Anneke van Giersbergen im Rückspiegel: Witzig, sexy, großartig und gefeiert in Leipzig

Anneke van Giersbergen mit Agua De Annique in Leipzig, Parkbühne Geyserhaus (Copyrigh: Daniel Thalheim)

Anneke van Giersbergen mit Agua De Annique in Leipzig, Parkbühne Geyserhaus (Copyright: Daniel Thalheim)

250 Gäste waren in Essener Zeche Karl bei Anneke van Giersbergen. Hat die ehemalige Sängerin der niederländischen Rockband The Gathering im Solo keine Fans? Leipzig trat den Gegenbeweis an. 400 Fans trafen am 7. Mai auf der Parkbühne Geyserhaus in Eutritzsch ein und feierten zum Schluss eine Sängerin, die nicht nur sexy, sondern auch witzig und schlicht großartig ist. Ein Artikel vom 8. Mai 2011 für die Leipziger Internet Zeitung.

Bevor aber Anneke van Giersbergen ihren gefeierten Auftritt hinlegte, an dessen Ende Geyserhaus-Geschäftsführer Thomas Farken sagte, so etwas wie diesen hätte es noch nicht gegeben, trat die dänische Nachwuchshoffnung Rufus Spencer im Vorprogramm auf.

Der „Local Hero“ 2010 lief nach den Konservenklängen von Sade mit seiner Band auf die Bühne und sorgte erst einmal für staunende Augen. So jung ist der Musiker, dass noch die Eierschalen hinter den Ohren kleben müssten, wenn nicht, ja, … wenn nicht der Musiker mit einer Leidenschaft seine Americana-Musik wie ein alteingesessenes Bühnenurvieh vortragen würde.

Während immer mehr Gäste aus Leipzig, Sachsen, Berlin und sogar Prag auf das Parkbühne-Gelände strömten, spielte hier ein talentierter Mann auf. Der eigentlich in Schweden geborene Rufus Spencer erzählte im besten amerikanischen Kartoffel-Kau-Englisch, dass er im vergangenen Jahr eine erste EP aufgenommen hat, die „Sit Down By The Fire“ heißt und beschreibt wie hart das Leben eigentlich ist. Unter anderem, weil man sich auch mal selbst unter den Tisch saufen muss. Erst beim dritten Song schwollen beim Publikum die Pfiffe und Rufe merklich an. Es wurde langsam wärmer am Geyserhaus.

Die Skepsis weicht bei so leidenschaftlich dargebotenen und reifen Songs wie „The Sun Also Rises“. Fast als sei Rufus Spencer bei den Anfängen von Blues und Folk dabei gewesen, bringt er seine Stimme auf Whiskey-Tonniveau. Dann packt er die elektrische Sechssaitige weg, holt seine Akustikklampfe hervor und intoniert zwei weitere Stücke, zu denen sich bald seine ebenfalls aus gerade aus dem Ei gepellte Band gesellt. Wieder Gitarrenwechsel – da kann schon mal der Gurt von der Halterung am Korpus herausrutschen. Da wird einfach weiter improvisiert und der Einsatz richtig gefunden.

Reife Leistung meinte auch das Publikum in Leipzig und entließ die Band mit ausgiebigem Applaus, Jauchzen und Rufen von der Bühne. Die Sonne verschwand – und immer noch schien es wärmer zu werden. Nach einer relativ kurzen „Umbaupause“ und viel Sade aus den Boxen, startete ein stimmungsvolles Intro eine Show, die sich rasch als Dauerflirt entwickeln wird.Songs wie „The World“, „Fury“, „I Want“ und „Adore“ stiegen in das Konzert ein, die nun auf um 400 Leute angewachsene Fanschar feierte Lied für Lied der niederländischen Singer-Songwriterin, die mit ihrer Band Agua de Annique anreiste . Rockige und stimmungsvoll-besinnliche Töne wurden erwartet, langsam fing es an zu knistern.Als dann Applaus und Johlen abebbten und Ruhe einkehrte, scherzte Anneke van Giersbergen: „Schsch, ihr seid zu laut“, Lachen. „Such a beautiful place. We love it“, ergänzte die mit Drummer Rob Snijders liierte Sängerin ihre Ansage. Sie setzte sich ans E-Piano, intoniert Stücke wie „Ice Water“ von ihrem Solodebüt 2007. Sie sang wenig später „It’s always cold in hell“, was die Gäste zum Grinsen brachte. Denn was lässt nur die Hölle zufrieren – längst kam die Hitze mitten in der Abendkühle an.Die Band wurde inzwischen „entlassen“, mit warmen Worten von „Anne“: „You are dismissed, take a break“. Giersbergen sagte dem Publikum, dass nun sie allein mit ihrer angereiste Fanschar beisammen sein will. Ein laszives Zwinkern unterstrich ihr als Scherz gemeintes Ansinnen, anzügliche Pfiffe aus dem Publikum folgten. Dann ruckelte sie am Mikro, weil sie wusste, dass es der Soundmensch hasst. Sie lachte, bald nicht mehr allein – das Publikum stimmte ein.

Ein Liebeslied?, fragte sie. „Jaaaa“ schallt es ihr entgegen. Zeit sich kurz zu erinnern, wie es war, als sie mit Petter Carlsen und Anathema im vergangenen Jahr allein die Massen begeisterte – dann wieder diese glockenklare Stimme und echte Gänsehaut. Die damalige Show ist nichts im Vergleich zu dem gewesen, was hier und heute geboten wurde. Mit Band ist Giersbergen um Klassen besser, unbefangener, lockerer, größer. Und mit mehr Leidenschaft ausgestattet als noch im vergangenen Herbst.Anneke van Giersbergen fühlte sich in Leipzig sichtlich wohl, erzählte, wie sie damals die Thomaskirche und andere schöne Orte der Messestadt besuchte und dass sie sich sofort in die Parkbühne Geyserhaus verliebte, weil es ein wirklich wirklich schöner Platz ist. Und das Publikum hier ist „very nice“. Bei ihrem luftigen, schwarzen Zweiteiler und den weißen Knöchelstiefeln war van Giersbergen durchaus auch Gegenstand von ein paar männlichen Träumern vor der Bühne. Für was auch immer. Zusammen mit den Tattoos, ihrem wirbelnden Haar und ihrer Rocksänger-Attitüde die geborene Frontfrau. Nebengedanke: Wie sehr muss The Gathering es bereuen, diese Frau gegen eine eher durchschnittliche Standardsängerin eingetauscht gehabt zu haben?Anneke freute sich, als ihre Frage ob jemand im Anker bei ihrem Solo-Auftritt dabei gewesen war, es ziemlich laut und mehrstimmig „Ja!“ zurückrief. „Sing a song, Anne“, sagte sie seufzend zu sich. Die Fans lachten. Sie stimmte mit dem Gedanken an, sie hätte dieses Stück lange nicht gespielt, „Saturnine“ von The Gathering an. Sie hörte auf, sagte sich wundernd „I fucking forgot the words!“, und setzte nach „Was für eine Scheiße, … Scheiße – bitte – Ich kann auch deutsch sprechen.“ Natürlich vergaß sie den Text nicht und setzte dann doch „Saturnine“ an, worauf die melancholische Ballade „Shrink“ vom The Gathering-Album „Nighttime Birds“ (1997) folgte. Siedepunkt bei den sitzenden Gästen.
Dann intonierte sie „Beautiful One“ vom Solo-Debüt, setzte mit rockig-wirbelnden Stücken nach, worunter sich der eine oder andere Song mit ihrer Kollaboration mit dem Kanadier Devin Townsend schlich, wie eben das nach vorne gehende „Hyperdrive“ vom Anfang ihrer Show und dem vorletzten Lied „Numbered“. Das atmosphärische „Witnesses“ vom Agua de Annique-Debüt „Air“ schloss den Abend – oder besser gesagt: sollte ihn abschließen.
Denn es passierte das, was Geyserhaus-Geschäftsführer Thomas Farken als „noch nicht da gewesen“ bezeichnete. Die Fans liefen zum Bühnenrand, ließen Bänke, Bänke sein und applaudierten, riefen ausgiebig Giersbergen zurück, bis sie mit ihrer Band für einen kleinen Zugabenteil erschien.Sichtlich überrascht und gerührt zugleich, war die Sängerin so euphorisch, dass sie freudig auf der Bühne umher lief und letztlich Halt am Mikrofon fand, um „Trail Of Grief“ und „Laugh It Out“ zu singen. Dann war Schluss mit einer anderthalbstündigen Show, die es in sich hatte. Die Fans wussten, dass Anneke van Giersbergen an ihren am Bühnenrand aufgestellten Campingtisch kommen wird, um dort persönlich CDs und Shirts zu verkaufen, plauderte mit den Fans, die sie umringten. Dann folgte eine Signierstunde mit Fotos fürs persönliche Andenken.Das Konzert auf der Parkbühne Geyserhaus war so für alle Beteiligten ein voller Erfolg. Nur schade, dass sich der amerikanische Singer-Songwriter William Fitzsimmons sich gegen diesen Ort entschied und im Centraltheater auftrat. Hier wäre er mindestens ebenso gut aufgehoben gewesen. An diesem 7. Mai passte jedenfalls alles – Stimmung, Nähe und Musik. Die kommenden Konzerte an der Parkbühne sind ebenso gelungen angesetzt – mit Keimzeit akustisch am 20. August und Alin Coen am 10. September live am Geyserhaus.
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