Dark Suns im Rückspiegel: Ein Konzertbericht von 2008 aus dem Werk 2

Werk 2. Leipzigs bekanntestes Alternativzentrum. Mitten im Herzen von Connewitz gelegen ist der ehemalige Industriekomplex Anziehungspunkt für überschätzte Künstler, knapp kalkulierende Veranstalter und massenhaft Finanzierungsprobleme durch die Stadt Leipzig. Man könnte erwarten, dass der angehobene Kulturbeitrag für die Freie Szene auch irgendwie den Künstlern zukommt, aber scheinbar überschätzen sich die Konzertmacher bei dieser Annahme und fahren kräftig Miese ein. Dann kann man eben nicht finanzstarke Gruppen einladen und so tun, als wäre man das Haus Auensee oder Marek Lieberberg. Jedenfalls ziehen bei solchen diffusen Aktionen die Vorbands immer den kürzeren. Wie im wahren Leben auch.

Aber seinen oberflächlichen Reiz hat die Umgebung schon. Ein wenig verwitterter Charme zwischen Bahnhofsklo-Atmosphäre und Ravioli-Lokal. Vor dem Eingang raucht ein weiß geschminkter Goth um die Ecke, versteckt sich unter seinem Zylinder, dann drängeln sich rund zehn Gäste zum Eingang um die Show anschauen zu können. Die ersten werden die letzten sein? Kann schon sein. Aber nicht heute Abend. Die Leipziger von Dark Suns haben ihr Set abgespeckt, können aber wenigstens ihr riesiges Backdrop nutzen. Ob Niko merkt, dass der unfähige Tonmischer ihm als Mikro einen Drumabnehmer untergejubelt hat? Denn dort hinein musste er singen, was natürlich viel zu leise klingt angesichts der vielen fragilen Gesangsparts. Auch bei den heftigeren Parts kann er sich gegen die übersteuerte PA kaum durchsetzen. Einziges Feedback kommt von der Bass-Anlage, die hörbar und geräuschvoll alles zunichte macht, was man von Dark Suns gewohnt ist. Der heutige Gig steht völlig konträr zur Releaseshow im März diesen Jahres. Das liegt jedoch nicht am spielerischen Vermögen der Band, sondern einfach an dem beschissenen Sound. Ich denke, diesen Auftritt wird die Band ganz schnell vergessen wollen und legt mit ihrem Schwerpunkt auf „Grave Human Genuine“ immer noch ein Punkt genaues Brett hin, das man von anderen Bands in Leipzig suchen muss.

The Flaw aus Dortmund fährt da schon ein direkteres Brett. Irgendwo zwischen sterilem Klicktrack-Drumming eines Duracell-Hasen, angekettetem Hüpfen der attraktiven aber stimmlich grenzwertigen Frontfrau und rammsteinigem und sopranigem Riffgewitterchen, duselt The Flaw so langsam aber sicher wegen ihrer musikalischen Gleichförmigkeit jeden ins Nirvana. Da wo Dark Suns die Leute anfangs überfordert hatten, wird das unkritische Publikum hoffnungslos unterfordert. Aber es gibt auch Pfiffe und Klatschen bei der letzten Songankündigung nach gefühlten drei Stunden. Aufstehen, es ist Bewegungszeit! Aber seit 1989 haben sich die Leute hier in Leipzig kaum bewegt, so wie das Publikum heute Abend, das scheinbar angewurzelt ist und es gerade mal so bis zum Biertresen schafft.

Masse statt Klasse? Bei Haggard scheint das zu stimmen. Warum wohl erklärt sich die hohe Fluktuation von abwandernden Dark Suns-Fans mit gerade angereisten Haggard-Fans, was sich ungefähr die Waage hält. Herr Mittelmaß stiehlt sich ein Bier und verschwindet ebenfalls hinter den Eisblumen des Fensters zur vierten Dimension.

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