Dark Suns im Rückspiegel: Gib mir Tiernamen – Ein Studiobericht

Dark Suns im Studio April 2011 (Foto: Daniel Thalheim)
Dark Suns im Studio April 2011 (Foto: Daniel Thalheim)

Keine Sorge, die Leipziger Prog-Rocker von Dark Suns gehen nicht in die Fetisch-Ecke. Sie benennen ihre zehn neuen Stücke nach Tieren. Es sind Arbeitstitel, bis dann die Texte stehen und der Gesang aufgenommen wird. Dark Suns verkünden viel Neues während ihren Albumaufnahmen, neue Besetzung, neue Songs, neue Arbeitsweise. Es hat sich was geändert. Im Herbst soll es mit der Veröffentlichung soweit sein. Ein Artikel vom 24. April 2011 für die Leipziger Internet Zeitung.

Der Empfang im Kick-The-Flame-Studio von Disillusion-Frontmann Andy Schmidt ist herzlich. Unter der warmen Frühlingssonne ziehen sich Torsten Wenzel, Maik und Niko Knappe, Jacob Müller und Ekky Meister ins dunkle Studio im Hupfeld Center zurück und präsentieren den anwesenden Presseleuten ihre neuen Songs. Meister und Müller sind die „Neuen“ in der Truppe, die nach den Abgängen von Christoph Bormann (Bass) 2006 und Thomas Bremer (Keyboard) 2007 und der Zwischenlösung Kristoffer Gildenlöw (Bass; ex-Pain of Salvation) langsam ins Bandgefüge hinein gewachsen sind.

Aus dem Aufnahmestudio wummern die ersten Töne, die anfangs gar nicht nach den Dark Suns klingen, wie man es von ihnen bislang kannte. Hier frönen Dark Suns elefantöse Klänge irgendwo zwischen Siebziger Jahre-Rocksound und farbigen Einsprengseln, die mutiger und freier klingen, als was man noch 2008 mit „Grave Human Genuine“ hören konnte.

Beim dritten Hören vernimmt man sie: die typischen Dark Suns-Harmonien, die noch zum Tragen kommen werden, wenn Schlagzeuger Niko Knappe seinen Gesang im Kasten hat. Der wird separat zur Musik aufgenommen.

Produzent Andy Schmidt pfeift im Takt, wippt mit den Füßen, Prophecy Records-Promoter Stephan Belda ist begeistert. Schmidt erklärt, Dark Suns hatten schon Vorabaufnahmen, die sehr ausgefeilt gewesen waren, dann entschied sich die Band wieder in die Substanz und zum Kern ihrer Musik wie zu ihren Anfangstagen zurück zu kehren. Also haben die Jungs live geprobt und enterten seit dem 11. April für zehn Stunden am Tag das Kick-The-Flame-Studio.

Bis kurz nach Ostern muss nun alles im Kasten sein. „Das ist eine sehr spontane Idee, aber sie führt uns wieder zu unseren Wurzeln zurück“, erklärt Gitarrist Torsten Wenzel kurz nach der Listening-Session. „Die Hauptaussage des Tages: Toll!“, scherzt Maik Knappe in Runde. Mit diesem ironischen Understatement zeigt er, wie unsicher sich die Band mit ihrem Schritt noch ist. Doch das verdeutlicht auch etwas anderes: Dark Suns fühlen sich wohl. Wenzel ergänzt: „Nach dem der Gesang im Kasten ist, kommen die Overdubs hinzu, wo auch Bläsereinsätze zu finden sind. Mittwoch nächster Woche wird das geschehen.“

Niko Knappe, Sänger und Schlagzeuger der Band erklärt: „Jetzt ist noch alles un-gemixt, unbearbeitet, roh. Die Musik wirkt dicht und kompakt“, Anneke-van-Giersbergen-Fan Wenzel fügt hinzu: „Wir wollen mit unseren Live-Sessions den Vibe der Musik einfangen, ohne dass später das Ergebnis zu künstlich klingt.“ Eventuell kommt ein Ausbesserungstag nach drei Tagen Abstand zu den Aufnahmen hinzu, weiß Niko Knappe zu berichten.

Zu den Bläsern erzählt Torsten Wenzel, dass Studenten der Leipziger Musikhochschule für den Sound sorgen werden. Leute also, die im Umfeld von Bassist Jacob Müller umtriebig sind. Maik Knappe lacht und sagt: „Werden wieder Studenten ausgebeutet!“, Keyboarder Ekky Meister scherzt: „Nein, nur der Bassist!“ Die Runde lacht kollektiv, wobei Müller noch entgegnet, er sei sowieso die „Bass-Hure“ in der Runde. Spielt er schließlich u.a. auch bei den Leipziger Avantagrde-Rockern Mud Muhaka mit.

„Es ist für uns ein Experiment des Live-Einspielens“, stellt Drummer Knappe fest. „Es ist die große Überschrift“. Knappe ergänzt, dass sie dieses Experiment mit Andy Schmidt durchziehen, weil sich Band und Produzent schon jahrelang kennen und aufeinander bestens reagiert. „Nicht immer, aber immer öfter“, Knappe lächelt. Voraufnahmen hat die Band aus dem Proberaum heraus auch gemacht, diese auch ge-samplet. „Das bringt uns auf eine sichere Ebene. Das gute an dem Live-Einspielen ist, man sieht und hört alle Musiker zeitgleich.“ Aber für jeden Fehler und Patzer gibt es Bierdeckel, auf denen Striche gesetzt werden. Da ist Jacob Müller fein raus. Die anderen werden wohl um eine zünftige Bier-Party nicht herum kommen.

„Wir gehen mit einem guten Gefühl heraus, so wie die Songs jetzt klingen“, sagt Niko Knappe weiter. „Es wird sich aber noch eine Extra-Ebene im Mix auftun, wo man viele Möglichkeiten mehr hat Raum dazu zu schalten.“ Sein Bruder und Gitarrist Maik Knappe weiß: „Es ist nur so, dass durch die Voraufnahmen bei den Klick-Verläufen alles sehr hektisch war. Im Proberaum haben wir eine Test-Aufnahme gemacht, haben an einem Sonntag alles aufgenommen, was ein ganz anderes Gefühl für uns war. Das gleiche machen wir auch hier.“

Torsten Wenzel: „Die Entscheidung alles live einzuspielen, stand relativ früh an. Unsere Musik hat danach wieder verlangt. Durch Gespräche mit Andy hat sich unsere Entscheidung bestätigt, weil man uns immer nach nachsagt, dass wir eine gute Live-Band sind, im Studio nicht.“ Herzhaftes Lachen in der Runde. „Das neue Album sollte schon diesen Retro-Touch haben.“ Dahingehend ist das Songwriting hin zu einem Siebziger-Jahre-Klang ein schleichender Prozess für die Band gewesen. „Die Musik jetzt ist wie damals, als wir anfingen im Proberaum zusammen zu sitzen, drei Tage einschließen, machen machen machen“, teilt Maik Knappe mit. „Also nicht gleich mit den Ideen an den Rechner gehen, herum tüfteln und so weiter, wie wir es sonst immer gemacht haben…“, Torsten Wenzel nickt und atmet tief durch: „Das haben wir gerne getan.“

Immer im Dialog: Torsten Wenzel und Niko Knappe (Foto: Daniel Thalheim)
Immer im Dialog: Torsten Wenzel und Niko Knappe (Foto: Daniel Thalheim)
Maik Knappe: „Dieses Mal sagten wir ‚Nein, jetzt nicht‘ …“, Wenzel unterbricht: „Der Großteil der Songs ist wirklich erst im letzten Jahr entstanden.“ In einem relativ kurzen Zeitraum also, was für die Band ungewöhnlich gewesen ist. „Absolut“, bestätigt Wenzel die Vermutung, denn: „Wir wollten es einfach! Wir wollten im Proberaum stehen, die Songs sollten dort wachsen und nicht am Rechner.“
Niko Knappe gleich dazu: „Früher haben wir im Proberaum mit Rechner und Band gelebt, heute ist das anders. Wir haben die knapp bemessenen Wochenenden und kosten jede freie Minute aus, deswegen kommt das Live-Feeling wieder.“ An wenigen Wochenenden ist so in einer Rohversion eine Latte an Songs entstanden, „Ohne die anzutatschen, wie wir es früher gerne gemacht haben“, weiß Maik Knappe.

„Es ist schon ein Gemeinschaftsding, auch wenn das Grundgerüst von der Dreier-Kern-Truppe stammt.“ – Es lebt, weiß Niko Knappe noch und spielt auf die Gemeinschaft an, die die Songs mit Leben auffüllen, egal mit welchem Tempo. Neu ist auch, dass statt eines Refrain ein ‚Frain‘ kommt. Niko Knappe schaut listig in die Runde und lächelt. Was gesanglich auf dem kommenden Album geboten wird, soll ebenso nach Dark Suns klingen wie früher, aber ein Refrain wird nur einmal gesungen, deswegen ‚Frain‘. Auch habe der Sänger an seiner Stimme gefeilt, dass sie kraftvoller klingt. „Wir wissen es auch nicht“, sagt Wenzel in die lachende Runde nach der Frage wie nun Nikos Gesang nun töne. Niemand hat also seine neue Sangeskunst vernommen. „Hier und da tauchen doch ein paar neue Nuancen auf.“ Die Band hat sogar einen Sessionschlagzeuger auf Lager, damit sich Niko Knappe bei den künftigen Live-Shows ganz auf seinen Gesang konzentrieren kann.

Andy Schmidt gibt als Produzent noch eine klare Aussage mit auf den Notizblock: Dark Suns haben sich seiner Ansicht nach in punkto Songwriting und Sound enorm entwickelt. Die ersten Brocken lassen auf ein abwechslungsreiches, vor Lebendigkeit strotzendes und farbenfrohes Album schließen. Irgendwo zwischen Verbeugungen vor den Siebzigern, viel Proberaumschweiß und Live-Charakter. Im Herbst 2011 steht also der neue Kraftprotz der Prog-Rocker aus Leipzig an. Fans alter Klänge der Band werden sicher überrascht sein. Bis dahin hat die Band sicher auch richtige Titel statt Tiernamen gefunden.

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