In verwunschenen Wäldern: Nucleus Torn veröffentlicht „Andromeda Awaiting“ und „Travellers“

Nebel dampft über einen See. Sich lichtender Dunst gibt den Blick frei auf entlaubte Bäume, von deren Ästen Wassertropfen perlen. Sonnenlicht bricht durch die Nebelschwaden. Meisen singen ihr einsames Lied. Fahrende Musiker wandern durch die Landschaft und preisen den Herbst. Ein Artikel für die Leipziger Internet Zeitung am 8. November 2010.

Jene Gesellen gehen mit Bedacht durch die betäuten Wiesen, aus denen in der Morgendämmerung der Nebel in dicken Schaden aufsteigt. Eine Gitarre mittelaltert einen antiken Ton, die Querflöte zirpt einen romantisch-expressiven Klang wie aus Edgar Vareses „Ionisation“. Kraftvolle Takte wirbeln ein Tanzlied, eine Sängerin singt dazu klagend ihre Balladen.

Violinen seufzen, inzwischen hat die traurig tönende Truppe ein verlassenes Haus gefunden. Dort steht ein Piano, auf dem gebrochene Klänge geklimpert werden. Die Flöte schillert ferne Noten. Eine knappe Dreiviertelstunde dauert der Ausflug in die Romantik und in die nebligen Klänge, wo sich Robert Schumann ebenso wieder findet wie Johann Sebastian Bach, Arnold Schönberg und Friedrich Nietzsche, sowie ein paar italienische Saitenzupfer aus der Renaissance.

Nucleus Torn nennen sich die verträumten Gesellen aus der Schweiz. Musik für tolerante Gemüter machen sie. Ihr Bandname suggeriert eine Metalband, dahinter verbirgt sich aber jene Mixtur aus Folk, Klassik und etwas, das vor einhundert Jahren Avantgarde genannt wurde. Neue Wege beschreiten Nucleus Torn jedoch nicht, sie zitieren vielmehr.

Sie versuchen an gewisse Klänge und Stimmungen anzuknüpfen, die einst von Arnold Schönberg und Edgar Varese vorgegeben wurden, Nucleus Torn wandern im Paralleluniversum der Musik, wo Mittelalter ebenso ihren Platz hat wie Barock und verklärte Zwölftonmusik. Maria D’Alessandro und Patrick Schaad (Gesang), Rebecca Hagmann (Cello), Christoph Steiner (Trommelei), Christine Schüpbach-Käser (Violine), Anouk Hiedl (Flöte) und das Mädchen für alles, Komponist und Kopf der Truppe, Fredy Schnyder begeben sich schon seit 1997 auf solche Zeitreisen.

Einst aus der Metalszene der Schweiz entwachsen, finden sich immer mehr Musiker bei Nucleus Torn ein, um ihre Weisen ganz so klingen zu lassen, als ob sie vor 500 Jahren geschrieben wären, oder vor 300 oder eben vor 100 Jahren. In diesem wenig von der Sonne beschienenen Herbstmonat veröffentlichen Fredy Schnyder und seine Mitmusiker gleich zwei Alben.

Eines ist das blauschwarz gefärbte „Andromeda Awaiting“, einer Sammlung von brandneuen Stücken, die den Hörer in verschiedene Zeiten zurückführen, oder zumindest das Echo erahnen lassen, was früher einst modern und innovativ war. Avantgardistisch ist diese Musik nicht, zu neuen Ufern bricht das Ensemble mit „Andromeda Awaiting“ nicht auf, ist auch kein Vorreiter. Vielmehr spielen die Musiker mit Rückgriffen in frühere Musikperioden. Nach „Nihil“ (2006) und „Knell“ (2008) bildet „Andromeda Awaiting“ jedoch den desillusionierten und versöhnlichen Abschluss einer konzeptionellen Trilogie. Wie bei den beiden Vorgängeralben erschaffen Nucleus Torn auch mit „Andromeda Awaiting“ einen eigenen Klangkosmos.

Dagegen verschreibt sich „Travellers“ dem alten Repertoire von Nucleus Torn, einer Ansammlung von einst veröffentlichten EPs und Mini-Alben, die schon längst vergriffen sind. Mit ihrer Reihe „Krähenkönigin I – IV“ ertönt die alte Konzertgitarre in einer Weise wie sie ganz ins 15. oder 16. Jahrhundert passt. Ohne Gesang, nur Instrumentalstücke.

„Travellers“ enthält neben der EP „Krähenkönigin“ (1998/2004), die eigenproduzierten Mini-CDs „Silver“ (2000) und „Submission“ (2002) sowie zwei bislang unveröffentlichte Stücke. Die Compilation „Travellers“ scheint deswegen ein gefundenes Fressen für alle Fans von verträumt gezupfte, klagende Klänge mit viel innewohnender Stille zu sein. Waren sämtliche enthaltene Stücke doch nur schwer oder in der vorliegenden Form noch nie erhältlich: Die 1998 aufgenommene „Krähenkönigin“-EP wurde 2004 in einer streng limitierten Vinyl-Auflage veröffentlicht und ist nun erstmalig auf CD erhältlich.

„Silver“ wurde von Fredy Schnyder eigens für diese Neuveröffentlichung klanglich komplett überarbeitet und überstrahlt das in Eigenregie produzierte und in nur sehr kleiner Auflage gepresste Orignial nun bei weitem. „Submission“ wurde seinerzeit sogar lediglich als CD-R veröffentlicht und ausschließlich von Nucleus Torn selbst verkauft. Abgerundet wird die Zusammenstellung durch „Leadless“ und „Lurking“, zwei bislang unveröffentlichten Liedern aus der Entstehungszeit des Debütalbums „Nihil“.

Musikfreunde bekommen so in diesem November ein romantisches Doppelpaket aus alten und neuen Liedern aus der verwunschenen Welt von Nucleus Torn, einer Kapelle, die hierzulande kaum bekannt ist und doch so fest auftritt, dass sie hier Spuren hinterlassen. Ihre klangliche Nähe zu „Neun Welten“ ist nicht zu überhören, verfolgen doch beide Ensembles ähnliche Ideen, die sie in Musik gießen, die wie gelebte Tagträume erscheinen und wunderbar zu sonntägliche Spaziergänge durch Parkanlagen und über Waldlichtungen passen. Insofern sind „Andromeda Awaiting“ und „Travellers“ Pflichtkäufe für alle kerzenbeschienene Romantiker, die kalte Abende auf dem Teppich mit dieser Musik eher zelebrieren, als nur konsumieren. Bis auf die beiden Mini-Scheiben, wo eine alte E-Gitarre aus den Achtzigern mulmig mäandert – und so aufzeigt, wie limitiert Heavy Metal wirklich ist, wenn sie als elektrische Tünche gutes Songwriting zukleistert.

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