Devildriver im Rückspiegel: Devil in Hell – fear and loathing in Hellraiser

Devildriver hier im Werk II 2010 (Foto: Daniel Thalheim)

Devildriver hier im Werk II 2010 (Foto: Daniel Thalheim)

Der Sonntagmorgen ist idyllisch. Rote Dämmerung, Meisenzwitschern und Krähengeschrei begleiten den Spaziergang durch den Clara-Zetkin-Park. Die herbstliche Luft ist rein und klar, dicke Enten tauchen nach Wasserpflanzen und ein Reiher schnappt sich im benachbarten Teich einen Fisch. Neuseenland im Clarapark. Aber eins ist klar: Heavy Metal lässt Schädel nachbrummen. Ein Artikel vom 16. November 2009 für die Leipziger Internet Zeitung.

Eigentlich hätte es ein Arbeitsabend werden sollen, als ich gegen 19 Uhr des 14. November an die dunklen Pforten des Hellraiser-Clubs klopfte. Gewohntermaßen die Akkreditierung entgegen nehmen und aus dem Nachtleben berichten. Die kurze Mitteilung kommt überraschend schnell: „Es tut mir leid“. Nun gut, ein paar Hinweise auf die Anmeldung, Presseausweis raus und später also inkognito in die Wohnstube von Satan, Mosh Pit und Heavy Metal. Denn wo ein Presseausweis nichts mehr gilt, bleibt einem das Gefühl von früher, als man noch für die Fanzines durch die Hallen huschte.

Mit Lederjacke und Kopfsocke ausgestattet, treffe ich als erstes auf Stahlin, einem der Tresenlegenden von Leipzig, Darkflower-Urgestein, Tresentiger im Helheim und für heute Abend ein Teil der Hellraiser-Crew. Mit Handschlag und nicht mehr offiziell hier, ein Bierchen gezischt über die Tatsache geschnackt, warum ausgerechnet die Amis von „DevilDriver“ den Headliner geben. „Die sind hier gar nicht so wichtig. Schau dir die T-Shirts an, überall Black Metal. Die Leute sind nur wegen Behemoth da“, der Barkeeper weiß immer mehr als alle Anderen. Auch der Veranstalter und einige Fans bestätigen diese Aussage. „DevilDriver … naja“. Die polnische Band muss heftig sein.

Gut nun auch zu wissen, dass Polen näher an Deutschland liegt als Amerika. Aber spätestens seit Rammstein ahnt man, Amerika ist überall. Doch zuerst ist England an der Reihe. Denn die Jazz verliebten „Arsis“ kommen von dort. „Die ewige Vorgruppe“, steckt mir ein Fan aus Thüringen „Eigentlich ganz gut, dass die als erstes spielen“. Vor einem Jahr hatte die Gruppe vor ein paar Fans gespielt und und überzeugt hat es auch nicht. Heute ist das anders. Hier bejubeln die Fans jeden Song und jede Ansage. Inzwischen ist meine frisch gegründete Gruppe wieder da und bringt Bier mit. „So ist das hier. Eine Band ein Bier, und in den Pausen nehmen wir noch eins mit“, erklärt mir einer. Und schon klingen die Flaschen.

„Arsis“ veranstalten indessen einen zerbröselnden Höllenlärm. Irgendwie stockt und ruckt der donnernde D-Zug-Klang in jeder Minute. Mal vor und zurück. „Arsis“ spielen 15 Songs innerhalb eines Stücks und das nach allen Seiten offen. Progressiv nennt man das in Fachkreisen „Aha?“. Trotzdem zappeln ein paar zur Technik im selbstverliebten Geballer wie verrückt in Richtung Bühne. Sie sind vielleicht schon länger hier und haben bereits ein paar Biere in der Vorglühung intus? Die Begeisterung wird mir zwar ein Rätsel bleiben, aber „Arsis“ soll gut auf dem Kopfhörer klingen“. Für die Couch wohl gut, auf der Bühne Nerven zerfasernd.

Wie war das mit der Pause? Der nächste Flaschenpulk rast auf mich zu „Ich habe doch noch meins von vorhin“. „Dein Pech, darfst halt nicht so viel quatschen“, spricht es zurück und „Paule“ drückt mir die zweite Flasche in die Hand. Und dabei ist die Pause kurz, denn schon stehen die Techniker von der schwedischen Metalband „Scar Symmety“ auf der Bühne. Das kann ja was werden. Und das Saallicht geht wieder aus.

Was jetzt kommt ist das, was Insider „cheesy“ nennen. Also das blanke Gegenteil der technoiden Freaks aus England. Eingängige Titel mit Sängerwechsel aus Growlen und klarem Gesang sowie nach vorne preschenden Doublebass-Attacken. Ein wenig „Kiss“ entdecke ich, nur ohne Maskerade. Aber auch die Geschichte des Heavy Metals wird in die Musik von „Scar Symmetry“ gepackt. Dort ein Solo, das an „Iron Maiden“ erinnert, da eine Gesangslinie mit einem Erinnerungsschub an seelige Pop-Metal-Zeiten der Achtziger. Nur der sterile Klang und der stetige Bleifuß auf dem Schlagwerk lässt auf die Postmoderne des Heavy Metals schließen.

Zack, wieder zu viel gequatscht. Ein neues Bier umschließt meine Faust. „Also Jungs, jetzt macht mal Halt. Ich habe hier noch zwei einhalb“, beschwere ich mich bei den jungen Herren in Metalkutten und Nietengürteln. „Dann lass es bleiben, wir geben dir nichts mehr aus, Du Weichei“, antwortet der glatzköpfige Hüne mit der bunt bestickten Kutte. Nun stehe ich mit drei Bier da und weiß nicht mehr wohin.

Die Pause naht auch schon, aber immerhin habe ich meine Gruppe verloren und kann die Pause bierfrei durchstehen. Die Flaschen stelle ich beiseite. Was macht man noch so, wenn die Pause zwischen zwei Gruppen ins Endlose gähnt? Der gewissenhafte Fan spaziert zum Merchandising-Stand. Dieser Verkaufsstand, wo Leute sich mit den aktuellen T-Shirts der auftretenden Gruppen eindecken können, ist wenig frequentiert. Woran liegt das? Die Motive sind doch schick, darauf ist alles, das ein Metallerherz begehrt; Blut in rauen Mengen, Knochen, Totenköpfe und die Schriftzüge aller Gruppen in allen erdenklichen Farben: Schwarz, weiß. Vielleicht noch etwas rot, um das Blut nachzuahmen, das arme Chinesinnen beim Nähen dieser Leibchen und Bedrucken hinterließen. „Viel zu teuer“, schimpft ein Gast. Warum, frage ich. Die Gruppen wollen doch auch was einnehmen. „Nee, nee“, meint der junge Mann, „Normalerweise kosten T-Shirts weniger im Handel vor Ort. Hier kosten sie 20 Euro, die Kapuzenpullis 40. Das ist bei einem Eintrittspreis von 27 Euro und ein wenig Trinken hier einfach nicht mehr drin, wenn man Student ist. Dann hole ich mir so ein Shirt lieber im Internetshop. Da kostet es 5 Euro weniger. Die Veranstalter und Gruppen denken, man kann uns ausnehmen. Zumal hier kein Motiv ist, das irgendwie an diese Tour erinnert und etwas besonderes ist. Und die Bilder sind langweilig“.

Warum sind die Motive langweilig, sind doch alle Klischees drauf, die man so kennt aus der Szene? „Eben“, sagt der Langhaarige und fügt hinzu, „Klischees ziehen nicht mehr. Das beschaffen sich doch nur Dorftrottel und Leute ohne Geschmack. Da laufe ich lieber ohne solchen Mist rum und trage schlichtes Schwarz“.

Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Und wieder heißt es: Licht aus. „Behemoth“ bedeuten die absolute Verkörperung des Metalklischees mit einer aufgesetzten Attitüde gegen das Christentum. Jede Menge Septagramme, keine Pentagramme – sieben ist mehr als fünf – bööööse. Natürlich aus silbern angemalten Pappmaché. Umgedrehte Kreuze und geschminkte Gesichter tun ihr übriges zum Auftreten der „satanischen Band“. In schwarz gefärbte Schweineschwarte gehüllte Ketten- und Nietenträger, die sich alle Mühe geben, besonders Furcht erregend auszusehen. Aber auf die Musik kommt es an. Und da wird klar, dass Stahlin Recht hatte. Viele sind wegen „Behemoth“ gekommen. Der beflissene Fan brüllt ab jetzt Lieder mit und gröhlt, fuchtelt mit Fäusten und Bierflaschen. Wirklich gefährlich.

Man muss mehr auf seinen Körper achten als darauf, vom Antichristen bekehrt zu werden. Dabei schaffen sie es, alle für sich zu mobilisieren. Die Bandmitglieder steigen auf Podeste um größer zu wirken, wechseln sich mit dem tief gelegten Grunzen und Schreien ab. Infernalisch. „Daimonos“ ein Lied oder „Shemhamforash“ und „Ov Fire And The Void“ andere. So erobert man die Welt. Böse und brutal zerlegen die vier das christliche Evangelium auf ihre Weise, nämlich textlich. „Evangelion“ heißt auch ihr neues Werk. Thesen gegen die katholische Kirche, nicht ganz neu, aber augenscheinlich schwer wirksam. Im mehrheitlich protestantisch-atheistischen Leipzig ein lautes Anti-Anti-Anti.

Nun sollte ja der Gau kommen. Wenn alle nicht verstehen, warum „DevilDriver“ eines Headliners nicht würdig ist, dann sollte der Kritiker mal ganz genau hinschauen. Warum dreht sich ein riesiger Circle Pit und warum sieht plötzlich jemand auf mich herab, weil er auf den Händen der Fans surft? Auch auf meinen. Ich muss ihn natürlich auch stützen, dass der arme Mann nicht runterfällt. Und plötzlich befinde ich mich im Pit. Wie ich dahin gekommen bin, weiß ich nicht. Nur dass ich mich mitten unter die Arme und Beine fuchtelnden und dabei springenden Fans geraten bin. Ein Drehmoment aus dem ich so schnell nicht heraus komme. Dass ich nicht unter die Beine gerate, fuchtele ich mit. Dann springe ich an den Rand und begebe mich in Sicherheit.

Dem Treiben schaue ich ab jetzt lieber aus sicherem Abstand zu. Unterdessen spielen „DevilDriver“ jede Menge Thrash-Metal für die immer noch zahlreichen Fans. Keiner geht. War die Angst, dass die Leute früher gehen würden, weil „DevilDriver“ keinen Black Metal spielen unbegründet? Mit Sicherheit. Denn so viele furiose Drehungen hab ich lange nicht mehr gesehen. Und dass eine amerikanische Gruppe im Osten unserer Republik derart abräumt, hat keiner geglaubt. Gilt doch die USA als oberflächlich und deren Metal als nicht nachhaltig genug hierzulande, sagen die „Experten“. Aber Amerika ist ja überall. Sogar am Hauptbahnhof, wo sich bei der anschließenden Fahrt in dem total verrückten Bus viele wiederfinden, um einen anderen Amerikaner kennen zu lernen. Den mit den beiden laschen Brötchen und gedrehtem Fleisch dazwischen.

Die schnatternden Enten im kalten Teich des Clara-Zetkin-Parks haben es garnicht so schlecht. Sie leben, zanken sich ab und zu und watscheln behäbig durch das gehäufte Herbstlaub. Inzwischen hat der Reiher am Ufer des Teichs wieder ein Fischlein geschnappt und lacht wohl schon den dicken Angler am anderen Ufer aus. Der wartet immer noch auf den großen Fang im kleinen Parkgewässer. Und wenn ich so nachdenke, waren es vier Bands, plus Pausen. Es ist manchmal erhellend, früh um 7 Uhr an einem Teich zu stehen. Was sagt uns das? Nichts schöner, als ein gelungener Start in den Tag. Auch wenn der Heavy Metal noch im Schädel nachbrummt.

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