Der verschleierte Blick in ein anderes Leben: Alcest bringt das Schauspielhaus in sanfte Schwingungen

„Neige“ heißt der groß gewachsene Mann, mit den langen Haaren und den dunklen Augen. Seine Band heißt „Alcest“, wie die mythologische Frauengestalt, die Herakles aus der Unterwelt retten wollte. „Alcest“ sind zum ersten Mal auf dem Wave Gotik Treffen und spielen gleich als Geheimtipp im rotbestuhlten Theatersaal des Schauspielhauses vor rund 300 Gästen. Es gibt also doch noch Kenner. Der Artikel erschien zuerst am 23. Mai 2010 in der Leipziger Internet Zeitung.

Der stille Sänger und Gitarrist von „Alcest“ ist zugleich auch Komponist und Arrangeur der Musik, die er bislang in zwei Alben goss. Sie heißen „Souvenirs D’un Autre Monde“ und „Ècailles De Lune“. Letztes Werk erschien 2010 über das deutsche Label Prophecy weltweit. Das gilt es nun in Deutschland vorzustellen, deswegen kommt der schlanke Franzose zusammen mit seinen Musikerfreunden von „Les Discrets“ nach Leipzig. An der von dem Treffenzauber belebten Moritzbastei blickt sich Neige um, umarmt seine Freundin und plaudert munter mit seinen Mitstreitern. Er genießt sichtlich die Wonnemond-Atmosphäre der im 16. Jahrhundert gebauten Moritzbastei.

Neige heißt zu deutsch „Schnee“ und wird „näsch“ ausgesprochen. Es ist das Pseudonym des schüchtern erscheinenden Mannes, der ungern seine wahre Identität preisgibt. „Die Reise hierher ist sehr stressig gewesen. Wir haben rund zehn Stunden Autobahnfahrt hinter uns und sind ziemlich müde. Zum Glück gibt es heute keine großen Soundchecks, unsere Instrumente müssen wir auch nicht selbst aufbauen“, erzählt der sichtlich glücklicher Neige der L-IZ.de im Interview auf dem Freisitz des alten Festungsgemäuers. Als er erfährt, dass er in dem Leipziger Stadttheater vor einem sitzenden Publikum auftreten wird, atmet er sichtlich schon die Theateratmosphäre ein, die ihn mit seiner Band am Abend erwarten wird. Denn nur dort kann sich seine sanfte und epische Musik angemessen entfalten. Nicht in einem schmutzigen Club, wo am Tresen Hochbetrieb herrscht und die Leute sich während der Show unterhalten.

„Alcest existieren nunmehr zehn Jahre, aber meine Musik braucht Zeit. Deswegen erscheint auch erst mein zweites Album“, erklärt Neige seinen musikalischen Werdegang und fügt hinzu: „Außerdem komponiere, arrangiere ich alles alleine. Auch das Einspielen und Aufnehmen meiner Musik bewerkstellige ich solo.“ Dann bringt er wohl Gastmusiker mit auf die Tournee, die er soeben bestritten hat. „Ja, unter anderem Fursy Treissier von Les Discrets, denen ich bei ihrem letzten Album meine Stimme geliehen habe. Wir helfen uns untereinander, weil wir miteinander befreundet sind.“

Der zurückhaltende, aber immer freundliche Sänger kommt während des Gesprächs auch auf seine Musik zu sprechen. Sie vereint Black Metal mit so genanntem Shoegazing. Das bedeutet eine stimmungsvolle Mischung für den Zuhörer, weil die klangliche Kälte des Black Metal mit den atmosphärischen Tönen des Shoegazing aufgelockert, gewärmt und vielschichtiger zu einer Einheit verschmilzt, die sehr episch und verträumt klingt. Nicht umsonst heißt sein Musikstil „Eerie Emotional Music“, so der Sänger weiter. Vertonter Gruselschauer auf hohem Niveau mit textlicher Tiefe und technischem Anspruch.

Woher seine Stimmungen kommen, erklärt Neige mit leiser Stimme. Mit einem verschmitzten Schmunzeln auf den Lippen führt er aus, dass „Alcest“ ein Konzept ist, wo Neige Eindrücke und Erlebnisse eines bereits gelebten Lebens verarbeitet. Er hat deutliche Bilder, die für ihn wie eine zweite Realität sind. „Es sind keine Träume, die ich niederschreibe. Meine Stücke sind tatsächliche Erlebnisse, die ich in meinen Texten und mit meiner Musik abbilde. Wo mein erstes Album ein sehr hoffnungsvolles Werk ist, das ich konzeptionell in ‚Grün‘ gewandet habe, ist mein neues Album stimmungsmäßig eher ‚blau‘, also kälter. Ich weiß, das klingt verrückt für Außenstehende, aber für mich ist es das nicht.“

Warum das so ist, weiß Neige auch zu erzählen: „Die Erlebnisse, die ich auf ‚Ècailles De Lune‘ beschreibe, sind in ihren Stimmungen dunkler, bitterer als auf dem eher freundlichen Vorgängeralbum. Das neue Werk wirkt so härter.“ Ein weiterer Band seiner musikalischen Erzählreihe hat der ruhige Franzose auch in petto, möchte aber noch nichts dazu erzählen. Die Geschichte scheint weiterhin spannend zu bleiben. Teilen ihm denn seine Fans ihre eigenen Erlebnisse mit, die sie bei seiner Musik empfinden? „Ja, ich bekomme Zuschriften von anderen Menschen. Aber das, was sie mir mitteilen hat nichts mit dem zu tun, was ich in meinem früheren Leben gesehen und gefühlt habe“, erklärt Neige. „Es sind vielmehr ihre Interpretationen meiner Musik und ich freue mich sehr, dass es diese Interaktion gibt, dass sich Menschen mit meiner Musik und meiner Welt auseinander setzen wollen. Mich würde es aber richtig umhauen, wenn es jemand auf dieser Welt gäbe, der genau das mit meiner Musik verbindet, was ich tatsächlich gelebt habe. Also dieselben Erlebnisse hat, wie ich.“

Neige schildert auch, dass er auf der Bühne diese Bilder nicht im Kopf hat, wenn er seine Musik vorträgt, er macht nur die Performance, achtet auf die richtigen Gitarrengriffe, die Einsätze und den Sound. Denn das, was er möchte ist, dass seine Zuhörer auf eine Reise mitgenommen werden und verstehen, worum es ihm in seinem Werk geht.

Als er mit seiner Band am Samstagabend auf der dunkel ausgeleuchteten Theaterbühne des Centraltheaters steht, scheint ihm genau das zu gelingen. In der einstündigen Show bringt er seine Fans zum aufmerksamen Zuhören. Denn ausflippen kann man bei den ruhig und sanft treibenden Stücken kaum. Doch einige Gäste tauchen in die Stimmungen der raumgreifenden Klänge ein und schütteln ihr Haupthaar zwischen den roten Stuhlreihen. Nach jedem Stück braust der Applaus der rund 300 Gäste laut auf.

Mit klarer Stimme singt Neige in seiner französischen Heimatsprache sehnsüchtige Balladen über sein früheres Leben. Fast schon zart gehauchte Erzählungen, die mit der melodischen Musik den Einklang finden und den Hörer tatsächlich auf eine Reise entführen. Im Wechsel zwischen heftigen Metallklängen und akustischen Farbtupfern spielt „Alcest“ das gesamte Album, versäumt aber auch nicht, noch ein früheres Stück einzuflechten. Zum Ende der Show schwellen die überlangen Kompositionen zu der im Interview angedeuteten Bitternis an. Dann ist Neige nicht mehr so still, zart und sanft. Böse und bitter keift seine eindringliche Stimme plötzlich laut über Zerstörung und Verlust. Ein wenig Angst scheint auch mitzuschwingen. Bei der von den Fans geforderten Zugabe verbleibt „Alcest“ in dieser düsteren Atmosphäre und lässt wiederum ein brachiales Stück „Black Metal“ erklingen, das aber immer wieder von hellen und positiven Stimmungen durchbrochen wird.

„Alcest“ haben auf dem 19. Wave Gotik Treffen für die Fans und neugierigen Zuhörer ein Konzert der etwas anderen Art geboten, das fernab von kostümierten Klischees im Gotik-Wunderzauberwald die Menschen in ihren Gefühlen erreicht. Die applaudierende Menge wird so eine schöne Erinnerung mit nach Hause nehmen, die sicher noch lange nach wirkt. Denn man hatte an diesem Abend wirklich das Gefühl, einem echten Geheimtipp beigewohnt zu haben.

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