20 Jahre Conne Island: Ein Buch, das keine Geschichte schreibt

Ein Leipziger soziokulturelles Zentrum feiert Jubiläum und bringt ein Buch heraus. Es ist ein Rück- und Ausblick in einem. So solle es weitergehen wie bisher. Denn man fühlt sich wohl bei dem, was man bis jetzt erreicht hat. Knapp über 300 Seiten Selbstreflexion – ambivalent und ehrgeizig das Bild bei der Lektüre. Ein Artikel vom 20. September 2011 auf der Leipziger Internet Zeitung.

Viele Besucher kennen die Anfangsgeschichte des Conne Island nicht. Zu DDR-Zeiten ein Klubhaus, das ist klar. Zu Kaisers und den darauf folgenden Zeiten ein beliebtes Ausflugsziel der Leipziger neben dem Anker, Haus Auensee und weiteren Tanzsälen und Freisitzen gewesen, ist es heute ein soziokulturelles Zentrum mit einem Konzertsaal. Im Klubhaus Erich-Zeigner ist nun die Bürozentrale des Conne Island untergebracht, hier befinden sich die Backstageräume, wo Gruppen wie Agnostic Front, Paradise Lost, Katatonia, My Dying Bride und Comeback Kid seit 1992 entlang schlurften. Im Erdgeschoss ist das Café, draußen gibt es Freisitz und Grill.

Die Leser erfahren im Buch, was Hardcore Punk und Oi!-Musik bedeuten, warum das Conne Island ein beliebter kultureller Hotspot im südlichen Süden geworden ist. Spannend sicher die Geschichte des Eiskellers mit seiner Entstehung im frühen 20. Jahrhundert, die Gründung des Conne Island und der einher gehende politische Kampf in den Neunzigern, den die Betreiber auch mal lautstark im Leipziger Rathaus oder zuletzt in der Finanzamtbehörde austrugen. Doch gerade mit den geschichtlichen Ereignissen wird es kritisch: Während die Herausgeber des Paperback-Buches penibel auf Fotonachweise achten, fehlen bei strittigen Fragen die Quellenangaben wie zum Beispiel Presseberichte – so wertend oder alt diese auch in der Sicht der Conne-Island-Betreiber auch sein mögen. Ein wenig schleicht der Eindruck durchs Buch, nur die eigene Sicht sollte niedergeschrieben werden.

Was man bei der sonstigen Bandbreite auch vermissen könnte, ist eine Definition was Neofolk ist. wird allen Neofolk-Fans im Zusammenhang mit dem „Maroon-Gate“ im November 2010 unterstellt sie seien rechtsradikal oder rechtsextrem, fehlt der Quellennachweis zum besagten Interview, wo sich Maroon-Sänger André Moraweck „um Kopf und Kragen geredet“ haben soll.

Dagegen stehen unterhaltsame Berichte und persönlich gefärbte Schilderungen über all die Probleme und Kämpfe die im und um das Conne Island ausgetragen wurden und werden. Der Leser erfährt, wie sich im Montagsplenum Leute rhetorisch „schulen“, oder wenn sie es nicht können und mancher so außen vor bleibt. Man könnte beinah denken, man respektiere einander nicht. Hauptsache man beherrscht politisch-korrekte Rhetorik, egal ob die Behauptung, die man aufstellt oder nicht stimmt – so ein weiterer Eindruck beim Lesen dieser Darstellungen.

Gerade wenn es um Beweislast und die Vertretung der eigenen Meinung und Stellung des Conne Island gegenüber andere Jugend-Subkulturszenen geht, wird es ungenau. Auch die Begründung wirkt fade, dass das Conne Island die einst von rechtsradikalen Skinheads durchsetzte Oi!-Punk-Szene weg vom rechtsradikalen zum unpolitischen Duktus mit Konzertveranstaltungen drehte. Dabei kommen viele Zeitzeugen und Freunde des Conne Island zu Wort. Man beschäftigt sich im Buch mit sich selbst und weitgehend durch die eigene Brille. Eine kulturhistorische Abhandlung ist es dem folgend natürlich keine geworden, auch wenn man hier und da den Eindruck haben könnte.

So bleiben die wirklichen Überraschungen in der Sicht auf 20 Jahre Conne Island bei dieser Lektüre aus. Man ist anti-faschistisch, links, voller Popkultur. Punkt.

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