Anneke van Giersbergen im Rückspiegel: Ein sensationeller Abend im Anker Leipzig

Es wird eng im Saal des Ankers. Fans aus allen Himmelsrichtungen sind an diesem Abend des 6. Oktober anwesend. Das Haus ist voll, das Bier ist kalt, die Musik scheint endlos zu klingen. Die englischen Alternative Rocker Anathema, die freundliche Sängerin Anneke van Giersbergen und der Songwriter Petter Carlsen bieten in Leipzig etwas ganz besonderes. Ein Artikel vom 7. Oktober 2010 für die L-IZ.

Internationale Gäste kommen nicht oft in den Anker Leipzig. Vor dem beliebten Blues Club und das soziokulturelle Zentrum im Norden der Pleißemetropole steht ein großer Night Liner. Dort wohnt die britische Rockband Anathema für die Dauer ihrer Europatour. Auch die ehemalige Sängerin von der niederländischen Rockband The Gathering, Anneke van Giersbergen findet ihr Plätzchen hier, wie der norwegische Songwriter Petter Carlsen.

Irgendwie eine Wanderfamilie, die da nach Leipzig gekommen ist – und ein Mitglied feiert an diesem Tag Geburtstag.

Wer sein Lebensjubiläum feiert, hat sich bereits längst unter den Fans herumgesprochen. Aber niemand vermutet, dass das Geburtstagskind mit dem Namen Daniel Cavanagh während des für viele zu verfrüht empfundenen Auftritt von Petter Carlsen auftaucht. Er setzt sich an das Keyboard, begleitet die melancholisch gesungenen Gedichte des Liedermachers.

Dann betreten Daniels Bruder Vincent Cavanagh und Anneke van Giersbergen die Bühne, stimmen gemeinsam das verträumte Stück „Pull The Brakes“ an. Cavanagh? Brüder sind’s, die Anathema gegründet haben und am Leben erhalten. Beide jetzt bereits beim Eröffnungskünstler des Abends einfach schonmal mit auf der Bühne.

Erste Überraschung gelungen an diesem Abend. Anwesende Metalfans hat’s nicht gestört, dass Anathema keine Metalbands eingeladen haben. Denn die britische Kapelle galt als eine Doom-Kapelle im harten Sektor, ganz früher vor zwanzig Jahren. Seit einiger Zeit nicht mehr. So ist auch erwartungsgemäß der Grundton hier irgendwie angenehmer, als bei einem Metalkonzert.

Der Applaus schwillt stärker und stärker an, zuerst wohlwollend, dann mitreißend. Petter Carlsen freut’s, doch scheint er zu wissen, dass hier Anathema-Fans eher die Kunst der Cavanagh-Freunde feiern. Ihm scheint es egal zu sein, indes sagen Daniel und Vincent Cavanagh zum Publikum, man solle sich nicht scheuen, ordentlich T-Shirts kaufen. Pettter Carlsens Album „You Go Bird“ sei nicht zu verachten.Doch die Fans kommen nicht dazu, der Abend kommt in Fahrt, Carlsen und die Cavanaghs treten ab, überlassen Anneke van Giersbergen die Bühne.

Die bezaubernde Sängerin stimmt indes mit ihrer großen Akustikgitarre „Beautiful One“ an, begeistert stimmlich die immer zahlreicher werdenden Gäste. Von Stück zu Stück werden die zustimmenden Pfiffe lauter und schriller. Anneke freut sich, schildert von ihrem heutigen Besuch in der Innenstadt, wo sie sich die Thomas- und Nikolaikirche angeschaut hat. Sie weiß, dass Johann Sebastian Bach seine Wirkungsstätte in der Thomaskirche fand und meint: Leipzig ist eine sehr schöne Stadt. Jubel folgt, klar: Auch Leipziger sind zur Genüge anwesend.Dann die nächste Überraschung. Petter Carlsen steigt wieder auf die Bühne, mit ihm kommen die Anathema-Gitarristen Daniel und Vincent Cavanagh. Sie stimmen unter großem Applaus der jungen und älteren Musikfreunde von „Locked Away“ von The Gathering an. Ein ganz großer Moment für die Anwesenden. Viele haben weder Anathema noch The Gathering, noch Anneke solo live erlebt und haben dieses Konzert händeringend erwartet.

Jetzt sehen sie hier die Musiker vereint auf Tour. Reine Freundschaft verbindet die Instrumentalisten, die einfach auf die Bühne kommen, scheinbar spontan miteinander jammen. Vincent Cavangh wiegt mit Anneke van Giersbergen im Gitarrenspiel, sie scherzen miteinander. Giersbergen trällert ihre sanften Melodien, ganz wie es sich ihrer klassischen Ausbildung geziemt.

Nun endet auch dieser Auftritt unter jähem Applaus, vielen zustimmenden Pfiffen, Zugabe-Rufen. Doch der Abend ist noch nicht vorbei. Einige bekommen die beiden Auftritte von Petter Carlsen und Anneke van Giersbergen gar nicht mit, ärgern sich ein wenig. Nur warum diese Eile? Die Fans werden nach der Show von Anathema erfahren, warum.Die Minuten verrinnen, kleine Änderungen der Verstärker werden vorgenommen, die Instrumente von Petter Carlsen und Anneke van Giersbergen abgebaut. In diesem Moment kommen die Brüder Daniel und Vinent Cavanagh zurück. Vincent bringt noch seinen Zwillingsbruder Jamie Cavanagh mit, der Keyboarder Les Smith nimmt seinen Platz ein, Schlagzeuger John Douglas macht es sich hinter einen Trommeln und Becken gemütlich.

Die Band steigt unter aufbrausendem Applaus, Johlen und Pfiffen mit „Thin Air“ ein, dem Eröffnungsstück des brandneuen Comebackalbums „Wher’e Here Because We’re Here“. Sieben Jahre mussten Anhänger der englischen Rockband bis zu diesem Moment warten, bis sie neue Lieder vernehmen durften. Die Suche nach neuem Plattenlabel schien ausschlaggebend für die lange Pause gewesen zu sein.2008 wurden die Fans mit der Akustik-Compilation „Hindsight“ angefüttert, seit 2010 das neue Album, das laut Aussage von Vincent Cavanagh das reifste und beste Werk sein soll. Binnen 18 Monaten soll das nächste Studioalbum folgen. Die Band schreibt und schreibt.

Doch für die Fans ist das jetzt alles egal. Sie lassen sich in die Stimmung, die die tief-melancholischen Stücke verbreiten, fallen, klatschen begeistert mit, singen jede Textzeile ihrer Lieblingsstücke. Das sieht Sänger und Gitarrist Vincent Cavanagh, der bei den heftigen Ausbrüchen seiner Lieder über die Bühne wirbelt, seinen Schweiß in Strömen die Stirn hinunter fließen lässt und seine roten Locken wild schüttelt.

„Das nächste Stück ist für euch, die alles von uns mitsingen.“ Danach lobt er das Leipziger Publikum als etwas ganz besonderes und stimmt ein Lied nach dem anderen an. Sein Blick schweift aber auch zu den Rängen des ehemaligen Tanzsaals, wo Petter Carlsen und Anneke van Giersbergen stehen und sich über die Show von Anathema freuen.

Anathema gehen mitunter weit in ihre Karriere zurück, spielen Stücke ihrer beliebten Alben „Alternative 4“ (1998) und „Judgement“ wie die Stücke „Deep“, „Shroud Of False“ und „Fragile Dreams“. Auch das vor sieben Jahren veröffentlichte Lebenszeichen „A Natural Disaster“ kommt mit „Flying“ und „Closer“ zu Zuge.Die Zeit vergeht wie im Flug, die Fans halten durch, feiern unentwegt eine Band, die den für sie ausgetretenen Schuh des Heavy Metal abgestreift hat und fragilen Alternative Rock spielen, der sich stimmungs- und gefühlvoll in die Herzen der europaweit großen Fangemeinde eingeschlichen hat und nicht mehr los lässt.

Die Band spielt und spielt, bis sie mitgeteilt bekommen, dass nur noch fünf Minuten Spielzeit übrig seien. Die Auflagen… Der Blick auf die Uhr zeigt inzwischen 23 Uhr. Knapp über zwei Stunden sind vergangen, als Anathema ihr Stück „Thin Air“ anstimmten. Große Überraschung auch, denn es sollen fast drei Stunden werden.

Soll alles vorbei sein? Kopfschütteln beim Publikum, Kopfschütteln bei der Band. Die verbleibenden fünf Minuten nutzt die Band, sich gegenseitig vorzustellen. Keyboarder Les Smith taucht mit einer Geburtstagstorte auf und will sie dem Geburtstagskind Daniel Cavanagh überreichen, der etwas unwirsch ablehnt. Was ist denn passiert?

Zu diesem Zeitpunkt trudelt die Information ein, dass der Band bis zum endgültigem Abschluss der Show doch noch 15 Minuten bleiben. Publikumswünsche? Jemand schreit mehrfach ganz laut „Kashmir!“ Mehrere stimmen ein.

Tatsächlich, weil der blonde und langhaarige Knabe mit der schwarz umrandeten Brille so laut die ganze Zeit Anathemas Texte mitsang und auch noch Luft für ein lautes „Kashmir“ übrig hatte, spielt Anathema auf besonderen Wunsch des Fans den Led Zeppelin-Klassiker. Vincent Cavanagh klingt jetzt auch ein wenig wie Robert Plant. Das Publikum ist begeistert!Noch ein letztes eigenes Stück und die Band verabschiedet sich von ihren Fans. Daniel Cavanagh überreicht einer jungen schönen Frau im Publikum sein Gitarrenplektrum. Auch Vincent kramt in seiner Hosentasche und verschenkt seines. Verbeugungen, Handküsse an die zahlreichen attraktiven Frauen, Winken.

Leipzig ist großartig, die Fans die Visitenkarte, dass die Band noch einmal wieder kommt? Dieser Auftritt brennt sich nicht nur den Fans ins Gedächtnis. Die Band ist sichtlich begeistert nach der Show auch vor dem Club. Nach dem Auftritt strömen die durstigen Gäste noch schnell zum Tresen, bestellen ganze Stiegen an Bier, feiern noch weiter. Nun wissen sie, warum die ersten beiden Acts so früh begannen und gingen. Anathema spielen lange, gaben mehr als andere Kapellen, die für 20 Euro Eintritt eine Stunde über die Bühne huschen.

Vor dem Club finden die Bandmitglieder noch Zeit mit den Fans ein paar Worte zu wechseln. Dabei entpuppt sich Anathema-Bassist Jamie Cavanagh als unterhaltsamer Zeitgenosse, hat auch mal einen Witz auf den Lippen.

Die Leipziger stehen noch einige Zeit entspannt, bis einer nach dem anderen von dannen zieht. Inzwischen ist es Null Uhr, dann halb eins. Die Band bricht nach Würzburg auf, lacht aber vorher gemeinsam mit Anneke van Giersbergen und Petter Carlsen vor dem großen Tourbus und freut sich auf die nächsten Auftritte.

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