und schlichten DVD auch voll gerechtfertigt.

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