Aus der Zeit gefallen: Unschuldiger Stahl mit Virgin Steele

Virgin Steele 1993 (Foto: SPV/Steamhammer)

Virgin Steele 1993 (Foto: SPV/Steamhammer)

1993 war Heavy Metal wie ein Abschreckungsmittel. Der Sound der achtziger Jahre wich alternativen Klängen aus der Grunge-Küche. Nachdem Grunge mit Kurt Cobain verstarb, galt Heavy Metal erst recht als der Geist der Vergangenheit, den noch wenige Bands beschworen. So scheint es rückblickend. Tatsache war, dass Heavy Metal aus dem Mainstream verschwand. Keine Cinderellas, keine Skid Rows, keine Guns’n’Roses. Dafür ein unbemerktes Pflänzchen namens Virgin Steele.

„Life Among The Ruins“ gilt als die Wiederkehr der Band in die Musikgefilde, von wo man sich 1988 verabschiedete. Bis 1993 wandelte sich aber das Bild in der internationalen Metalszene. Death Metal und Black Metal tauchten auf. Eine Gruppe wie Pantera rollte mit ihren kompromisslosen und rabiaten Tönen alles auf. Bunte Vögel wie Mötley Crüe, Cinderella, Poison & Co. verschwanden in der Versenkung, während Karohemden und Springerstiefel auch noch Nietengürtel, Lederjacken und Patronengurte verdrängten.

Nach und nach segnete ein Musikstil wie Hardrock das Zeitliche. Stattdessen tauchten eher Düsterkapellen wie Type O’Negative auf. Mittendrin in dem Umbruch kam Virgin Steele mit einem Studiowerk aus der Versenkung, das wohl besser zwischen 1985 und 1989 gepasst hätte als 1993. Die 1981 in New York gegründete Formation wurde vor allem durch ihre episch klingenden Konzeptalben um mythologische Erzählstoffe bekannt. Anfang der neunziger Jahre hörte sich das anders an.Völlig aus der Zeit gefallen frönten David DeFeis & Co. auf ihrem fünften Studioalbum Hardrock der Marke Whitesnake wie es mit ihrem kommerziell erfolgreichen Album „1987“ in den Radios weltweit ertönte.

Statt schwermetallische Sinfonien zu schreiben, hielt sich Bandkopf DeFeis an jenem bunten Schalala im Metal-Gewand, der mit seinen Pianoballaden, seinem hymnenartigen Gesang, seinen spitzen Schreien, seinen einfach gestrickten Rocksongs doch längst in den Orkus der Musikgeschichte hätte verschwinden müssen. Nichts da! Wie ein Gegenbeweis steht „Life Among The Ruin“ bunt und fröhlich mitten im schlammigen Matsch der Grunge-Trauerweiden. Eigentlich ein Siegesruf für die Heavy-Metal-Szene, wenn er doch nur seinerzeit gehört worden wäre. Rückblickend ging „Life Among The Ruins“ irgendwie zwischen Death-Metal-Hype, Black-Metal-Nazi-Mörder-Brandschatzungs-Phantasien und -Untaten sowie Grunge-Sterben unter.

Mit der Wiederveröffentlichung des außergewöhnlichen Studiowerks im Dienste des Erhalts von Achtziger-Jahre-Heavy-Metal können damals dabei gewesene und heute neu entdeckende Freunde von Hardrock bei Liedern wie „Love’s Gone“, „Sex Religion Machine“, „Love Is Pain“ und allen weiteren Stücken die bunten Tücher aus dem Schrank ihrer Lebensabschnittsgefährtinnen holen, um die Beine und einem zu Mikrofonen umfunktionierte Staubsaugerschläuche einzuwickeln und zu den Liedern mitzusingen als wären die Eiferer eben jene David Coverdales, Jon Bon Jovis und und und in einem. Mit Abstand betrachtet ist „Life Among The Ruins“ ein wohltuender Lichtblick der frühen neunziger Jahre. Damals hätte man über so ein Album wie „Life Among The Ruins“ wegen des altbackenen Sounds nur die Nase gerümpft. Wie sich die Zeiten ändern können…

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