Paradise Lost im Rückspiegel: Bejubelte Routine im Conne Island

Die Zeiten ändern sich wohl doch nicht. 2007 langweilte Paradise Lost so manchen Fan, der etwas mehr erwartet hätte. 2009 war das nicht anders. Nicht zuletzt enttäuschte die Band durch ihr Abspulen und routiniertes Auftreten. Dann scheiterte mein Interview mit dem Bassisten durch seine einsilbigen Antworten. Eine der Erleuchtungen aus Steve Edmondsons Mund war, dass es der Band nur ums Geld geht, wenn sie auf Tour geht. Deswegen spielt die Truppe nur Club-Konzerte. Aha, … wieder etwas dazugelernt. Hier zu meinem Artikel, der am 14. November 2009 in der Leipziger Internet Zeitung zuerst erschien.

Nach zwanzig Jahren Bandgeschichte ist bei so manchen Gruppen die Luft raus. Das mag musikalisch nicht so stimmen. Aber wenn altgediente Bands auf der Bühne lasche Posen liefern, die man schon andern orten gesehen hat und sich seit Jahren nichts ändert, außer die neu hinzu gekommenen Lieder, dann muss man von Stagnation reden.

So gesehen bei den Metal-Gruppen Paradise Lost und Samael am 12. November im Conne Island. Die Briten von „Paradise Lost“ sind nahezu jedes Jahr auf Tour. Mal länger, mal kürzer. Dann kann schon die Freude und Liebe zur Musik, ihrer Leidenschaft vorm Hintergrund des Geldverdienens weichen. Das Musikerleben als Job. Das ist nicht weiter schlimm. Aber wenn Profis wie die Musiker von „Paradise Lost“ bei einem Konzert wie das mit knapp 600 Personen gefüllten Conne Island die Euphorie der Gäste nicht aufgreifen können und eine knappe Stunde Songs ihrer Karriere bis 1992 zurück abspielen und lediglich wie ein DJ in eine passable Reihenfolge mischen, geht alles Spontane verloren.

Den Fans ist das egal. Hier wird ziemlich alles gefeiert, was „Paradise Lost“ bieten. So betten die Engländer ihre neuen Songs vom Album „Faith Divides Us – Death Unites Us“ unter die Stücke ihrer düstermetallischen Frühphase aus den Neunziger Jahren. Auch ihre poppigen Stücke werden gefeiert. Die Band muss sie schon im Schlaf spielen können. Präzise rinnt Stück für Stück die Sanduhr durch. Doch nach der anfänglichen Freude kommt schnell Ernüchterung. Warum stellt Sänger Nick Holmes den Aushilfsgitarristen Milly Evans nicht vor? Nicht alle Fans wissen, dass Gitarrist Greg Mackintosh zurück nach England flog, weil sein Vater schwer krank wurde. Wo waren die Zugaben? Wo war die Lust am Spielen? Lastet die Abreise von Mackintosh doch stärker auf die Band? Oder ist die Gruppe nach zwanzig Konzertterminen einfach nur ausgelaugt? An den müden Mienen von Bassist Steve Edmondson und Sänger Nick Holmes erkennt man die Tretmühle Tour-Leben.

Die Tretmühle schlägt bei „Samael“ aus der Schweiz auch durch. Klar, dass die schwermetallische Band um die beiden Köpfe Xy und Vorphalack nur mit Routine den Touralltag bestreiten kann. Wenn auch die 1990 gegründete Gruppe vorgibt, den Fans in Leipzig zu vermitteln, nur sie allein sind die Größten. So schimmert ein wenig die große Pose durch: eben jene Gesten und Ansagen, die andere Fans in so vielen Städten und auf unzähligen Festivals bereits gesehen haben. Auch die pumpenden Rhythmen führen langfristig nicht zu den durchschlagenden Ergebnissen, die sich die Band erhofft. Lediglich das langsam schleppende „Into The Pentagram“ vom allerersten Album sorgt für mehr Bewegung im Publikum. Werden die Stücke aber wieder schneller und druckvoller, verlieren sich die Reaktionen in verhaltenes Klatschen.

Man ist froh, dass der Auftritt vorbei ist. „Samael“ befand sich schon 1996 im Haus Leipzig in dem am 12. November demonstrierten Zustand, nach 13 Jahren hat sich nicht viel geändert. Auch nicht als sie beim diesjährigen Wave Gotik Treffen auftrat. Bei Paradise Lost ist der Fall tragischer; 1994 hatten die Düsterrocker noch Clubs wie das Haus Auensee gefüllt, nun tingeln sie durch „Wohnzimmer“. Das ist die Realität, das unterstreicht die Wichtigkeit der Gruppe, trotz guter Alben. Der Zenit ist überschritten; Paradise Lost befindet sich gerade auf einer aufgestellten Zacke ihrer stetig sinkenden Erfolgskurve.

Sicher werden Nick Holmes & Co. irgendwann jedes WG-Zimmer zum Rocken bringen, aber seit zehn Jahren scheint es so, dass sie sich auf einer nie endenden Abschiedstournee befinden. Egal wie viele Fans ihnen dabei zujubeln. Gute Voraussetzung für ein weiteres depressives Album.

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