Katatonia im Rückspiegel: Ein Hoch auf die Leere in einem voll gepfropften Conne Island

Es war die drittletzte Show von „Katatonia“ und die letzte von „Swallow the Sun“ in Deutschland auf der „New Night Over Europe“-Tour. In Leipzig haben sie den beliebten Club „Conne Island“ zum Bersten gebracht. Ausverkauft. „Katatonia“ scheint eine Erfolgsband der ganz besonderen Art zu sein. Ein Artikel vom 5. April 2010 für die L-IZ.

Die Fans sind guter Dinge. Selten begibt sich „Katatonia“ auf ausgedehnte Clubtour. In den vergangenen Jahren sah man sie bis auf wenige Ausnahmen nur auf ausgesuchten Festivals. Nach dem Ende 2009 erfolgten Besetzungswechsel hat sich das geändert. Mit dem neuen Album „Night Is The New Day“ hat die schwedische Gruppe um Sänger Jonas Renkse und Gitarrist Anders Nyström ein wohltuendes As für Liveauftritte im Ärmel. Bei einer minimalistisch ausgeleuchteten aber musikalisch üppigen Show kommen an diesem 4. April in Leipzig natürlich auch ältere Stücke an die Reihe.

Schon ab der ersten Sekunde wird hier deutlich, dass „Katatonia“ weit mehr als nur ein reinrassiges Metalpublikum anzieht. Zwischen den zahlreichen Vertretern mit langen Haaren, Lederjacken und Nietengürteln stehen auch Junggebliebene, die einfach eine gute Rockshow sehen wollen und sichtlich überrascht sind über den metallischen Untergrund. Eine gründlich friedliche Atmosphäre im Raum. Keine eingedellten Gesichter und verrenkte Gliedmaßen. Ruhig da stehende Frauen und Männer, die die Auftritte der drei Bands sichtlich genießen wollen.

Die Eröffnungsband „Long Distance Calling“ aus Münster genießt sichtlich ihren Auftritt – die volle Halle und offene Gesichter vor Augen. Und sie sind aus gutem Grund bei diesem ausverkauften Abend anwesend. Auf ihrem letzten Album „Avoid The Light“ hat „Katatonia“-Sänger Jonas Renkse bei dem Stück „The Nearing Grave“ bereits mitgesungen – heute geschieht es leider nicht live.

Doch diese Zusammenarbeit führte laut „Long Distance Calling“-Bassist Jan zu einer kollegialen Freundschaft und die Möglichkeit, die Schweden auf der gesamten Tour zu begleiten.

„Wir haben ‚The Nearing Grave‘ bisher noch nicht live mit Jonas gespielt. Das werden wir wohl am 6. April in München machen.“, sagt Bassist Jan auf L-IZ-Anfrage im Rahmen der teilweise ausverkauften Gastspielreise quer durch die Republik.

„Long Distance Calling“ sind hier als Vertreter des so genannten Post Rock auf der Bühne. Instrumental und ausschließlich ohne Gesang. Entsprechend ruhig wummern auch die mitunter treibenden Takte aus den Boxen. Das Publikum schaut gespannt auf die wenigen Aktionen auf der Bühne und vertieft sich in die ausufernde Musik von Dave, Flo, Janosch, Jan und Reimut. Anerkennenden Applaus gibt es heute bereits während ihres konzentrierten Auftritts. Vielleicht hat man mit dieser Band auch beinharte Metaller für eine gerade erfolgreiche Rocksparte öffnen können, touren doch Gruppen vom Schlage „Long Distance Callings“ sonst eher mit gleich gesinnten Combos wie „Ef“ und „Isis“. Jedenfalls werden „Long Distance Calling“ in Leipzig wieder auf dem „Wave Gotik Treffen“ an Pfingsten zu sehen sein.

Bevor aber „Katatonia“ auf die Bühne steigen, treten die musikalisch eher verhalten agierenden „Swallow The Sun“ aus Finnland auf. Ihre träge fließende Musik besitzt nicht die kompositorische Tiefe und Reife wie die der Helden aus Schweden. Der Bewegungsdrang der Anwesenden an die frische Luft ist nicht nur wegen „Swallow The Sun“ hoch, kann man doch draußen in der milden Nacht ein kühles Bier und gegrilltes Fleisch zu sich nehmen.

Dennoch bleibt das Conne Island beim Auftritt von „Swallow The Sun“ sehr gut gefüllt, weil man viel erwartet nach den überschwänglichen Rezensionen der Metalpresse ihres letzten Albums „New Moon“. Diesen Überschwang an Lob ist sicherlich auch subjektiv gefärbt, vermögen doch in Echtzeit die langsam pumpenden Stücke weniger auf der Bühnen überzeugen als vielleicht auf Platte. Zu schlicht gestrickt erscheint das zähflüssige Material, das nur manchmal aggressiv ausbricht.

Zeit, noch einmal tief Luft zu holen, bevor es in den heißen Club und zur Band des Abend zurück geht. Der Erwartungspegel jedenfalls steigt spürbar.

Dann ein wenig Dunkel, kurzes Anstupsen im Publikum und das Licht zum großen Finale des Abends geht an. Katatonia ist da.

Gegen den ruhigen Lavastrom von „Swallow The Sun“ muten die vielschichtigen Kompositionen „Katatonias“ wie ein beständiges Prickeln auf der Zunge, ein Gourmetfeuerwerk aus zirpenden und grollenden Gitarrenklängen an. So empfinden es auch die Fans aus dem thüringischen Saalfeld, die gespannt auf die Takte ihres Lieblingsstückes „Brave“ warten. Das lange Warten lohnt sich, auch wenn „Katatonia“ den vielfach geäußerten Wunsch nicht spielen werden. Denn die Schweden sind auf den Spuren von „Saw You Drown“ vom 1997 erschienenen Album „Discouraged Ones“ unterwegs, das bekanntlich eine ähnliche Stimmung transportiert, wie „Brave Murder Day“, worauf sich das Stück „Brave“ befindet.

Die positive Energie schwappt vom Publikum auf die Band und wieder zurück. Sänger Renkse verharrt während des Singens von „My Twin“, „July“, „Onward Into Battle“ und „Day And The Shade“ meist regungslos und drückt seine elegischen Texte mit glasklarem Sound ins Conne Island. Ab und zu ruft er laut ein „Danke!“ in das Publikum, der Rest ist ruhige Kraft.

Durch den sauber gemischten Klang entfalten jetzt auch Stücke von ihrem neuesten Album „Night Is The New Day“ mehr Druck als auf der Konserve. Für den „Rest“ sorgt der hyperaktive Gitarrist Anders Nyström, der ohne Unterlass seine Haare schüttelt und mit Gesten ins Publikum kommuniziert. Unten im Saal ist man immer glücklicher, oben auf der Bühne „artet“ es fröhlich aus. Mikko Kotamäki von „Swallow The Sun“ kehrt als Co-Sänger auf die Bühne zurück und schreit unter großem Jubel die wenigen wütenden Stellen beim Song „Ghost Of The Sun“ vom Album „Viva Emptiness“ ein. Crew- oder Band-Mitglieder von „Swallow The Sun“ treiben als „Sponge Bob“ in Tourplakaten und Kartons gehüllt auf der Bühne ihren Abschieds-Schabernack – das Familiengefühl dieser Konzertgemeinde ist da.

Während eines umjubelten Auftritts, dessen Applaus von Song zu Song lauter wird, ist Katatonia an diesem Abend laut Backstagemeldungen so enthusiastisch wie seit Beginn ihrer Tour. Alles stimmt, es rockt im Conne bis das Saallicht aufhellt. Die Show ist aus. Das Publikum klatscht die Band noch einmal zurück auf die Bühne. Nach einer ausgiebigen Zugabe verneigt sich die Band, grüßt und verteilt Gitarrenplektren und Drumsticks. Ein letztes „Hallo Leipzig“, ein großes „Dankeschön“ und dann schwebt der schwarze Vorhang zu.

Die Fans strömen aus dem verschwitzten Club durch die engen Ausgänge ins kühle Freie. Die Gedanken kreisen um einen schönen Abend, der in zahlreichen Gesprächen als irgendwie vollkommen empfunden wird. Trotz einiger Unkenrufe aus der Metalpresse – „Katatonia“ ist für alle hier schlicht eine fantastische Live-Band. Nun geht die „New Night Over Europe“-Tournee durch Südosteuropa, dann über einige Sommerfestivals.

Und ganz sicher zurecht noch durch so manchen komplett ausverkauften Saal.

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