Im Tod sind die Liebenden vereint: Fursy Teyssier über seine Band Les Discrets

Bei seiner Plattenfirma Prophecy Productions wird Les Discrets unter dem Begriff „Eerie Emotional Music“ gehandelt. Das bedeutet soviel wie gruselige Stimmungsmusik. Fursy Teyssier heißt der Mann mit den vielen Talenten, der hinter Projekten wie Les Discrets und Amesoeurs steckt. Ein Gespräch aus dem Zug nach Südfrankreich. Erschienen am 11. Dezember 2010 bei der Leipziger Internet Zeitung.

Teyssier malt nicht nur, er kreiert auch Animationsfilme und macht leidenschaftlich gerne Musik. Und die stellt Teyssier 2011 beim 20. Wave Gotik Treffen im Frühjahr in Leipzig vor.Doch gestern sitzt er am Nachmittag des 10. Dezember im Zug. In Frankreich ist es knapp über Null Grad warm, der Künstler lässt die Landschaft an sich vorbeiziehen. Sein Blackberry-Telefon gibt ein Geräusch von sich, … eine E-Mail aus Deutschland ist bei ihm eingetrudelt – besser gesagt aus Leipzig. Jener Stadt, die er zu Pfingsten mit Neige und seinen Mitstreitern von Alcest als Bassist besucht hatte und nur gute Erinnerungen an diese Zeit hat. Damals trat er mit der französischen Kapelle im Centraltheater auf, das 19. Wave Gotik Treffen war voll am Brummen.

„Es war dunkel und sexy!“, scherzt Teyssier via E-Mail über seine Eindrücke vom jüngsten WGT. Und er kommt 2011 mit Les Discrets wieder, eine Band, die wesentlich verträumter zu Gange ist als Alcest. „Dunkel und sexy“ eben die Klänge, die auf dem neuesten Werk „Septembre Et Ses Derniäres PensÇes“ ein stimmungsvolles Gemisch aus Stilen wie „Shoegazing“, „Rock“ und „Metal“ darbietet.

Für Teyssier ist das WGT 2010 eine überraschende, umfassende und beeindruckende Zeit gewesen. „Leipzig ist mehr oder weniger eine ‚Gothic City‘ während des gesamten Festivals. Zu Beginn habe ich viele Leute mit diesen Fetisch-Klamotten gesehen, oder Leute, die überhaupt nichts anhatten. Das war am Anfang recht verstörend. Aber nach ein paar Stunden fühlte ich mich schon wohler, am Ende war alles drumherum irgendwie natürlich. Es ist ein wundervolles Festival, man kann richtig fühlen, dass die Leute dort richtig glücklich sind und freundlich miteinander umgehen. Ich bin sehr glücklich darüber, wieder bei euch zu spielen und ich bin mir sicher, dass Winterhalter und Neige ebenso glücklich darüber sind, wieder hierher zu kommen. Dieses Mal nicht als Alcest, sondern als Les Discrets!“

Der gelockte Bassist spricht es an, Alcest und Les Discrets besteht zu großen Teilen aus der selben Mannschaft, die aus der gemeinsamen Vorgängerband Amesoeurs hervorging. Die in Bagnols-sur-Cèze im ruhigen Languedoc-Roussillon in Südfrankreich 2004 gegründete Vorgängerband vereinte schon alle Klänge, die fast ähnlich tönen wie Les Discrets (2004) und Alcest (2000). Neige scheint zudem irgendwie der Stammhalter aller drei Kapellen zu sein, oder hilft hier und da mal aus.

In diesem Umfeld sind noch Black Metal-Bands wie Peste Noir und Empyrium angesiedelt. Doch Les Discrets scheint als einzige Band aus diesem Bereich die metallischen Wurzeln abgelegt zu haben.

Ihr französisch eingesungenes erstes volles Studioalbum „Septembre Et Ses Derniäres PensÇes“ erschien 2010. Der französischsprachige Titel meint „September und seine letzten Gedanken“. Wie Teyssier in sein Blackberry eintippt, handelt es vom Tod und der Möglichkeit auf ein Leben danach, sehnsüchtig intoniert Teyssier die Geschichte, dass sich im Tod zwei Liebende für immer vereinen können.

Er verrät aber nicht, dass dieser Inhalt Bestandteil vieler Grabreden ist, ein Thema das in Shakespeares Drama „Romeo und Julia“ und auch beispielsweise in Claude Baudelaires Gedicht „Der Tod der Liebenden“ in seinem Buch „Die Blumen des Bösen“ auftaucht. Les Discrets schreiben dazu die bittersüße Trauermusik.

„Ich weiß nicht, ob das verträumt klingt, aber ein wenig naiv ist diese Art der Vorstellung schon“, schmunzelt Teyssier mit einem gekritzelten Smiley via Blackberry über die Frage nach seinem romantischen Konzept. „Ich beschreibe großartige Landschaften, Jahreszeiten, Liebe, Tod, Romantik, Blumen, Erde und Vögel.“

Ein wenig unterscheidet sich dieser Inhalt von seinen anderen Kapellen wie Alcest und Amesoeurs, die oftmals verbitterter und wütender tönen als Les Discrets. Ob dahinter ein Konzept steht, kann Teyssier nicht ganz bejahen oder verneinen. Zumal er für Alcest nichts komponiert, sondern nur als Bassist tätig ist. Bei dem verblichenen Amesoeurs sieht das schon anders aus. „Natürlich, Les Discrets ist weicher als Amesoeurs, aber nicht weniger düster, nur in eine anderen Form, Art und Weise als Amesoeurs. Bei Les Discrets gibt es keine Gewalt, keine harschen Gesänge, nichtsdestotrotz geht es um Tod, Alpträume und Ängste.“

Seine großen Einflüsse sind Callisto, Magyar Posse und“ John Barrys Thema von „The Persuaders“. Mit Callisto meint Teyssier offenbar die finnische Rockband, die sehr stimmungsvolle Musik schreibt. Magyar Posse ist eine amerikanische Elektro-Kapelle, die ebenfalls mit atmosphärischen Klängen arbeitet. Der 1933 geborene John Barry hat für die englische TV-Serie „The Persuaders“ einen Soundtrack geschrieben, zu dem Tony Curtis und Roger Moore als Playboys und Millionäre Anfang der Siebziger knifflige Fälle lösten. In Deutschland lief die Krimi-Reihe unter dem Titel „Die Zwei“.

Als Filmdirektor für Animationsstreifen, oder als Zeichner und seine Bilder CD-Veröffentlichungen von Alcest, Les Discrets und dem aktuellen Prophecy-Sampler „Whom The Moon A Nightsong Sings“ – eine Menge zutuin, für den jungen Mann aus Frankreich.

„Filmemacher zu sein, ist mein Alltagsjob. Nebenher gestalte ich die CD-Hüllen verschiedener Bands, wie Drudkh, Agalloch, Alcest und einer Menge anderer. Das ist mein Vergnügen für andere Leute die Platten zu gestalten. Ich mag es, meine Kunst deren Musik gegenüber zu stellen. Ansonsten arbeite ich hauptsächlich an Auftragswerken in der Animations-Filmbranche. Ich mache das soweit ganz alleine, vom Konzept bis zum fertigen Film. Davon bin ich aber recht schnell gelangweilt, so dass ich lieber jetzt anfange, mit anderen Leuten zusammen zu arbeiten. Und es auf jeden Fall interessanter, andere Meinungen zu bekommen als nur die eigene!“

Zum aktuellen Prophecy-Sampler „Whom The Moon A Nightsong Sings“ hat Fursy Teyssier nicht nur ein Bild beigesteuert, er offeriert den Hörern auch zwei neue Lieder, die gar nicht so neu sind, wie Teyssier erklärt. „Beide habe ich vor langer Zeit geschrieben“, führt der Künstler aus, während der Zug immer noch durch das winterliche Frankreich rauscht. “ Das Lied ‚5,montée des épies‘ war eigentlich für das erste Album gedacht, aber ich entschied, es nicht hinzu zu tun. So ist es der typische B-Seiten-Song geworden.“

Teyssier „lacht“ und „erzählt“ weiter: „Das Stück ‚Apres l’Ombre‘ stammt von unserer Split-CD mit Alcest. Ich liebe aber beide Songs sehr, speziell ‚Apres l’Ombre‘ ist mein liebster Les Discrets-Song.“ Mit diesen Liedern und dem verträumten Album „Septembre Et Ses Derniäres PensÇes“ kommt Fursy Teyssier mit seinen Freunden Winterhalter, Neige und Audrey Hadorn zum Jubiläums-WGT 2011 nach Leipzig. Vielleicht gelingt es ihnen, wie Alcest beim 19. Wave Gotik Treffen im Centraltheater aufzutreten. Eine neue Booking Agentur sei laut Teyssier auch schon am Start, das könnte bedeuten, dass Les Discrets Deutschland bald umfassend bespielen werden. Doch zunächst legt Fursy Teyssier sein Blackberry wieder zur Seite und träumt sich schon mal aus dem Zug in einen warmen 11. Juni in Leipzig hinein.

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