Deine Lakaien im Rückspiegel: Alexander Veljanov im Interview

Die Dark Wave-Formation Deine Lakaien veröffentlichte 2010 ein Album. Dass nach fünf Jahren Studiopause sich Neuerungen einschleichen, ist beim Lauschen von „Indicator“ hörbar. Darüber und über das Entstehen der neuen Scheibe sprach ich mit dem charismatischen Sänger Alexander Veljanov. Ein Interview vom 17. September 2010 für die L-IZ.

Herr Veljanov, ein neues Studioalbum nach fünf Jahren steht an. Müssen die Fans große Veränderungen bei „Indicator“ hinnehmen? 

Wir denken, dass in den fünf Jahren keine wirkliche Pause in dem Sinne da war, weil wir sehr aktiv gewesen sind, sowohl live mit Orchester, als auch als Duo akustisch im Winter, aber auch mit unseren Solo-Projekten. Wir haben über ein Jahr an dem neuen Album gearbeitet und haben das Gefühl, dass „Indicator“ nicht völlig anders ist, als die bisherigen Alben. Aber es gibt einige neue Aspekte, die „Indicator“ aufzeigt und Überraschungen birgt.

Mich interessieren die neuen Aspekte und die Überraschungen. Haben die Erfahrungen mit den Akustik-Auftritten Einfluss auf ihre Arbeitsweise für „Indicator“ genommen.

Es ist schwer selbst zu urteilen, was man macht. Wir haben es als wichtig betrachtet, dass selbst unsere neu arrangierten – ich sage mal ganz flapsig – alten Gassenhauer in der Orchesterbesetzung neu gewirkt haben. Das gleiche gilt natürlich auch für die Lieder, die wir als rein akustische Songs im Sinne von Klavier und Gesang dargeboten haben.

Da lernt man selbst Lieder neu kennen und wir haben auf der Akustik-Tour schon zwei neue Lieder vorgestellt. Die Resonanz hat es gezeigt, dass das Publikum nicht nur die alten Titel hören will, sondern auch gespannt ist, was es neues gibt. Ich denke, das hat den Arbeitsprozess zusätzlich beflügelt. Es ist auch sehr schön gewesen, wie sehr das Publikum enthusiastisch gewesen ist.

Die enthusiastischen Reaktionen habe ich bei ihrem Solo-Auftritt auf der Leipziger Parkbühne beim diesjährigen Wave Gotik Treffen gesehen. Wie haben Sie den Auftritt wahr genommen?

Das war der letzte Auftritt mit meinem Solo-Projekt, der, wie ich fand, etwas ganz besonderes war. Open Air-Festivals haben einen besonderen Reiz. Ich empfand das Publikum sehr begeisternd und begeisterungsfähig. Das WGT ist sehr international besucht, was mir sehr gut gefällt und … ja, … die Musik, die ich mit ‚Porta Macedonia‘ und generell mit meinen Solo-Alben mache, ist nicht gleichzusetzen mit Deine Lakaien.

Es freut mich sehr, dass die Fans akzeptieren, dass der Sänger einer Band, die sie mögen, auch solo arbeiten darf. Das wird nicht immer gerne gesehen. In dem Fall – das hat man in Leipzig gesehen, dass es wichtig ist, nicht nur Deine Lakaien zu machen. Das gilt auch für meinen Kollegen Ernst Horn, der in all den Jahren neben den ‚Lakaien‘ immer wieder verschiedene Projekte und Arbeiten machen kann.

Um wieder auf das neue Album zurückzukommen, das Wort „Indicator“ hat viele Bedeutungen. Welche Bedeutung trifft auf die Namenswahl ihres Albums zu? Wir empfanden es als passend, dass wir trotz des emotional aufgeladenen und auch inhaltlich vielfältigen Albums, ihm einen technisch kühlen Titel geben. „Indicator“ hat in der Tat viele Bedeutungen, im Englischen mehr als im Deutschen. Hier steht das Wort für Orientierung, also dass man sich orientiert, was man bis jetzt gemacht hat, wo man heute steht und wohin der Weg weiter führt. Wenn man sich „Indicator“ anhört, kann man sich ein Bild davon machen, was Lakaien 2010 zu bieten haben.

Für uns selbst war bei diesem Album wichtig, dass die Angst sich zu wiederholen, die immer da ist, wenn man so lange wie wir zusammen arbeitet, sehr schnell weg war. Wir haben gesehen, dass es viele unbeschrittene Wege gibt. Es existieren viele Dinge, die wir nicht ausprobiert haben, die auf diesem Album inhaltlich und musikalisch zu hören sind. Es ist schön, dass wir nicht der Routine verfallen sind.

Das hört man auch. Mir persönlich ist aufgefallen, dass die Kompositionen sehr transparent, die Klänge greifbar sind. Die Kompositionen lassen sehr viel Raum. Woran liegt das? Es ist die Art und Weise, wie wir arbeiten. Jeder Song ist eigenständig, wir produzieren keine Hitsingles in dem Sinn. Jedes Stück erzählt für sich eine in sich geschlossene Geschichte, beleuchtet unterschiedliche Aspekte. Wichtig ist, dass ein Album nach hinten nicht abfällt. Für uns fiel die Entscheidung schwer, welche Songs auf die CD kommen und welche nicht. Man muss wissen, dass wir 20 Stücke für „Indicator“ komponiert hatten, nur 12 sind auf das Album gekommen.

Es ist auch so, dass eine Special Edition kommt, wo unveröffentlichte Titel erscheinen, oder auf der Single „Gone“, wo auch „Kraken“ mit drauf ist. Dieser Titel ist, obwohl er nicht mit auf dem Album ist, genauso wichtig wie die restlichen Songs. Es gibt also keine klassischen Füller, .. ich hoffe, dass das auch der Hörer so empfindet. Ich denke, es ist schön, wenn man ein Album anfangen kann mit einem Lied, dass wie „One Night“ eine … hmm, … erotische … Ballade ist. Es geht auch darum, die Hörer ein Stück weit zu fordern, vielleicht auch zu provozieren und nicht nur Erwartungen zu erfüllen.

„Go Away Bad Dreams“ ist so ein ungewöhnlicher Titel, in dem Klänge auftauchen, die man nicht so schnell einordnen kann. Ist das ein Scharren? Welche Instrumente haben Sie da verwendet? 

Von der Basis her ist das Album sehr elektronisch. Das ist nun mal unsere Wurzel. Wir fingen ja in den Achtziger Jahren als reines Elektronik-Duo an im damals typischen Stil. Wir haben aber auch immer live mit akustischen Instrumenten gearbeitet, dann auch im Studio. Auf „Indicator“ spielen unsere Live-Musiker Geigen, Cello, Gitarren und Klavier sowie diverse andere Instrumente. Es sind auch viele Samples in das Sound-Geflecht eingegangen.

Ernst Horn steht für einen sehr originären Sound. Das ist das große Glück, dass ich mit einem großen Musikerkollegen zusammen arbeite, der sich nicht auf vorgefertigte Sounds verlässt, die auch bei anderen Bands auftauchen, sondern alles individuell selbst entwickelt.

Unverkennbar an Ernst Horns Sound ist eben das Individuelle. Bei „Go Away Bad Dreams“ ist es diese Mischung …, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, … dieses Interessante, was Sie als ‚Scharren‘ bezeichnet haben, diese ungewöhnlichen Samples, kombiniert allerdings auch mit akustischen Instrumenten. Die Melodie, die vielleicht an … na ja .. keltische, vielleicht irische Musik erinnert. „Go Away Bad Dreams“ ist ein Titel, der schwierig war, meiner Meinung nach. Ich bin sehr glücklich, dass er so gut geworden ist.Denn es besteht auch immer die Gefahr, dass man nicht das umsetzen kann, was man sich vornimmt. Ich denke, dass der Titel nicht einfach war, … um so erfreulicher ist das Ergebnis. Der Titel gehört für mich zu einem der besten des Albums.

Das denke ich auch, Aber vor allem, wie wird die Live-Umsetzung von „Indicator“ aussehen? Wir spielen auf der Tournee in unserer Band-Besetzung. Wer unsere Tourneen, unsere Konzerte gesehen hat, weiß, dass wir nie 1:1 unsere Songs auf der Bühne wie auf CD umsetzen. Das wäre auch langweilig. Bei einer Elektronik-Band ist es oftmals so, dass sie die Platte nur abspielt und nicht einmal live, sondern mit vielen Konserven (lacht) auf der Bühne mit Vollplayback spielt.

Kollegen gibt es auch, die das Publikum unterfordern, sich selbst auch unterfordern . Es gibt Elektro-Bands, die selbst zugeben, dass sie auf der Bühne Fernsehen kucken (lacht), während das Playback läuft. Das habe ich jetzt nicht erfunden, das ist ein Zitat von englischen Elektromusikern…

Wir versuchen mit unseren Musikern live zu arbeiten, dass alle Spaß dabei haben. Bei uns ist die Geige nicht nur optisch wichtig (lacht), sondern wirklich musikalisch. Es sind hervorragende Musiker bei uns, die mit Herzblut dabei sind. Das fließt in die Live-Bearbeitungen mit ein. Das ist auch der Freiraum, der bei den Proben herrscht, dass jeder seine Ideen einbringen kann und dann ist man freudig gespannt, was am Ende dabei herauskommt.

Bei einem Song, der live zum ersten Mal gespielt wird bei der aktuellen Tour, die in München beginnt, kann es natürlich sein, dass er am Ende der Tournee ganz anders klingt. Wir wollen Musik tatsächlich spielen und Spaß dabei haben und nicht nach dem fünften Konzert gähnen, weil am Ende doch alles gleich bleibt.

Da müsste man fast jedes Konzert von Deine Lakaien besuchen, um die Metamorphose zu hören, oder?Ja, es gibt auch Fans, die tatsächlich alle Konzerte besuchen und uns hinterher reisen, wenn es ihnen finanziell möglich ist. Es sind auch Leute, die mehrere Konzerte besuchen, weil sie wissen, dass wir eine Live-Band sind.

In Leipzig wird nach dem Lakaien-Konzert auch eine Aftershow-Party in einem anderen Club stattfinden. Werden Sie die Party auch besuchen?

Na ja gut, wenn man viele Jahre auf Tournee geht wie wir und weiß, dass es anstrengend ist, dann muss man sich natürlich auf die Hauptaufgabe, das Spielen und das „heil ankommen“ konzentrieren. Daneben ist Soundcheck, Konzert und dann ist keine Zeit mehr zum Feiern, weil für mich als Sänger das natürlich sehr heikel ist. Wenn man im Herbst und Winter unterwegs ist, läuft man ja auch auf die Gefahr, dass man sich erkältet. Und da ist eben nachts Hotel angesagt.

Solche Events wie Aftershow-Parties sind sehr schön, aber verführen zur Unvernunft und man geht dann doch lieber ins Hotel und ruht sich aus. Es liegen dann doch ein paar hundert Kilometer an Autobahnstrecke vor uns, und da kann ja alles mögliche passieren, so dass wir lieber heil am nächsten Konzertort ankommen wollen.

Dann ist die Aftershow-Party nur etwas für die Fans. Aber Sie haben vorhin angedeutet, dass sich auf „Indicator“ auch inhaltlich etwas geändert hat. Können Sie dazu etwas erzählen?Ich denke, dass hier vor allem gesellschaftliche, politische Themen und Kontexte aufgegriffen werden. Das gab es schon früher, aber dieses Mal ist dieser Fokus mit Songs wie „Who’ll Save Your World“, „Immigrant“, „Europe“ und „Old Man Is Dead“ noch viel stärker hervor getreten.

Auch die Titel, die auf der Bonus-CD zu finden sind wie „Young 2010“ und „Alabama“ greifen politische und gesellschaftspolitische Themen auf. Das sind Dinge, die uns als Menschen wichtig sind und wir als Musik verarbeiten.

Dabei fällt auf, dass diese Stücke nicht aggressiv oder wütend klingen, sondern eher nachdenklich.

Es kommt darauf an. Ich denke, „Six ‚o clock“ ist ein wütendes Stück. Es ist auch eins, das uns in einer ungewohnten Art zeigt. Nichtsdestotrotz, Musik ist auch eine Kunst, die unerträgliche Aspekte in sich trägt, aber nicht unerträglich klingen muss.

Nach Ihrer Tournee im Herbst, was steht dann bei Ihnen auf den Plan? Bereiten Sie sich dann auf neue Aufnahmen vor?

(Lacht) Wir haben doch gerade erst ein Album aufgenommen. Im Herbst werden wir zunächst die Tournee machen und abhängig vom Erfolg werden wir weitere Konzerte im nächsten Jahr planen und vor allem im Ausland.

Diese Tournee erstreckt sich erst einmal durch Deutschland, wir spielen aber auch gerne im Ausland, … ja, … da bin ich auch sehr gespannt, was alles kommen wird. Demnächst gibt es auch das eine oder andere Festival (Für das Amphi-Festival sind Deine Lakaien bereits bestätigt, Anm. d. Red.). Das ist der Haupttenor der kommenden Monate bei uns.

Es gibt auch Musiker, die ihre Songs während ihrer Tourneen schreiben. Wie ist es bei Ihnen, legen sie bei Ideenblitzen munter drauf los oder machen Sie sich Notizen für später?Ideen kommen, wann sie wollen und zu Zeitpunkten, die man sich nicht aussuchen kann. Wenn man Ideen hat, versucht man sie festzuhalten, was nicht immer gelingt. Aber im Grunde ist das ganze Leben davon geprägt als Künstler, dass man eben Ideen auffängt, wenn sie kommen und sie später dann ausarbeitet. Ich bin nicht jemand, auch Ernst nicht, der bei Tourneen an neuen Stücken arbeitet.

Zum Abschluss unseres Interviews möchte ich Sie gerne bitten, an unsere Leser in Leipzig, vornehmlich unsere schwarzen Gesellen, einige Grüße auszurichten.

Leipzig ist eine sehr vielfältige Musikstadt und hat ein sehr dankbares Publikum. Ich hoffe, dass wir im Oktober genauso begeistern können, wie ich bei meinem letzten Auftritt beim WGT. Ich möchte auch Dresden miteinbeziehen, wo wir zwei Akustik-Auftritte absolvierten. Ich hoffe auch, dass viele viele Menschen kommen und nicht nur aus der schwarzen Szene, sondern auch Leute, die sich keiner Szene angezogen fühlen, die aber neugierig geworden sind und die Vielfältigkeit unseres Publikums ausmachen.

Ich danke Ihnen für das angenehme Interview und wünsche Ihnen eine erfolgreiche Tournee. 

Ich danke Ihnen auch und wünsche Ihnen einen schönen Tag. Auf Wiederhören.

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