Steven Wilson im Rückspiegel: Ein ganz besonderes Mammutprojekt im Interview

Am 29. Oktober wird die britische Progressive Rock Band “Porcupine Tree“ in Leipzig auftreten. Die 1987 gegründete Band hat im September ihr neuestes Album “The Incident“ veröffentlicht. Ein Doppelalbum mit fünf Geschichten und ebenso vielen Songs. Fast schon ein Mammutprojekt. Ein Interview vom 24. Oktober 2009 für die L-IZ.

Warum Songwriter und Kopf Steven Wilson gerade so ein scheinbar schwer zugängliches Album jetzt veröffentlicht und was die Band in Leipzig bieten wird, erzählt uns Wilson im Gespräch mit der L-IZ.

Hallo Mr. Wilson, wie geht es Ihnen nach den Aufnahmen zu “The Incident“?

Gut, und Ihnen?

Auch gut. Wie waren die Aufnahmen zum neuen Album?

Die sind ziemlich gut verlaufen. Rückblickend kann man sagen, dass alles ziemlich aufregend war. Ich muss sagen, dass ich auf dieses Album sehr stolz bin. Vor allem vom Sound her, natürlich auch wegen der Songs.

Wann haben Sie das Songwriting für das Album begonnen?

Wir fingen letztes Jahr im September damit an. Dann hatten wir drei Monate uns zum Schreiben, dann drei Monate zum Aufnehmen genommen.

Sie haben vorab bereits verlauten lassen, dass in “The Incident“ weniger Metal ist, als bei den beiden Alben zuvor. Können Sie beschreiben, warum?

Ich denke, dass “The Incident“ mehr in Richtung Classic Rock geht und auch diesen Sinn musikalisch transportiert. Es ist immer noch Rockmusik, aber es hat nicht mehr diese Menge an typischen Metalriffs, wie wir es vorher immer dabei hatten. Einiges ist schon heftig geraten, wie bei dem Song “Circle Of Manias“. Das Stück wurde mit einer richtig lauten Bariton-Gitarre eingespielt. Das klingt wirklich heavy. Wie ich schon mal über “Porcupine Tree“ gesagt habe, die harten Momente sind umso heftiger, je mehr um die harten Teile der Musik Ambient und ruhigere Teile gebaut sind. So entsteht ein wirklich starker Eindruck von Härte. Das ist auch das, was ich über das Album denke, dass es dadurch richtig dynamisch klingt.

Können sie mir sagen, was “der Vorfall“ (engl. „Incident“) auf ihrem Album für eine Bedeutung hat?

Der Hauptfehler, bzw. -vorfall für mich ist auf diesem Album die Erfahrung eines Autounfalls vor dem Schreiben der Texte. Bis ich eines Tages aus dem Studio nach Hause fuhr, hatte ich keine Ahnung über was ich auf dem Album schreiben sollte. Ich sah dieses Zeichen “Police Incident“ langsam an der Straße an mir vorüber gleiten. Ich dachte zu mir, was “incident“ für ein komisches Wort ist, weil es so viel umschreibt. “Incident“, was soll das eigentlich bedeuten? Das kann alles heißen. Vielleicht, dass Hunde an der Straße herumstreifen oder ein Stau, aber in diesem Fall ging es um einen wirklich ernsten Verkehrsunfall. Ich begann darüber nachzudenken, wie häufig eigentlich das Wort “Incident“ in den Medien verwendet wird. Es macht einen sehr distanzierten Eindruck. “Incident“ (das zu deutsch hier als “Vorfall“ verwendet werden sollte) wird für verschiedenste Ereignisse benutzt, wie beispielsweise für ein Erdbeben in Indien oder unbedeutendere Sachverhalte. Das Wort führt dazu, dass wir ziemlich emotionslos mit solchen Ereignissen umgehen. Beim Songwriting habe ich dann das Wort in seiner Bedeutung, das eben am häufigsten in den Medien verwendet wird, genommen. Ich habe so versucht, diese Emotionalität und Empathie ein Stück aus den Texten herauszunehmen.

Sie haben zwei CDs von dem Album veröffentlicht. Die erste CD enthält einen überlangen Song von rund 50 Minuten. Was können Sie darüber erzählen?

Von Anbeginn stand fest, dass dieser Song zuerst entsteht. Hier hatten die Aufteilung, dass wir mit diesem Titelsong eine Geschichte erzählen und dass wir mit den vier anderen Stücken auf der zweiten CD vier unterschiedliche Geschichten beschreiben. Das lange Stück ist wirklich intensiv geworden. Es verlangt eine Menge Konzentration, man muss sich wirklich damit befassen. Auf der zweiten CD sind die kurzen Stücke enthalten, die etwas leichter und dich auf eine andere Reise mitnehmen als das Titelstück. Und ich mag das so, weil es zwei unterschiedliche Gefühle transportiert, aber in einem Paket.

Bald sind Sie auf Tour. Würden Sie das lange Titelstück live umsetzen?

Ja, wir werden das gesamte Stück der ersten CD live spielen. Das wird die erste Hälfte der Show bilden. Dann machen wir eine Pause von ein paar Minuten und kommen mit älterem Material in der zweiten Hälfte auf die Bühne zurück.

Was können die Fans in Leipzig erwarten?

Es wird nicht nur eine audielle Erfahrung werden, sondern auch eine sehr visuelle. Wir werden mit Projektionen arbeiten und Filmausschnitten, um eine Menge unserer Lieder zu illustrieren. Dazu eine besondere Lichtshow und eben diese beiden Show-Hälften.

Kennen Sie Leipzig gut?

Ja, na klar. Ich bin sogar ein paar Mal hier gewesen. Das letzte Mal haben wir in einem wunderschönen Park gespielt mit dieser schönen Bühne (Wilson spielt auf das Konzert 2007 auf der Parkbühne Leipzig an, Anm. d. Verf.). Leipzig ist auch an sich sehr schön, hat eine lange Geschichte und hat eine gute Musikzene, einfach alles.

Wenn Leute so beobachten, was Sie alles so unternehmen, bei Kscope als Produzent und ihrer eigenen Plattenfirma, bei Projekten wie Blackfield, solo und Porcupine Tree. Woher nehmen Sie die Kraft dafür?


Es ist vielleicht meine Berufung. Ich liebe es, Musik zu machen und möchte in jedem Teil meines Lebens damit zu tun haben. Und es ist ein echtes Geschenk für jemanden und das Talent sollte man wirklich nutzen. Es ist für mich ein Vergnügen all das zu tun, vor allem dann, wenn es verschiedene Richtungen von Musik sind. So höre ich alles von Pop und Jazz bis hin zum Death Metal. Und oft ist es so, dass man in einem einzigen Projekt seine Gefühle und Einflüsse nicht ausdrücken kann. So spiegeln meine Projekte konsequenterweise auch meine vielen verschiedenen Seiten meiner musikalischen Persönlichkeit wider. Ich liebe es, mit verschiedenen Bands zusammen zu arbeiten. Ich liebe es, anderen Bands ihre Alben zu produzieren. Ich will damit niemals aufhören.

In einem ihrer ersten Interviews haben Sie gesagt, Porcupine Tree wäre nur ein Projekt. Hätten sie jemals gedacht, dass es mal so groß werden würde?

Wissen Sie, jedes Projekt, dass ich starte, mache ich mit Liebe und Hingabe. Bei Porcupine Tree ist es ein wenig anders. Ich fing damit an, als es noch ein Solo-Projekt war. Das war für mich damals ein reiner Studiospaß. Zum ersten Mal war ich überrascht, als ich feststellte, dass diese Musik richtig viele Hörer hatte. Damals hatte ich überhaupt keine Erwartungen an diesem Projekt und nun 15 Jahre späte verkaufe ich Alben damit. Gerade das auch bei den Konzerten festzustellen, ist für mich eine andauernde Überraschung.

Zum Schluss dieses Interviews möchte ich fragen, ob Sie von der Pleite von dem Metal-Plattenlabel SPV und einem ihrer Vertriebspartner gehört hatten. Haben Sie ähnliche Erfahrungen mit k-scope oder kennen sie Hinweise dazu? Sieht der Markt gut aus?

Soviel ich weiß, ist nichts in Ordnung auf dem Albummarkt. Ich weiß, dass die Plattenfirmen wirklich umfangreiche, sehr große Kataloge an Produkten haben. SPV hatte tausende Titel verwaltet. Das ist alles sehr schwer auf dem Markt zu etablieren. Mit meinen Projekten gehe ich immer zu kleineren Firmen, die uns mehr Beachtung schenken und uns besser bei der Arbeit begleiten. Sogar Roadrunner, wo ich mit Porcupine Tree unter Vertrag bin. Sie sind auch ziemlich groß, veröffentlichen aber höchstens 20 bis 25 Alben im Jahr. Sie stecken dann aber auch ihre ganze Aufmerksamkeit in jedes einzelne Projekt, das sie betreuen. Bei SPV kommen hunderte an Alben im Jahr heraus. Es ist einfach für dieses Label zu groß geworden um heute noch bestehen zu können. Es ist hart heutzutage für die Menschen, die ihre Jobs brauchen und davon leben müssen. Heute sind auch die Menschen glücklich, wenn sie Musik für umsonst aus dem Internet bekommen. Ich weiß nicht, ob die Leute realisieren, dass sie damit die Grundlage der Musikindustrie und damit auch der Bands zerstören, um wirklich gut aufgenommene Alben zu veröffentlichen.

Haben Sie zum Abschluss noch einige Worte an die Fans in Deutschland?

Ich freue mich wirklich auf die kommende Tour und dass wir „The Incident“ live spielen können. In Leipzig werden wir sicher eine großartige Show machen. Ich freue mich darauf, die City zu sehen um ein wenig die Zeit dort zu verbringen.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg.

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