Paradise Lost im Rückspiegel: Icon

1993 erschien die vierte Studioscheibe von Paradise Lost. „Icon“ stürzte in den Wirbel des Mainstreams, nicht zuletzt durch seine kürzeren und melodischeren Songs. Mich begeisterte das Album erst nach mehrfachem Hören. Von „Icon“ kam ich nie wieder los. Hier ein Artikel, der am 9. Juni 2008 bei „Bloodchamber“ erschien.

Die rockigen Ansätze von „Shades Of God“ wurden bei „Icon“ ausgebaut, die Songs wurden wieder kürzer und der Sound massenkompatibler. Vorliegendes Album ist wegen seiner Hitdichte beinahe ebenso einzigartig wie der sperrige Vorgänger mit seiner kalten Stimmung. „Icon“ ist ebenso ein Klassiker wie seine Vorgänger, bedeutungsvoll und gilt als weltweiter kommerzieller Durchbruch ohne dass die Band wirklich an Gesicht verliert. Der Sound von „Icon“ wurde auch diesmal von S. Eferney abgemischt und produziert, ist aber hier wesentlich atmosphärischer und dichter als bei „Shades Of God“. Das hat Einbußen in punkto Düsternis und Härte zufolge, passt aber zum rockig-metallischen Erscheinungsbild der Songs.

„Icon“ nötigt mir ein paar mehr Worte ab als nur sechseinhalb Zeilen, denn für viele Fans ist genau dieses Album der Einstieg in die Diskographie von Paradise Lost. Andere sehen gerade dieses Album als Anfang vom Ende. Warum ist „Icon“ so kontrovers? Altbekannte Markenzeichen wie Nick Holmes Grunzgesang und der düstere Doom Deathmetal wurden bereits nach „Gothic“ über Bord geworfen. Die hymnischen Leads und flirrenden Soli von Gregor Macintosh blieben allerdings erhalten.

Die düstere Kälte von „Shades Of God“ weicht einem eher positiv anmutenden Ton- und Soundgefüge. Alles wirkt direkter und zugänglicher. Nach „Shades Of God“ ein logischer Schritt, wie ich finde. Doch sind hier einige Titel dabei, die durchaus noch die alten Paradise Lost erahnen lassen. Das sind „Joys Of Emptiness“, „Widow“, „Colossal Rains“, „Poison“, „True Belief“, „Shallow Seasons“ und „das mit Frauengesang angereicherte „Christendom“.

Auch die anderen Songs besitzen trotz ihrer rockigen Attitüde eine eher für alte Paradise Lost typische Machart, nachdenklich („Remembrance“), zweifelnd („Forging Sympathy“) und das filigran-hymnische „Dying Freedom“. Überall sehe und höre ich eine Steigerung zu den drei Vorgängeralben, gleichzeitig aber auch den Schritt zur zuckersüßen Banalität. Aber das muss nicht schlechtes sein, weil Paradise Lost mit „Icon“ noch mit Herz bei der Sache sind, Sinn für treibende Rhythmik besitzen und Nick Holmes durchaus noch schreien kann. Danach versuchte er den Anspruch zu erheben singen zu können … und scheiterte an sich selbst. Aber das tat er erst mit „One Second“, wo Paradise Lost tatsächlich begann seinen Wiedererkennungswert aufzugeben.

Das Album vermittelt von Anfang an mehr Kraft und Klassikerpotenzial an den Hörer als es so mancher Kritiker wahrhaben will. Als Klassiker wird „Icon“ sowohl von den Kritikern als auch von den Fans gleich neben „Gothic“ als gleichberechtigt wahrgenommen. Doch ich finde, dass hier erstmals Paradise Lost den Pfad der künstlerischen Tugend aufzugeben beginnt und deshalb einen Schritt in Richtung Beliebigkeit ging. Doch ganz so schlimm ist es noch nicht. „Icon“ ist eines der wichtigsten Alben der Metalgeschichte, ein musikalisches Monument und 1993 ein absolutes Novum.

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2 Kommentare

  1. Call Me Appetite · · Antwort

    nachdem ich mal in den frühen 90-er Jahren ein eingefleischter Metal-Fan, und daher auch Paradise Lost Hörer, war hatte ich irgendwann mal alles verkauft was irgendwie nur mit „böser“ Musik in Verbindung gebracht wurde. Vor kurzem jedoch fand ich wieder Freude an ebensolcher Musik und hab mir vor allem den einen oder anderen „Favorite“ aus alten Zeiten nachgekauft. Mit dabei auch Icon, das wohl beste Album der Band (viele würden wohl sagen, der Nachfolger sei das Meisterwerk, was vielleicht auch so ist, aber ich hänge da doch mehr an Icon). Lange Rede kurzer Sinn, nach all den Jahren immer noch ein Top Album. Schöner Bericht von Dir.

    1. Danke danke, leider war ich 1994 nicht soweit, das Konzert in Leipzig zu rezensieren. Das war wirklich beeindruckend.

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