Brendan Perry im Rückspiegel: Mit großer Stimme und viel Wehmut auf „Ark“

Mit Lisa Gerrard hat er bei „Dead Can Dance“ Musikgeschichte mitgeschrieben. Nach elf Jahren musikalischer Abstinenz veröffentlicht Brendan Perry mit „Ark“ im Juni 2010 sein zweites Solo-Album nach „Eye Of The Hunter“. Knüpft die große Stimme an seine alten Welterfolge an? Ein Artikel vom 7. Juni 2010 für die Leipziger Internet Zeitung.

Erst zum letzten Wave Gotik Treffen brachte er die Besucher in der vollen agra-Halle zum Träumen. Brendan Perry hat zu Pfingsten sein neues Album „Ark“ live vorgestellt und eindrucksvoll bewiesen, dass er immer noch das Zeug hat, einen respektablen Alleingang zu wagen. Auch wenn bei seinem Auftritt und seiner Musik irgendwie sein weiblicher Kompagnon Lisa Gerrard fehlt, klingt Perry 2010 überzeugend genug, allein zu musizieren.

„Ark“ ist nach dem 1999 erschienenen Erstling „Eye Of The Hunter“ erwartungsgemäß anders geraten. Wo „Eye Of The Hunter“ ganz stark der vertonten Stille folgte und alte Instrumente sprechen ließ, ist „Ark“ das blanke Gegenteil. Das am 4. Juni weltweit veröffentliche Werk ist elektronisch geworden. Dabei hat Perry selbst Hand angelegt, hat alles im Alleingang arrangiert und komponiert.

Mit elektronischen Arrangements hat der Mann zwar noch keine Erfahrungen sammeln können aber scheinbar hat Perry in den letzten zehn Jahren nicht nur Trommelkurse in seiner Quivvi-Church gegeben. Nun halten seine Anhänger einen Leuchtturm der ernsthaften Popmusik in den Händen und müssen einfach kräftig einatmen. So überwältigend gut ist das Werk geworden.

Allein schon der mächtige von Fanfaren eingeleitete Einzug mit „Babylon“ scheint wie für ein „Dead Can Dance“-Album maßgeschneidert zu sein. Perry hat es auch für „Dead Can Dance“ geschrieben. Es ist eines der jüngsten Kompositionen für die britische Ausnahmeband, die zuletzt 2005 einen weltweiten Bühnenerfolg feierten.

Dort hörten die Fans ein Stück namens „Saffron“, das für „Ark“ nun den Namen „Babylon“ annahm. Auch das damals vorgestellte „Crescent“ fand seinen Weg auf „Ark“. Vermutungen, dass Perry diese Lieder für ein „Dead Can Dance“-Album geschrieben hat, werden wirklich. Denn auch die übrigen Titel überzeugen, als wäre „Ark“ ein klassisches „Dead Can Dance“-Album. Nur Lisa Gerrard fehlt. Und die alten Instrumente, die jedes „Dead Can Dance“-Album so faszinierend machten.

Natürlich hat es sich Perry mit diesem auf rein elektronischen Instrumenten basierenden Werk nicht nehmen lassen, immer wieder Querverweise zu „Dead Can Dance“ zuzulassen. So bei „Bogus Man“, das in den Strophen ein wenig das gesprochene Thema von „The Ubiquitous Mr. Lovegrove“ vom „Into The Labyrinth“-Album von „Dead Can Dance“ aufgreift.

„Bogus Man“ wandelt wie der in dem Stück beschriebene Salon-Löwe selbstsicher auf elektronischem Teppich. Oder die aus dem Synthesizer säuselnden Geigen, die schon immer zum Repertoire von „Dead Can Dance“ gehören. Zusammen mit „Babylon“ und „This Boy“ bildet dieser Song eine Trilogie auf dem Album, die sich mit Korruption und Krieg beschäftigt. Mit „Wintersun“ hat Perry eine einfühlsame Liebesgeschichte geschrieben, die zuerst ruhig eingeleitet in ein nachdenkliches Pop-Stück übergeht. Perry überzeugt als elektronischer Klangkünstler durch und durch. Einfühlsam und ohne Kitsch besingt Perry Szenen des Abschieds in allen erdenklichen Farben.

Perry packt auch wieder seine E-Gitarre aus. Jenes Instrument, das bei „Dead Can Dance“ immer mehr in den Hintergrund gedrängt wurde. Zum Anfang von „Dead Can Dance“ fand dieser Sechssaiter noch häufiger Verwendung, ebenso bei ihrem letzten offiziellen Studioalbum „Spiritchaser“. Nun hat sich der ehemalige Punkrocker Perry wieder diesen Wurzeln geöffnet.

Perry ist eben auch Liedermacher. So hält er sich nicht nur mit frei erfundenen Fantasieerzählungen auf, Perry schildert lebensnahe Geschehnisse und hinterfragt zum Beispiel in „Inferno“ das Fernsehen mit all seiner Reizüberflutung. „Vision from hell“, singt Perry mahnend. Banalitäten werden aufgebauscht, bis sie wichtig sind. Kriege live übertragen. Distanz trotz Distanzlosigkeit. Fazit dieses Stücks ist eigentlich nur die Untermauerung, dass Fernsehen niemand mehr braucht. TV ist nur noch ein Propaganda-Flimmerkasten zwischen Berieselungs-Gedöns und scheinbarer Integrität.

Brendan Perry hat mit „Ark“ ein waschechtes „Dead Can Dance“-Album geschrieben. Nur mit dem Unterschied, dass die antiken Instrumente, die die New Wave-Band einst verwendete, nicht anklingen. Wenn, dann werden sie über Computer und Synthesizer programmiert. Ist nicht unbedingt falsch gedacht, das spart das Proben und Einspielen. Perry begründet es selbst, dass die kalten elektronischen Klänge das dunkle Thema auf „Ark“ am besten widerspiegeln – eine runde Sache.

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