Volles Conne Island: Zen Zebra und The Hirsch Effekt begeistern Leipziger

Die Geschichte des Leipziger Clubs Conne Island reicht weit zurück. Manche der heutigen Konzertgänger haben weder bewusst noch unbewusst die Wende erlebt. Sie hören auch zu völlig anderer Musik als die Leute damals. Ihre Klänge sind sehnsuchtsvoll, verschroben, eigenwillig. Zen Zebra, The Hirsch Effekt und Kenzari’s Middle Kata boten genau das am Abend des 25. Februar. Ein Artikel vom 26. Februar 2011 für die Leipziger Internet Zeitung.

Es gibt noch mehr, wie Paperchampion, die den Abend eröffnen, doch die meisten sind wegen The Hirsch Effekt und Zen Zebra hier. Es hat sich mächtig was aufgestaut an Frust und Leidenschaft. Das muss raus. Warum nicht in Musik kanalisieren?

Rund 70 junge Leute tummeln sich im Conne Island als Paperchampion auf die Bühne steigen. Es sollen mehr werden, die am Ende Zen Zebra zujubeln. Angesichts des heutigen Konzert und der Geschichte des Hauses Conne Island merkt man, hier haben sich Hörgewohnheiten geändert. Im Leipziger Club, wo Disillusion, Katatonia, Paradise Lost, My Dying Bride, D.R.I., Gwar, Mayhem und unzähligen Hardcore Punk Bands in den Neunzigern und bis vor kurzem für volle Abende sorgten, steht heute etwas völlig anderes an.

Die Musik von Paperchampion steigt sanft und verträumt ein. Instrumentalrock der Marke Red Sparowes klingt von den vier Musikern an, die die Anwesenden rund 20 Minuten mit ihren wohligen Klängen erfreuen. Es sollen die letzten versöhnlichen Töne sein, die die jungen Gäste heute hier vernehmen werden. Denn nicht nur die nachfolgenden The Hirsch Effekt drehen mächtig auf.

Aufgebrochenen Songstrukturen, klagender Gesang und ruhige Momente wechseln sich mit Gebrüll, jäh aufplatzenden Klängen und gehörig Druck an der Trommelfront ab. Die jungen Leute jubeln, tanzen, springen munter umher. „Guten Abend, wir sind Slayer“, scherzt Frontmann Nils Wittrock der Hannoveraner „Artcore“-Band. Dafür, dass sie sich ständig verspielt hätten, meint der sympathische Sänger, sei das Publikum besonders dankbar und außerdem … man habe Pläne für ein neues Album. „Holon: Hiberno“ ist das jüngste und erste vollständige Ergebnis der Wanderer auf neuen Wegen der Rockmusik. Nun ein nächstes. Jubeln.

Man ist doch nicht Slayer, freut sich, dass die Leipziger bei den alten Songs abgehen wie Schmidts Katze und begeistert mit neuen Klangeruptionen aus dem Handfeuer der drei Musiker. Gitarre unterm Hals, ein letzter Aufbäumer und die Show ist rund. Es soll mit Kenzari’s Middle Kata weiter gehen.
Diese Band versteht es ebenso wie The Hirsch Effekt gehörig Druck auf den Ohren zu verursachen, aber auch leise Töne anzuschlagen. „Body vs. Function“ heißt das neue Werk der Vier. 2003 gestartet und jetzt schon so erfolgreich. Inzwischen ist die Anhängerschar auf über 100 Leute angewachsen und drängelt sich nach vorne. Es sollten noch mehr werden.Die Bayern Helli Killermann, Josef Weizenbeck, Hannes Wastl und Roland Hanisch rocken was geht, lassen den Saal vor Begeisterung aufschreien, oder zumindest wohlwollend applaudieren. Kunstvoll gedrehte Pirouetten in Noten bringen einige Leute bereits ein wenig um den Verstand. Aber nicht so sehr wie die umjubelten The Hirsch Effekt. Es soll nur die Ruhe vor dem Sturm gewesen sein.Zen Zebra betritt als letzter Act die geschichtsträchtige Bühne. Die Leipziger Rocker verausgaben sich in einem gut gefüllten Conne Island-Saal mit ihrem vornehmlich aus neuen Stücken bestehendes Set. Sänger Marv reckt, dehnt und dreht sich in der Luft, stampft wütend auf. Die neuen Lieder packen viel heftiger am Kragen, trotz eingängiger Töne. Das Leipziger Publikum merkt: Zen Zebra sind gewachsen, haben sich weiter entwickelt. Marv schnaubt, brüllt, zittert während solcher nachdenklichen Momente vor Energie. Der Sänger ist wie sein Bassist und Gitarrist ein fiebriges Energiebündel.

Auch das Publikum wird gehörig durchgeschüttelt, es feiert. Marv möchte noch einmal die schöne Rückwand der Bühnendeko sehen. Herbstliche Waldansichten. Ob er zu diesem Zeitpunkt gewusst hat, dass er sie wieder abbauen muss? Kaum, denn nach dem regulären Konzert folgt der lange Zugabenteil. „What Else Is There“ von der norwegischen Elektroband Röyksopp ist der verbindende Wimmerhaken bis die Band mit dem MTV-Rookie-Hit „Minus Me“ die Leipziger schweren Herzens und unter großem Jubel verabschieden.Die Welt dreht sich weiter. Die Gefühle ändern sich nicht, nur der Ausdruck. Dort wo Gwar im Theaterblut dermaleinst herum matschten, D.R.I. sich wild ins Nirwana der Musikgeschichte Ende der Neunziger prügelten, haben heute Leipziger sehen und hören können, wie Bands völlig neue Wege beschreiten wollen.Voller Eindrücke verstreut sich die musikverliebte Meute dann. Ob sie ins benachbarte „Black Label“ oder in die Connewitzer Kultkneipe „Könich Heinz“ abgestiegen sind, vermag freilich niemand beantworten. Aber neue Klänge sind gar nicht so unbeliebt wie mancher Chartjunki vielleicht denken mag. Eines ist an diesem Abend gewiss – Rock hat drei neue Namen: The Hirsch Effekt, Kenzari’s Middle Kata und Zen Zebra.

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