Ein Schauer aus Erlebnissen: Black Celebration beleuchtet 20 Jahre Wave Gotik Treffen

Ein Jubiläum braucht ein Buch. So auch das Leipziger Wave Gotik Treffen, das seit 1992 wie ein kleines schwarzes Herz in der Messestadt der Nachwendezeit zu pumpen anfing, 2000 kollabierte, um nahezu nahtlos wieder aufzuerstehen. Leipzig braucht die alljährliche Gratwanderung von Kontroversen und zur Schau gestellten Peinlichkeiten. Verschiedene Szeneleute erzählen ihre Erinnerungen in „Black Celebration. 20 Jahre Wave Gotik Treffen“. Ein Artikel vom 7. Juni 2011 für die Leipziger Internet Zeitung.

Wenn Alexander Nym seine leicht vernebelten Erlebnisse aus 1993 farbenfroh wiedergibt, den damaligen Lacrimosa-Auftritt („Lacrimöschen – zeig dein Höschen“) als peinlich bezeichnet und beschreibt, wie ein Regen aus Tampons auf den Sänger Thilo Wolff niedergeht, so spiegelt das auch den Eindruck wieder, den die Metalszene von Bands wie dieser hatte.

Ein Buch also, welches persönlich, eigen und aus vielen Blickwinkeln auf Entstehung und Werden eines nach wie vor eigentümlich eigenen Festivals oder eben „Treffen“ blickt. Persönliche Geschichten, wie sie wohl viele Leipziger mit der Veranstaltung verbinden – langjähriges Beäugen, dann doch der erste eigene Besuch, Erlebnisse, wie auch ich selbst sie irgendwann hatte.

Als feuriger Metalhead jahrzehntelang die schwarze Szene als ranzigen Kostümball ignorierend, habe ich lange weder musikalisch noch inhaltlich Anknüpfungspunkte gefunden, die mich zu einem Fan dieser alljährlichen Szenerie in Schwarz gemacht hätten.

Wenn Gothics Stromgitarren verwenden, dann zu zaghaft, wenn sie sich verkleiden, ist es zu romantisch und schwülstig, wenn sie zu Singen anheben einfach nur nervig. Rock hat zu brüllen, schreien, zu schwitzen und zu stinken. Und schwärzer als alles Schwarze waren sowieso norwegische Blackmetal-Bands wie Darkthrone, Satyricon, Emperor, Gorgoroth und Mayhem, die ich zu diesem Zeitpunkt begann sehr intensiv zu hören. Oder die Dampframmen von Pantera, Morbid Angel, Cannibal Corpse, Death & Co. Das hatte wenigstens Aussage – zumindest dachte ich das damals.

Irgendwann kam das Wave Gotik Treffen auf den Trichter auch Metalbands einzuladen. Als ich das entdeckte, hatte auch Metal Null Aussage für mich gehabt und auf’s WGT konnte man nur noch mit einer Gesamtfestival-Karte. So habe ich auch dies fleißig ignoriert und immer wieder mit Schmunzeln hinter den Lack- und Gummi-Fetischisten hergeblickt und mich über Geschichten von Freunden amüsiert, die auf dem Festival arbeiteten.

Wie die Story, wo Anfang der Nuller Jahre früh am Morgen vor der Moritzbastei ein Pärchen sich sehr intensiv miteinander befasste, während die Security drum herum stand und rauchte. Oder ich gemeinsam mit einem Freund nach einem Gewitterguss im Jahr 2000 auf der Suche nach einem gewissen Death-In-June-Konzert gewesen bin, am Völkerschlachtdenkmal eine Spur der Verwüstung von umgekippten Absperrzäunen vorfand, am UT Connewitz einige Neofolker zitternd vor Kälte und Nässe herumstanden. Irgendwie schwang auch Hohn und Häme mit als wir an ihnen vorbei gingen. Oder der Puhdys-Fan, der 2004 an der Parkbühne mit dem Rücken an der Eingangswand stand und die hämmernden und klagenden Töne der englischen Doommetal-Band My Dying Bride zum ersten Mal vernahm und unter einem Fast-Weinkrampf musikalisch geläutert wurde.

Erlebnisse wie diese machen ein Festival erst zu einem Festival. So haben Jennifer Hoffert als Übersetzerin und Alexander Nym auch als Miterzähler und Herausgeber Geschichten von Kriminalbiologe Mark Benecke, Das Ich-Musiker Bruno Kramm, Andreas Plöger, John Murphy und weiteren Leuten aus der schwarzen Szene zusammengetragen und in Klappenbroschur und 200 Seiten starkes Bändchen zusammen gefasst. Die englische Übersetzung des zweisprachigen Werkes stammt von Jennifer Hoffert, ihres Zeichens Amerikanerin. Vielleicht finden Leser des etwas anderen Jubiläumsbandes zu ihren eigenen Erinnerungen zurück und schreiben sie auf. Denn das Wave Gotik Treffen lebt auch von seinen Fans oder jenem Haufen Individualisten, wie es Alexander Nym in seinen Memoiren an 1993 schreibt, die heute leider vom Herdentrieb der schwarzen Massen an den Rand gespült worden sind.

Klugerweise haben die Herausgeber es vermieden, einen chronologische Geschichtsband zu veröffentlichen. Fairerweise erzählen WGT-Gänger aus ihrer Sicht ihre Erinnerungen, quer durch 20 Jahre schwarzes Leipzig zu Pfingsten. Das macht Geschichte lebendig, zeigt verschiedene Facetten und Blickwinkel auf ein Stück weit auch Leipziger Geschichte. Klar, dass auch Fotos nicht fehlen dürfen, die auch so manche Geschichte erzählen.

Ein gewisses Lebensgefühl vermag das Wave Gotik Treffen also zu vermitteln, auch wenn es nicht jeden berührt, so ist es doch einmal im Jahr zu Pfingsten präsent. Ob die Musik in all den Jahren besser geworden ist, liegt wohl Ohr des Besuchers. Doch diese Frage ist ja auch beim Metal nicht abschließend zu beantworten.

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