Deine Lakaien im Rückspiegel: „Ein überragendes Konzert“ im Werk II

Alexander Veljanov taucht aus dem Dunkel der Bühne auf. Schnell strebt er zum Fotograben, streckt dort ganz weit und lange seine Zunge raus. Die Gruftis im Publikum lachen, klatschen und johlen. Wenig später sagt er mit singender Stimme „Auf Wiedersehen“ zu den Journalisten. Ein Artikel vom 16. Oktober 2010 für die L-IZ.

Diesen kleinen an die Knipselite Leipzigs gerichteten Scherz konnten die rund 800 Gäste im Werk II gleich zu Beginn des zweieinhalbstündigen Hitfeuerwerks der schon seit 1985 bestehenden Gothic-Formation Deine Lakaien erleben. Wer es nicht weiß, Pressefotografen dürfen bei Konzerten für die ersten drei Lieder in den Fotograben, für Zeitungen und Magazine Fotos schießen. Dann ist Schluss mit Arbeit, Band und Fans sind dann ganz unter sich.

Eine Stunde vor dieser witzigen Showeinlage gähnt die Halle A der Werk II-Kulturfabrik vor Leere. Anders als bei ASP am 2. Oktober, als Unmengen an Fans um Einlass baten und für ein ausverkauftes Haus sorgten, füllt sich die lange Fabrikhalle nur zögerlich.

„Aber auf den Eintrittskarten und in den Veranstaltungshinweisen steht der Beginn für 21 Uhr“, raunt erstaunt ein Fan, der zum ersten Mal bei einem Lakaien-Konzert ist und stolz seinem Kompagnon berichtet, dass er sich jedes Lakaien-Album kauft, weil er das Projekt so gut findet. Solo habe er Veljanov in der Theaterfabrik vergangenes Jahr sehen können, nun sieht er seinen Held mit Alexander Horn und seinen anderen Mitstreitern. Das Konzert ist für ihn etwas ganz besonderes.

Weil er so selten auf Konzerte geht, schielt er ganz verstohlen zur Bühne und ahnt schon den Grund, warum auf seiner Eintrittskarte erst 21 Uhr steht und nicht 20 Uhr, bei einem Einlass von halb Acht Uhr abends. Dabei übersieht er, dass Alexander Velanjov auf dem Weg zum Backstage mehrfach schaut, wie viel Publikum da ist. Vielleicht war der Fan nur abgelenkt.

Auf die Bühne steigt eine große, attraktive Frau, die sich schüchtern an ihr Keyboard setzt und moderne Oden an die Nacht besingt. Ruhig wird’s, keiner wagt es bei Vic Anselmos eindringlichen Stücken zu atmen, vielmehr saugen einige die Luft stoßweise in ihre Lungen – sie merken, dass eine anstrengende Woche ihre Spuren hinterlässt. Sie sind müde und gähnen.

Die anderen Gäste sind wie in einem Traum gefangen, wissen auch nicht, dass Vic Anselmos Album „Trapped In A Dream“ heißt und klatschen wohlwollend Anstandsbeifall – sie sind wegen der Lakaien hier. Für alle später kommenden Gäste in der stetig sich füllenden Halle A mausert sich die stimmgewaltige junge Dame aus Riga von Song zu Song mehr zur ersten Überraschung des Abends. Die auch mal auf Deutsch singende Frau wird wohl einigen im Mai untergekommen sein, wo sie auf dem aktuellen Album „Ion“ des ehemaligen Anathema-Bassisten Duncan Patterson gesungen hatte.

Wer aber sich mit der in weiß gekleideten Dame eingehender beschäftigt hat, stellt heute Abend fest, hier fiepen nicht die typischen Techno- und Elektrolaute aus den Boxen, lediglich ein sanfter Teppich aus anmutig gespielten Pianoklängen breitet sich aus. Schwarz-Romantik pur, etwas klischeebeladen aber ganz ordentlich.

Nach einer halben Stunde verabschiedet sich Vic Anselmo ebenso elfenhaft, wie sie gekommen ist. Sie tritt aus dem künstlichen Mondlicht heraus und schwebt von dannen. Ein Abgang der nun weit mehr und kraftvollen Beifall bekleidet wird. Sie freut sich, dass ihre Musik offenbar so gut ankommt, steht sie doch nirgends auf den Tourplakaten als Support, wurde auch sonst nicht angekündigt. Selbst auf ihrer Myspace-Seite stehen nur zwei Auftritte in Erfurt und Berlin, die sich zufällig auch mit den Auftritten von Deine Lakaien decken.
Die Stimmung knistert, der ehemalige Kapellmeister Ernst Horn betritt die Bühne. Er überprüft, ob die Techniker alles an seinen Platz gestellt haben. Die Spannung steigt, … noch zehn Minuten heißt es. Doch die Fans müssen nicht mehr so lange warten. Die Konservenmusik verschwindet, das Saallicht verlischt, Cellist „B.Deutung“ und die Violinistin Ivonne Fechner betreten zaghaft die Bühne, setzen und stellen sich in Pose, warten auf den schwarzen Dirigenten mit der seltsamen Frisur.

Indes ist auch Ernst Horn wieder an seinem Platz, Gitarrist Robert Wilcocks stellt sich an den seinen und vertieft sich in sein Spiel. Musik schwillt langsam an, „On Your Stage Again“ vom aktuellen Werk „Indicator“ erklingt, das Publikum tobt sofort.

Nun endlich schreitet Alexander Veljanov aus dem Dunkel der hinteren Bühne nach vorne, singt mit vollem Brustton oder ganz sanft eine Weise nach der anderen, wie „Over And Done“ und „Fighting The Green“. Das Spiel mit den Kameras, schnelle Bewegungen, viel Lichtzauber aus dem Hintergrund und eine heraus gestreckte Zunge. Der feinsinnige und augenzwinkernde Humor von Alexander Veljanov kennt heute keine Grenzen.

Denn diese Band weiß sich in Pose zu setzen und das Gezappel im Fotograben nicht ganz so ernst zu nehmen. Die Fans finden das Katz-und-Maus-Spiel gut. „Auf Wiedersehen, liebe Fotografen“, gibt Veljanov ironisch dem selbst ernannten „Fotografenpack“ auf den Weg. Auch die mit großen Objektiven behangenen Damen und Herren nehmen’s mit Humor. Sie alle wissen, ganz ohne Fotos geht’s nun doch nicht.

Das Publikum Leipzig rastet indes aus, wird aber zusehends stiller. Offenbar vergessen sie zu klatschen, wenn ein Stück vorbei ist. „Was ist los Leipzig?“, ruft Veljanov. Nichts ist los, die Gothics schreien sich wieder warm. Offenbar waren die mitunter im typischen Wiegenschritt verträumt tanzenden Anhänger zu sehr vertieft in dem Zauber der neuen Klänge von „Indicator“.

Bloß gut, dass das Leipziger Publikum wieder auflebt, sonst wären Deine Lakaien nicht zu den drei Zugaben zurück auf die Bühne gekommen. Doch zunächst heißt es für die Fans ganz viel „Indicator“. Stücke wie die Hitsingle „Gone“, „One Night“, die beide Veljanov gesanglich vertauscht, weil diese Lieder zum Anfang ihrer kurzen Gastspielreise in einer anderen Reihenfolge gespielt wurden.

Nochmals Einsatz auf Anfang. „Who’ll Save Your World“ wird verhalten angenommen, dagegen „Blue Heart“ und „Six’o Clock“ umso frenetischer gefeiert. „Immigrant“ und „Europe“ stimmen die Leipziger nachdenklich. Dazwischen gesellen sich Klassiker wie „Forest“, von ihrem Album „Forest Enter Exit“ oder „Where You Are“ von ihrem Werk „White Lies“ und das umjubelte „Return“ von „Kasmodiah“.
Die Band geht ab. Die Fans auch, denn sie wollen die beliebte Formation nicht von der Bühne gehen lassen. Noch eine Runde bitte, „Zugabe!“ Nach zwei Minuten erscheinen Veljanov und Horn samt B.Deutung, Fräulein Fechner und Herrn Wilcocks auf der Bühne. Veljanov verkündet, dass sie ganz tief in der eigenen Geschichte gegraben haben und ein Stück spielen, das sie zuletzt 1993 live gespielt haben sollen.

„Mindmachine“ von ihrem 1993 erschienenen Album „Forest Enter Exit“ wird angestimmt, ein besonders experimentelles und langes, stimmungsvolles Stück. Veljanov zeigt sich in Höchstform, mal schreitet er langsam über die Bühne, mal scheint er sich wie in Zeitraffer ruckartig zu bewegen. Immer gemessen und bedacht. Die Gothics hingegen tanzen leise und sachte, lassen die Röcklein schweben.

Nun verneigt sich die Band zum Abschied, aber die Leipziger und angereisten Gäste haben nicht genug. Sie schöpfen das Repertoire von Deine Lakaien aus
und holen die Band unter berauschendem Beifall zurück auf die Bühne. Noch drei Stücke wie „Through The Hall“, aber nun ist Schluss? Nein, nicht ganz. Eine dritte Zugabe „Along Our Road“ wird gespielt, abermals verneigt sich Deine Lakaien ganz tief vor ihren Fans.

Sie sind nun zufrieden, sind satt und strömen schnell zu der Garderobe und den Ausgängen. „Ein überragendes Konzert“, hört man sagen, Augen glänzen.

Im neuen Jahr gibt’s mehr, wenn die Band wieder auf Tour kommt und auch auf Festivals spielen wird – vielleicht auch auf dem Jubiläums-Wave Gotik Treffen 2011? Ausschau halten!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: