Paradise Lost im Rückspiegel: In der Dunkelheit ertrunken

Die britischen Trauerweiden von Paradise Lost machten 2009 ihr Schatzkästchen auf und servierten vor allem alten Fans, aber auch neueren, als was die Band einst begann. Paradise Lost galt 1990 neben Benediction, Napalm Death und Bolt Thrower als weiterer Zündfunke für die aufkeimende Welle des Death Metal. Im Rückspiegel steht eine Rezension von alten, 2009 wieder veröffentlichten Aufnahmen, die ich am 29. Juni 2009 im Metalmagazin „Bloodchamber“ veröffentlichte.

Über zwanzig Jahre ist es her, dass die britische Doom Metal Band quasi in den Kinderschuhen steckte. So auch meine damalige Begeisterung für Metal. 1988 / 1989 waren andere Helden für mich ausschlaggebend als brutaler Death Metal. Da waren die englische Flaggschiffe Iron Maiden, Motörhead und Judas Priest meine tägliche Dosis harte Musik. Doch dann schlichen sich extremere Gruppen wie Bathory, Carcass und Death in meine Interessen.

Paradise Lost lernte ich erst so richtig 1992 kennen, als die Band „Shades Of God“ veröffentlichte. „As I Die“ sei Dank. Dann erfolgte die Forschung nach ihren Frühwerken. Es gab nur zwei; nämlich „Lost Paradise“ (1990) und „Gothic“ (1991). Beide Alben sind von einem ungestümen, fast schon rohen Klang geprägt. Soll das tatsächlich diese Band sein, die später mit kommerziellen Alben wie „Believe In Nothing“ und „Host“ wie eine Gothic Rock-Gruppe klingen sollte?

Um ehrlich zu sein, erst jetzt schätze ich die ungeschlachten Stücke auf „Lost Paradise“, dem Album-Debüt auf dem Indie-Label „Peaceville“. Und genau jetzt nach knapp zwanzig Jahren fällt der Zeitpunkt, dass Paradise Lost ihre ersten beiden Demos und einen Live-Mitschnitt aus ihrer Zeit vor dem Debüt wieder veröffentlicht. Wer das alles nicht kennt und nur die neuen Veröffentlichung sein eigen nennt, wird überrascht sein.

Doch erst einmal ein paar Fakten zu der Veröffentlichung. Bei den Demos handelt es sich um das „Paradise Lost“-Demo und „Frozen Illusion“. Zusammen umfassen sie fünf Stücke, wovon das Lied „Internal Torment“ zweimal vertreten ist. Die Klangschwankungen sind innerhalb des ersten Demos immens, aber das Gesamtbild stimmt. Beide Demos werden durch die Live-Aufnahme „Plains Of Desolation“ von 1989 ergänzt, worunter die Stücke „Our Saviour“ und „Paradise Lost“ auf das Debüt-Album schafften. Die CD erscheint im Aussehen einer Vinyl LP, nur kleiner. Das muss man sich folgendermaßen vorstellen: die A-Seite besitzt Rillen, die aber nicht abgespielt werden können beim heimischen Plattenspieler. Die Seite mit der Tonaufnahme ist ebenfalls schwarz.

Die CD ist in einem Pappbüchlein verpackt, dass wie bei einer klassischen Doppel-LP zwei Einschubtaschen besitzt. Eine für die CD und eine für ein Heftchen. Dort stehen die Texte der fünf Demo-Aufnahmen sowie die ursprünglichen Deckelgestaltungen. Denn der heutige Fan muss wissen, dass Demos 1988 und 1989 noch als Tonband daherkamen; Kenner sagen Musikkassette dazu. In dem Heftchen gibt es noch kleine Geschichten zu der Entstehung der Demos, den frühesten Gehversuchen als Band und wie Paradise Lost die Demos aus heutiger Sicht sieht. Geschrieben hat das Ganze Sänger Nick Holmes.

Langsamen, polternden Death Metal gibt es hier zu hören. Sehr dreckig gespielt und ebenso unsauber aufgenommen. Aber darin liegt der Reiz. Denn gerade bei so einem unpolierten Klang wie auf der neuen Veröffentlichung „Drown In Darkness“ gibt es soviel zu entdecken. Wie das schwerfällig polternde Schlagzeug, die grummelnden Gitarren und der ultra-tiefe „Gesang“ von Nick Holmes.

Er klingt in den frühen Demo-Aufnahmen dermaßen tief, als müsse man seine Stimme auf dem Grund eines zehn Meter tiefen Brunnens suchen. So klingt auch übrigens Gregor Macintoshs Gitarre. Die daraus entlockten Soli hören sich mit dem vielen Hall an, als würde jemand in einer Höhle stehen und seine Musik nur für kalte und nasse Felsen spielen.

Dieser krachige Widerhall auf den vorliegenden Aufnahmen ist eher eine aus der Not geschmiedete Tugend. Die Technik gab nicht viel her damals. Schon gar nicht, wenn man kaum Geld für teure Aufnahmen hatte. Aber schon hier zeigen sich die flirrenden, hymnischen Ansätze einer Band, die die Metalszene im Sturm eroberte. Wer erinnert sich nicht an die ausverkaufte Tournee zum 1993 erschienenem Album „Icon“. Da war es zwar vorbei mit Death Metal bei Paradise Lost, aber immerhin hatte die Truppe noch „Gothic“ vom gleichnamigen Zweitling gespielt. Aber nie hörte ich, dass sie jemals ihr erstes Album oder eine Rarität ihrer Demo-Phase live gespielt hätte.

Dabei sind gerade diese ungeschliffenen Diamanten wertvoll genug, um ein ruppiges Remake auf der Bühne zu erfahren. Aber wer soll sie dann singen, beziehungsweise grunzen? Nick Holmes hat seine Grotten-Olm-Stimme gegen dunklen Engelsgesang eingetauscht. Macintosh spielt viel besser als vor zwanzig Jahren und die Songs von damals fehlt es an einer eindeutigen Richtung. Sie wirken wie aneinander gesetzte Muster und Schablonen. So richtig wirken sie nicht geklammert. Und wenn Nick Holmes bei der Live-Aufnahme von 1989 ins Mikro „Jesus Christ is dead – Our Saviour brumm brumm brumm“ heisern gröhlt, dann wirkt es eher unbeholfen und holzig.

Das Auseinanderfallen der Stücke hat Paradise Lost erst mit dem Album „Gothic“ entgegenwirken können. So geben die die wiederveröffentlichten Demos Zeugnis von einer unbedarften, frischen und noch sehr unerfahrenen Band ab. Als ob man einem Kind beim einem Versuch zuschaut, wie es gewaltsam einen Würfel in ein kleines rundes Loch zu hämmern. Irgendwann sind die Kanten weg. Aber das dauert. Metal-Fans sind geduldige Menschen.

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