Deine Lakaien im Rückspiegel: Verträumte Nachtmusik auf „Indicator“

Es scheint fast so, dass Ernst Horn und Alexander Veljanov die Neu-Arrangierung ihrer alten Hits im akustischen Bereich zum Anlass für „Indicator“ genommen haben. Seit 1985 hat die beliebte Dark Wave und Avantgarde-Band Bestand in der stetig wachsenden Fangemeinde. Nun soll das achte Werk in die Umlaufbahn geschossen werden. Ein Artikel vom 10. September 2010 für die L-IZ.

Hat sich der Sound von den anspruchsvollen Superstars geändert, ist alles beim Alten geblieben?

Ja und nein. Wer bei den vergangenen Auftritten der Akustik-Tour dabei war, wird im Ohr haben, wie leicht und offen Deine Lakaien klingen können. Die elektronische Fracht ist über Bord geworfen worden. Der fallende Ballast schuf Raum für einen neuen Klang, der nichts weiter war, als ein summendes Skelett und die Melodieführung des Gesangs von Alexander Veljanov. Zur Beruhigung: Deine Lakaien haben den elektronischen Weg beibehalten, gehen nur anscheinend vielschichtiger, zurückhaltender damit um. Darüber hinaus schimmern auf „Indicator“ zunehmend folkloristische Stimmungen durch.

Ersten Eindruck verschafft das gefühlvolle „Gone“, das mittlerweile jeder Fan kennen wird als Video und erste Singleauskopplung. Sachte schwingen hier Elektrotöne ineinander, werden mit einem saftigen Takt und metallischen Scharren unterlegt, um zunächst sanft, dann zunehmend lauter Pianotöne und Geigen klingen zu lassen. „Gone“ dürfte wohl der typischste Song von Deine Lakaien sein. Härter und kälter brummt da schon „Immigrant“, der die Seele von Deine Lakaien in chromglänzender Ummantelung präsentiert. Unter der Haut stecken dennoch warme Sounds, die kurz enthüllt und schnell wieder verborgen werden.

Versöhnlich und leise herantretend ist aber der verspielte Eröffner „One Night“, in dem einem Sommernachtstraum gleich, Harfen zirpen, Töne flöten und Geigen seufzen. Hier führen die Instrumente miteinander ein geflüstertes Gespräch. Veljanov singt einfühlsam eine leise Melodie.

Wie ein Tanz auf der Regen betäuten und sonnenbeschienenen Wiese huscht „Who’ll Save Your World“ zunächst in die Gehörgänge, verwandelt sich zu einem anmutigen Tanz, der von Geigen auffordernd begleitet wird. Leise und laut wechseln sich die Themen dieses Lieds ab, scheinen selbst miteinander einen Reigen zu springen. Wie eine mittelalterliche Volta im Elektro-Format bleibt „Who’ll Save Your World“ im Ohr haften und verlangt nach mehr.

Luftig und leicht präsentieren sich Deine Lakaien 2010, aber auch erdiger und zugänglicher. Mit „Blue Heart“ haben Horn und Veljanov einen schiebenden Tanz geschrieben, der mit etwas Pathos gewürzt wird. Ein wenig wie der Einmarsch kleiner Spielzeugkrieger in die Ritterburg aus Plastik, die Prinzessin im Arm, ein Echo im Ohr.

Leider endet dieses Stück in einer Ausblendung, scheint im Finale nicht schlüssig zu sein. Man darf gespannt sein, wie dieses Lied live umgesetzt wird. Dann ein französisch-englisches Stück „Europe“, das sich bedrohlich zwischen die Liebeslieder schiebt, mit kalten Klängen arbeitet und scheinbar sozialkritische Töne anschlägt.

Ist „Indicator“ das persönlichste Werk von Deine Lakaien? Mitunter entsteht der Eindruck bei den körperlich wirkenden Klängen, den persönlichen Texten wie bei „Along Our Road“, dass Deine Lakaien ihre Hörer so nah an sich heran lassen, wie zuletzt bei ihrer Akustiktournee. Die elektronischen Klangkompositionen spielen mit Tiefe, Raum und dem Kontrast reell klingender Geigenharmonien. Weitere Instrumente aus dem traditionsreichen Fundus der europäischen Instrumentengeschichte wandern durch die Lieder.

Wenn Harfen vorsichtig Noten in die Luft träufeln, wenn „Without Your Words“ erklingt, weiß jeder, wohin „Indicator“ seine Hörer mitnehmen will. Hier geht es um die große Kunst, den Hörer seine eigenen Gedanken und Vorstellungen zu spinnen, sich aber auch gleichzeitig in die verzaubernde Text- und Klangwelt von Deine Lakaien zu versetzen.

Man kann mit ihn den Chor tönen, „Indicator“ sei das beste Werk von Deine Lakaien und Anwärter des Albums des Jahres überhaupt. Vielleicht, aber wenn die Band weiterhin diese Qualität beibehält und steigert, stehen den Anhängern wohl noch große, wenn nicht sogar bessere Werke bevor. Aber im Jahr 2010 kann man sich zunächst mit einem Geniestreich begnügen.

Also alles beim Alten im Neuen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: